The Swiss voice in the world since 1935
Top Stories
Schweizer Demokratie
Newsletter
Top Stories
Schweiz verbunden
Podcast

Berner und Zürcher im Himalaya-Museum in New York

swissinfo.ch

Seit 2008 ist der Berner Tibet-Experte Martin Brauen Chef-Kurator im Rubin Museum of Art in New York. Nun präsentiert das Museum eine Ausstellung über den Zürcher Psychoanalytiker Carl G. Jung und dessen erstmals veröffentlichtes "Rotes Buch".

Im «Roten Buch» hatte Jung (1875 – 1961) über viele Jahre Gedanken, Träume, Visionen und Phantasien festgehalten.

Das Buch erzählt von Jungs Kampf mit den eigenen Dämonen, um Licht und Dunkel, Bewusstsein und Unterbewusstsein.

Er bezeichnete diese Periode seines Lebens später als eine «Konfrontation mit dem Unterbewusstsein», wie das New York Times Magazine im September 2009 berichtete.

Neben Textbeiträgen enthält das Buch zahlreiche Zeichnungen Jungs, vor allem in der Form von Mandalas, die im tibetischen Buddhismus eine grosse Rolle spielen.

Nach mehr als 12 Jahren Vorarbeit kam das Buch am 7. Oktober 2009 in einer Faksimile-Version erstmals in den Handel (englische und deutsche Version), am gleichen Tag wurde die Ausstellung im Rubin Museum eröffnet.

Jungs Erben hatten sich zuvor Jahrzehnte lang dagegen gewehrt, das «Rote Buch» der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Mandalas als verbindendes Element

Wie kam das Rubin Museum, das sich Kunst und Kultur aus der Himalaya-Region widmet, dazu, eine Ausstellung über C.G. Jung zu inszenieren? «Jung würde wahrscheinlich sagen: Synchronizität», erklärt Martin Brauen im Gespräch mit swissinfo.ch in New York.

«Verbindende Elemente sind aber sicher Jungs Interesse an Mandalas und Kosmologie», sagt Brauen. Als er letzten Sommer seine Stelle im Rubin Museum antrat, hatte der Gründer des Museums erklärt, er hätte gerne einmal eine Schau über Jung, es gebe noch dieses «Rote Buch», das bald einmal veröffentlicht werde.

«Jung und seine Theorien waren mir natürlich nicht fremd, aber über das ‚Rote Buch‘ habe ich nicht viel gewusst», sagt Brauen. Er nahm die Idee auf und es folgten Kontakte zu Jungianern in den USA, dem Herausgeber und Übersetzer der Faksimile-Version sowie den Erben Jungs in Zürich.

Nach intensiven Diskussionen willigten die Erben schliesslich ein, das Original des «Roten Buchs» für die Ausstellung in New York zur Verfügung zu stellen, wie Brauen erklärt.

Bilder, die Fragen aufwerfen

Neben dem Original, das sicher unter Glas liegt, sind in der Ausstellung Skizzen von Jung aus seiner Militärzeit während dem Ersten Weltkrieg zu sehen, dazu Landschaftsbilder und weitere seiner Tagebücher, sowie Jungs erstes Mandala von 1916.

Das «Rote Buch» sei ein interessantes Werk. «Für mich sind vor allem die Bilder spannend. Man kann sich viele Fragen darüber stellen, was Jung sich gedacht hatte, als er die Bilder malte und so weiter.»

Damit sich auch Besucher und Besucherinnen ein genaueres Bild machen können, liegen Faksimilie-Ausgaben des «Roten Buches» auf, in denen man frei herumblättern kann.

Die Ausstellung wird von einer Diskussionsreihe begleitet, die bereits im Vorfeld auf reges Interesse stiess. Der erste Diskussionsabend war Wochen zuvor ausverkauft. Jung hat in den USA bis heute eine Gefolgschaft.

Aus dem Vollen schöpfen

Martin Brauen gilt als internationaler Mandala-Experte, 1992 hatte er bereits im Völkerkundemuseum Zürich eine Mandala-Ausstellung organisiert.

2008 zog er von Zürich nach New York ans Rubin Museum. Es sei weltweit das einzige Museum, das sich nur dieser einen Thematik – Kunst und Kultur der Himalaya-Region – verschreibe, für die er selber sich seit Jahrzehnten interessiere und engagiere.

