Debatte um Genmanipulation ist neu entfacht
In Grossbritannien dürfen künftig Misch-Embryonen aus Mensch und Tier hergestellt werden. Dieser Entscheid hat auch in der Schweiz die Diskussion um die Ethik in der Genforschung neu angeheizt.
In der Schweiz dürfen überzählige embryonale Stammzellen für die Forschung verwendet werden, Klone oder Hybride zu produzieren, ist jedoch verboten.
Viele Wissenschafter sind der Meinung, es sei nun an der Zeit, das Gesetz zu lockern, wenn die Schweiz ihren Spitzenplatz in der Forschung behalten will.
Hans Hengartner, Professor für Immunologie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich sagte gegenüber dem Boulevard-Blatt «Blick», das Schweizer Verbot treibe junge Forscher ins Ausland.
Die Produktion solcher so genannten Chimären soll der Forschung helfen, Therapien gegen unheilbare Krankheiten wie Alzeimer oder Parkinson zu finden.
Obwohl die britische Gesetzgebung vorschreibt, die erzeugten Embryos innerhalb von vierzehn Tagen zu vernichten, warnen die Medien teils vor «Monstern», die geschaffen würden.
Kontroverse
Trotzdem gibt es Stimmen, die über die Idee von Hybrid-Zellen beunruhigt sind. So zum Beispiel Ruth Baumann-Hölzle, Mitglied der Eidgenössischen Ethik-Kommission im Bereich Human-Medizin. Mit diesem Entscheid sei eine weitere «grundlegende Schranke» überschritten worden.
Laut Baumann-Hölzle, Leiterin des interdisziplinären Instituts für Ethik im Gesundheitswesen in Zürich, besteht die Gefahr, dass die Gesellschaft vom Weg abkommt.
«Von einem religiösen Standpunkt her kann man sich fragen, ob dies nicht ein Affront gegenüber dem Konzept Mensch ist, das Gott erschaffen hat», sagte sie im Gespräch mit swissinfo. «In einer pluralistischen Gesellschaft jedoch haben wir kein fixes Menschenbild, deshalb ist es für uns so schwierig, Stellung zu beziehen.»
Aber Alex Mauron, ein ehemaliges Mitglied der Ethikkommission und Professor für biomedizinische Ethik an der Universität Genf, befürwortet diese Art von Forschung voll und ganz.
«Das Konzept des Menschen entwickelt sich zwangsläufig mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Es ist nicht Aufgabe der Ethik, alte Ideen über die menschliche Natur vor wissenschaftlichen Entdeckungen zu schützen», erklärte er gegenüber swissinfo.
Für Mauron besteht die Aufgabe der öffentlichen Ethik darin, Menschen vor unbestrittenem Schaden zu bewahren. «Hier aber wird niemandem Schaden zugefügt.»
Baumann-Hölzle macht sich jedoch Sorgen über die Zukunft: «Ich habe ein Problem damit, weil wir meiner Meinung nach das menschliche Leben immer mehr ausbeuten, wie wir auch die nicht-menschliche Natur ausgebeutet haben. Und die Folgen können wir nicht abschätzen.»
Ein Argument, das Mauron nicht akzeptieren kann: «Wenn Sie denken, Sie müssten alles verbieten, bevor es begonnen hat, weil man die Konsequenzen nicht voraussehen kann, würde ich das als Ablehnung jeglicher Idee für den Fortschritt bezeichnen.»
Kosten und Nutzen
Wer profitiert von dieser Art Forschung, wer gehört zu den Verlierern? Baumann-Hölzle befürchtet, dass das Geld, das in solch kostspielige Experimente gesteckt wird, von Forschungsprojekten abgezweigt wird, die weit mehr Menschen helfen könnten.
In der Schweiz sind die meisten Forschungsgelder staatlich. Das Parlament hat ein neues Nationales Forschungsprogramm für Stammzellen-Forschung genehmigt in der Höhe von rund 10 Mio. Franken für einen Zeitraum von fünf Jahren.
Wenn mit privaten Unternehmen zusammen gearbeitet wird, kommen auch wirtschaftliche Interessen ins Spiel, erklärt Baumann-Hölzle.
«Es heisst dann immer, wir müssten das Leiden der Menschen lindern. Aber auf vielen Gebieten, wo das Leiden massiv ist, gibt es keine Forschung, weil sie nicht rentiert.»
Mauron warnt davor, zwei Dinge miteinander zu vermischen: nämlich das Verbot von Forschung und das Fehlen von Geldern. «Man kann durchaus die Meinung vertreten, die Prioritäten müssten anderswo liegen. Das ist aber kein Grund, etwas zu verbieten.»
Ungerecht?
Gemäss Mauron könnte ein Verbot gar Menschen Unrecht zufügen. «Ein grundloses Verbot ist an sich ungerecht und schafft weitere Ungerechtigkeiten.»
2004 hat das Schweizer Stimmvolk im Rahmen der Stammzellenforschung Experimenten mit menschlichen Embryonen zugestimmt. Für Mauron ist das ein Beweis für eine breitere Akzeptanz in der Bevölkerung, auch wenn er sieht, dass viele noch Zweifel haben.
«Es ist schwierig, sich vorzustellen, dass die Schweiz einen liberalen Kurs einschlagen könnte, wie es Grossbritannien soeben getan hat», räumt er ein.
Wenn Bundespräsident und Gesundheitsminister Pascal Couchepin typisch ist für die öffentliche Meinung, dann haben die Befürworter einer liberaleren Gesetzgebung noch einen weiten Weg zu gehen.
«Persönlich bin ich davon überzeugt, dass mit solchen Experimenten eine gefährliche Grenze überschritten wird», sagte er gegenüber dem «Blick». «Zum Glück ist so etwas in der Schweiz nicht möglich.»
swissinfo, Julia Slater
(Übertragung aus dem Englischen: Gaby Ochsenbein)
Beim Verfahren wird menschliche DNA in die leere Eizelle einer Kuh injiziert. Der Eizelle wird fast die gesamte genetische Information entnommen.
Die Embryos, die entstehen, sind zu 99% menschlich.
Die einzige tierische DNA ist in den Chondriosomen, die nicht zum Zellkern gehören.
Es werden Eizellen von Kühen genommen, damit es für die Stammzellenforschung keine Frauen als Spenderinnen braucht.
Frauen müssten sich einer Hormonkur unterziehen, wenn sie Eizellen spenden wollten, was ein gewisses Risiko birgt.
Die Herstellung von Misch-Embryos ist in der Schweiz, in Frankreich, Deutschland und Italien verboten.
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