Hintermann erstmals auf einem Abfahrts-Podest
(Keystone-SDA) Niels Hintermann sichert sich seinen ersten Podestplatz in einer Weltcup-Abfahrt. Der Zürcher wird in Val Gardena beim Sieg des überraschenden Amerikaners Bryce Bennett Dritter.
Es war wieder einmal ein Tag der Überraschungen in Val Gardena. Die Saslong wurde ihrem Ruf als Terrain für Unerwartetes ein weiteres Mal gerecht. Zu diesem Tag passte, dass Otmar Striedinger das Podest komplettierte, der Österreicher, der für seine höher kotierten Teamkollegen in die Bresche sprang. Weltmeister Vincent Kriechmayr und der in der Disziplinenwertung führende Matthias Mayer mussten sich mit den Plätzen 14 und 16 bescheiden. Zu diesem besonderen Tag passte auch, dass der als Topfavorit gestartete Norweger Aleksander Kilde, der Gewinner des Super-G vom Vortag und der letzten zwei Abfahrten auf der WM-Strecke von 1970, nach klaren Zwischenbestzeiten ausschied.
Die schwierige letzte Saison
Hintermann hätte für eine Klassierung unter den ersten zehn unterschrieben. Es wäre auch so die nächste Bestätigung seiner guten Frühform gewesen, die Fortsetzung guter Ergebnisse, nachdem er in Lake Louise in Kanada Zwölfter und in Beaver Creek im US-Staat Colorado Siebter geworden war.
Die neuerliche Steigerung hin zum ersten Podiumsplatz in einer Weltcup-Abfahrt macht natürlich Lust auf mehr, auf eine Teilnahme an den Olympischen Spielen in Peking etwa, für die er die Selektionskriterien selbstredend erfüllt hat. Doch Hintermann winkt ab. «Es wäre naiv und auch ein wenig arrogant zu sagen, dass es jetzt so weitergeht. Man muss sehen, woher ich komme. Ich habe eine schwierige Saison hinter mir, auch aus psychischer Sicht.»
Diese letzte Saison hatte es mit Unerfreulichem in der Tat in sich. Zwei Stürze, der eine in der Abfahrt in Val d’Isère, wo Hintermann womöglich unterwegs zum Sieg war, der andere in der Abfahrt in Bormio, bei dem er sich eine Knieverletzung zuzog und deshalb mehr als einen Monat keine Rennen bestreiten konnte, waren heftige Rückschläge.
«Ich nehme deshalb jedes Resultat gerne. Jedes Ergebnis bringt mir ein bisschen mehr Selbstvertrauen», sagte der Zürcher, der zuvor im Weltcup erst einmal unter die ersten drei gefahren war – vor bald fünf Jahren, als er als Sieger in der vom Wetter beeinträchtigten Kombination in Wengen das grosse Los gezogen hatte.
Zweitbester Schweizer am Samstag war Beat Feuz. Der Emmentaler klassierte sich nach einer wilden Fahrt mit einer knappen halben Sekunde Rückstand auf Bennett als Fünfter. Ein Lichtblick im Team von Swiss-Ski war auch Yannick Chabloz. Der Nidwaldner wurde in seinem erst zweiten Weltcup-Rennen Dreizehnter.
Die grosszügigen Spenden
Der Sieg von Bennett kam zwar überraschend, aber nicht ganz ohne Ankündigung. Zwei seiner bisher besten Ergebnisse im Weltcup hatte der zwei Meter und fünf Zentimeter lange Athlet aus Squaw Valley in Kalifornien in den Abfahrten in Val Gardena erreicht. Vor zwölf Monaten war er Vierter geworden – und vor drei Jahren ebenfalls. Es war die Saison, in der er nur noch dem B-Team angehörte. Platz 20 in der Abfahrts-Weltcupwertung reichte nach einer Statutenänderung für den Nationalmannschaftsstatus nicht mehr.
Die Rückstufung hatte vorab finanzielle Konsequenzen. Bennett war gezwungen, einen Teil der Kosten selbst zu tragen, rund 25’000 Dollar. Die unbefriedigende Situation weckte Gedanken an den Rücktritt. Bennett fehlte die Motivation fürs Weitermachen. Der Frust war grösser als der Durchhaltewillen.
Die Wende brachte eine Spendenaktion in Vail, Colorado, bei der zahlreiche gut betuchte Landsleute Bennett und seine Kollegen unterstützten. Die Geldsorgen waren nicht mehr, der Weg für den nächsten Versuch war geebnet, sich im Kreis der weltbesten Alpinen zu etablieren. Der vierte Platz vor drei Jahren in Val Gardena bekräftigte ihn zusätzlich im Glauben an den Sprung ganz nach oben. «Ich kann es schaffen. Ich bin ein Kandidat fürs Podium», dachte er damals.
Seit Samstag hat Bennett die Gewissheit, dass er sich mit seiner Selbsteinschätzung nicht geirrt hat. Der Tag der Überraschungen ist für ihn auch ein Tag der Bestätigung.