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Im Panorama: Algerien – Schweiz

Die 16jährige Ouahiba hat das Massaker von Raïs als einzige ihrer Familie überlebt. Mitijda, November 1997. mvgphoto.com, Ausschnitt

Das Kunstmuseum Bern stellt Panoramabilder des Fotografen Michael von Graffenried aus. Erstmals werden Bilder aus Algerien Fotografien aus der Schweiz gegenüber gestellt.

Algerien, ein Land im Bürgerkrieg und die Schweiz, ein Land im Wohlstand. Die Bilder der Gegensätze regen zum Nachdenken an.

«Fotografie verändert nicht die Welt, Bilder aber können Gedanken auslösen.» Dies ein Credo Michael von Graffenrieds, ausgesprochen anlässlich der Medien-Konferenz zur Ausstellung im Berner Kunstmuseum.

Zum Nachdenken regt die Ausstellung denn auch an. Die Panoramabilder – alle 2,8 x 1,2 Meter – zeigen einerseits auf grünem Grund, in der Farbe des Islam, algerische Fotografien. Aufgenommen wurden die Bilder als Tarnung auf Bauchhöhe, so dass die Menschen nicht bemerkten, dass sie fotografiert wurden.

Gegenüber jeweils, auf rotem Grund, der Farbe für die Schweiz, hängen die Bilder aus dem Westen, aus Helvetien, dem Land mit der weltweit höchsten Lebensqualität.

Beide Bilderserien, die aus der Schweiz und die aus Algerien, waren bereits in verschiedenen Ausstellungen zu sehen. Jetzt treten sie zusammen in einen Dialog, öffnen Spannungsfelder, zeigen Zwischentöne. Die Welt ist immer mehr als bloss Schwarz-Weiss, als Klischee, auch immer mehr als Fotografie.

Von Graffenried, der, wie er betonte, zufällig in Algerien landete, kommt der Verdienst zu, mit seinem Algerienzyklus einen der blutigsten postkolonialen Bürgerkriege ins Bewusstsein gerückt zu haben.

Austauschprojekt

1991 war er erstmals nach Algerien gegangen. Eingeladen hatte der damalige Schweizer Botschafter. Der Autodidakt von Graffenried sollte seine «Swissimages» ausstellen. Doch für von Graffenried war das nicht genug.

Er wollte mit algerischen Berufskollegen zusammenarbeiten, wollte einen Austausch. Dieser kam zustande, Freundschaften entstanden. Es kam auch die Einsicht, dass wer die gleiche Sprache spricht (Französisch), sich nicht automatisch verstehen muss.

Zwischen Welten

Er, der Mann aus dem Westen, aus einer reichen Berner Familie stammend, der Schweizer, der in Paris lebt, eingebettet in die christliche Tradition.

Ihm gegenüber Menschen, die das fortlaufende Drama der eigenen Geschichte nicht aufhalten können, die leiden und verzweifelt einen Weg aus der Sackgasse suchen, in der sie stecken. Die Menschen aus der arabisch-islamisch-algerischen Welt.

In der Folge reiste von Graffenried immer wieder nach Algerien. Die Gastfreundschaft, die Welt zwischen den Extremen liess ihn nicht mehr los. Und er wollte den Menschen, die er heimlich fotografiert hatte, ihre Bilder zurück geben.

1998 ging sein Traum in Erfüllung: Er durfte in Algier seine Bilder zeigen. Auf den grossen Erfolg jener Ausstellung folgte ein Dokumentarfilm, realisiert mit Mohammed Soudani, einem in der Schweiz lebenden Exil-Algerier.

Bern, Algier, Neuenburg

Eine der aktuellen Foto-Installationen zeigt links Feuerwehrmänner am 14. September 2001 in Bern, die in einer Schweigeminute ihrer verstorbenen Kollegen in New York gedenken. Gegenüber sehen wir islamische Männer von hinten, die im Freitagsgebet am Tag nach der Bekanntgabe der Wahlresultate(27.Dezember 1991) Allah für den Sieg danken.

Links dann jenes Foto, das auch auf einem der beiden Ausstellungsplakate zu sehen ist: Eine junge Frau spielt nackt Federball. Aufgenommen im August 2001 am Neuenburgersee, befindet sich die Frau auf dem Gelände «die neue Zeit», das einer Nudistenorganisation gehört. Die nackte Freiheit ist eine vermeintliche, findet doch das Federspiel hinter einem Zaun statt.

Plakat-Zensur?

Obwohl auf dem Bild kein Schamhaar zu sehen ist und das Bild auch sehr bieder wirkt, wurde es schon im Vorfeld der Ausstellung Gegenstand einer Polemik. Laut «SonntagsBlick» soll das Plakat in Zürich von der Gewerbepolizei aus «sittlichen Gründen» nicht aufgehängt werden dürfen.

Der Pressesprecher der Zürcher Stadtpolizei, Marco Cortesi, gab auf Anfrage bekannt, dass bis Anfang März keine Anfrage der Plakatgesellschaft für ein solches Plakat eingetroffen sei. Cortesi bestätigte jedoch, dass die Antwort bei einer Anfrage negativ wäre.

Ein Medien-Stürmchen im Wasserglas? Michael von Graffenried, dem nachgesagt wird, er sei ein Meister der Inszenierung, muss sich der Frage stellen, wie repräsentativ diese junge Nackte für das «Schweizer Image» ist. Oder wollte er vor allem mit «sex sells»-Werbung die Aufmerksamkeit der Medien erheischen?

Nachdenkliche Schweiz

Die Antwort liegt im Auge des Betrachters, der Betrachterin. In der Ausstellung gibt es genug Bilder, über die sich das Nachdenken lohnt.

Die Jungen aus dem Jura (1999), die nach der Schule am Schiess-Stand trainieren. Vier wegen Mordes Verurteilte während ihres Spaziergangs im Hochsicherheitstrakt des Zuchthauses Thorberg (2001). Junge Frauen voller Hoffnung bei einer Miss-Wahl im Strandbad am Lago Maggiore (2001).

Unauslöschliches Algerien

Unauslöschlich sicher jenes Bild (1997) der 16-jährigen Quahiba, die als einzige ihrer Familie das Massaker von Raïs überlebt hat. Über ihrem Blick ein grosser Schleier der Traurigkeit. Jene Traurigkeit, die genährt wird durch das Unvorstellbare, deren Zeugin sie wurde.

Quahiba, ihr Gesicht auf ein Panorama-Bild gebannt, in einem Schweizer Kunstmuseum zu sehen, löst viele Fragen aus. Dieses Bild ist auch auf dem zweiten Ausstellungsplakat zu sehen. Eine gute Wahl.

swissinfo, Brigitta Javurek

«Michael von Graffenried – Zwischen Welten – Fotoinstallationen» ist bis 22. Juni 2003 in Bern zu sehen.

Die Bilder aus der Schweiz wurden mit einer Hasselblad-Kamera mit Panorama-Funktion realisiert.

Die Bilder aus Algerien, wo Fotografen und Journalisten zu den Zielen islamistischer Terroristen gehören, entstanden mit einer 160 Grad-Widelux-Panorama-Kamera, die der Fotograf auf Brusthöhe trug.

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