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100 Jahre Ordnung

Bundesrat Samuel Schmid mit dem 100-jährigen "Kunstwerk". Keystone

Der Bundesordner ist 100 jährig. Sogar ein Mitglied der Landesregierung nahm an der Jubiläumsfeier teil und würdigte den Aktenordner, der in der Schweiz zur Masseinheit für Aktenberge wurde. Aber nicht nur.

Tief im Landesarchiv an der Gerichtshausstrasse 25 in Glarus lagert seit Urzeiten eine profane Holzkiste. Darin findet sich die Prozessakte gegen die angebliche – und erst in diesem Jahr rehabilitierte – letzte Hexe der Schweiz: Anna Göldi.

Doch, wo kämen wir hin, wenn der gesamte Aktenberg der Schweiz in Holzkisten gelagert werden müsste. Unser Wald wäre längst Geschichte.

Glücklicherweise wurde uns der Bundesordner geschenkt. Damals vor hundert Jahren, als die Papierflut einsetzte.

Schweizer Ikone

Seither hat sich das «stabile Stück Schweiz» zu einer Institution gemausert und spielt in der gleichen Liga wie etwa das Armeesackmesser.

Dass an der Jubiläumsfeier der Herstellerfirma Biella aus Biel sogar Bundesrat Samuel Schmid anwesend war – der ja im Moment einen starken Rücken, wie ihn der Bundesordner hat, braucht – unterstreicht den Kultstatus des Ordners.

«In welchem Land würde bei der Feier eines Ordners ein Mitglied der Landesregierung anwesend sein», sagte der Verteidigungsminister deshalb folgerichtig.

Masseinheit

Naja, könnte man einwenden: Papier wird überall auf der Welt in rauen Mengen gehortet und in Ordnern aufbewahrt. Also, was soll’s?

In der Schweiz ist der Bundesordner eben mehr als ein «Schnellhefter». Er ist auch so etwas wie eine Masseinheit geworden. Wer mit gefüllten Bundesordnern auftrumpfen kann, der hat schon mal eine moralische Legitimation und beeindruckt die Öffentlichkeit.

Berühmtestes Beispiel: Der Prozess rund um die gegroundete Schweizer Airline Swissair. «Allein die Untersuchungen über den Untergang der ehemaligen Schweizer Luftverkehrsgesellschaft umfasste über 4000 Bundesordner», war vielerorts zu lesen.

Und trotzdem endete der Prozess gegen die vermeintlich Verantwortlichen für das Desaster mit Freisprüchen auf der ganzen Linie. Da kann doch etwas nicht stimmen. Warum dann die vielen Ordner?

Begründungen

Der Bundesordner, Bundesrat Schmid nannte ihn sogar ein «Kunstwerk», wird beispielweise auch herangezogen, um einen Misserfolg ungebührlich und ungerecht erscheinen zu lassen. So schreibt ein Stellensuchender in einem Internet-Blog:

«Ich bewerbe mich schon seit zwei Jahren, habe zwei Bundesordner voll von Bewerbungen und Absagen. Spinn ich oder was? Sind wir mit 40 alte Leute?»

Auch bei Entrüstung kann der Bundesordner gute Dienste leisten: «Wir hätten Auflagen erfüllen sollen, die einen ganzen Bundesordner füllen würden.»

Natürlich kriegt auch die Armee via Bundesordner ihr Fett ab. Hans Schatzmann, Präsident der schweizerischen Offiziersgesellschaft, verlangt, dass der Papierberg in der Armee eingeschränkt wird und schreibt: «Der Wiederholungskurs 2000 füllte noch einen Bundesordner, 2002 waren es zwei, und jetzt sind es bereits drei Ordner.»

Keine Angst vor Zukunft

Was aber, wenn das papierlose Büro Tatsache wird, so wie es in einer Annonce einer Softwarefirma angepriesen wird?

«Statt ein Archiv für alle Belege zu führen, das für rund 250’000 Dokumente eine Länge von rund 40 Metern für die entsprechenden Bundesordner beanspruchen würde, ist alles Platz sparend auf einem 1,9 GByte grossen Datenspeicher abgelegt.»

Marco Arrigoni, CEO bei Biella, verweist gegenüber swissinfo auf die Jahresproduktion 2007. Über 12 Millionen Bundesordner seien allein in der Schweiz verkauft worden.

«Versuchen Sie mal eine Floppy-Disc aus den 1980er-Jahren auf einem heutigen Computer zu lesen», sagt Arrigoni und fügt an: «Was in einem Bundesordner von 1908 geheftet ist, können Sie noch heute problemlos lesen.»

Entsorgen

Bleibt noch eine letzte Frage: Wie, sollte es doch mal notwendig sein, wirft man in der Schweiz einen Bundesordner in den Müll?

Dazu die Abfallverantwortliche einer kleineren Wohngemeinde im Kanton Bern: «Sie entfernen die Metallteile wie Panzerrand, Hebelmechanik und Niederhalter und bringen diese in die Metallsammelstelle. Die Kartonteile dürfen Sie nicht ins Altpapier werfen. Warten Sie auf die zwei Mal im Jahr stattfindende Kartonsammlung.»

swissinfo, Urs Maurer

1908 stellt die Schreibbücher- und Papierwarenfabrik Biel ihren ersten Aktenordner her.

In den 1920er-Jahren erhält er im Volksmund den Namen «Bundesordner», da er hauptsächlich in öffentlichen Verwaltungen Verwendung findet.

Später wird der Name beim Bundesamt für geistiges Eigentum als Markenname eingetragen. Der französische Ausdruck «Classeur fédéral» folgt später.

Der «Ur-Bundesordner» hat einen grau-schwarz marmorierten Überzug, einen Metallrand (Panzerrand), ein von Lorbeerzweigen umgebenes Schweizer Kreuz auf dem Rücken unter dem Griffloch. Er misst 28 mal 32 mal 7 Zentimeter.

Ab 1961 wird der Ordner farbig. Heute gibt es ihn in 17 Farben.

Trotz Computerzeitalter werden allein in der Schweiz jährlich 12 Mio. Stück verkauft.

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