Das Team sei klein, aber sehr engagiert. Die Wirtschaftskrise sei auch am Rubin Museum nicht spurlos vorbei gegangen. «Trotzdem. Ich kann hier ziemlich aus dem Vollen schöpfen. Ich kam mit vielen Projekten im Kopf hierher und einige habe ich bereits realisiert.»

Dazu gehört eine umfassende Mandala-Ausstellung, die noch bis im Januar 2010 läuft. Und die Jung-Ausstellung passe thematisch zu der Mandala-Schau.

Faszination Tibet

«Meine Faszination für Tibet, dessen Volk und Kultur geht auf meine ersten Kontakte mit Tibet-Flüchtlingen zurück, die ich so im Alter von etwa 16 Jahren in der Schweiz kennenlernte.»

Die Menschen faszinierten ihn, schon im Gymnasium sammelte er Geld für Tibet-Flüchtlinge. «In der Folge stieg auch mein Interesse an der Kunst Tibets.»

Noch als Medizinstudent organisierte Brauen die erste grosse Ausstellung über Kunst aus Tibet in Europa. 1968 wurde sie im Gewerbemuseum Winterthur, 1969 im Helmhaus Zürich gezeigt. «Es war der Anfang meiner Karriere als Kurator», sagt Brauen heute.

Studien in Indien

Er brach sein Medizinstudium ab und studierte ein Jahr lang Buddhismus in Neu Delhi. In Indien lernte er auch die Tibeterin Sonam kennen, seine spätere Ehefrau. Auch seine Bekanntschaft mit dem Dalai Lama geht auf das Jahr seiner Studien in Indien zurück.

Nach der Rückkehr in die Schweiz studierte Brauen Ethnologie und Religionsgeschichte und wurde Assistent am Völkerkundemuseum, wo er zuletzt Vizedirektor war und im Verlauf der Jahre zahlreiche Ausstellungen kuratierte.

Rita Emch, New York, swissinfo.ch

Das Rubin Museum of Art ist auf Kunst aus dem Kulturkreis der Himalaya-Region spezialisiert.

Das Museum wurde 2004 in einem umgebauten Warenhaus in Chelsea eröffnet. Der Anstoss dazu gaben Donald und Shelly Rubin, die eine umfangreiche Kollektion aufgebaut hatten.

Martin Brauen hat Pläne, das Museum nicht nur thematisch – mit einer vergleichenden Ausstellung von Kosmologien zum Beispiel – sondern ab nächstem Jahr auch für zeitgenössische Kunst aus der Himalaya-Region zu öffnen.

Er könnte sich auch vorstellen, dass die Kunst, die im Museum zu sehen ist, mit der Zeit auch aus einem geografisch erweiterten Kreis kommen könnte, der etwa auch Afghanistan oder den Norden Indiens umfassen könnte.

Das Wort Mandala kommt aus dem Sanskrit und bedeutet Kreis.

Ein Mandala ist ein grafisches Kreismuster, grundsätzlich mit vier Segmenten und meist symmetrisch gespiegelten Mustern.

Im Buddhismus ist das Mandala eine Wiedergabe des Universums und dient der Meditation.

Martin Brauen ist 1948 in Bern geboren.

Nach der Matura Beginn des Medizinstudiums in Bern.

1968: Er organisiert seine erste Tibet-Ausstellung im Gewerbemuseum Winterthur; 1969 wird die Schau auch im Helmhaus Zürich gezeigt.

1970: Abbruch des Medizinstudiums und ein Jahr Studium des Buddhismus in New Delhi. Während dieser Zeit lernt er seine spätere Frau, eine Tibeterin, kennen.

Nach der Rückkehr in die Schweiz studiert Brauen Ethnologie und Religionsgeschichte in Zürich; Assistent am Völkerkundmuseum.

Nach fast 35 Jahren im Völkerkundemuseum zieht Brauen 2008 nach New York als Chef-Kurator am Rubin Museum of Art.

Brauen ist verheiratet und Vater von zwei mittlerweile erwachsenen Kindern.

Beliebte Artikel

Meistdiskutiert

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft