In den höchsten Tönen
Die Opernsaison 2002/2003 ist in vollem Gange. Sie bietet allerhand ungewöhnliche Trends auf den Bühnen im Land.
Lang sind die Nächte, kurz die Tage: Zeit für Muse, Zeit für Musik. In kalten Winternächten kann ein Opernbesuch ganz schön einheizen.
Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Dass gilt auch in Zeiten, wo die Börse tief, der Geldbeutel nicht mehr voll und der Arbeitsplatz unsicher ist. Gerade dann sind kulturelle Besuche sozusagen die Schokolade aufs Brot. Ein Opernhausbesuch wäre demnach eine klingende Praline. Köstlich und gleichzeitig nährend.
Reichhaltiges Programm
Auf den Deutschschweizer Opernbühnen wird in der Wintersaison allerhand geboten. Die Intendanten setzen auf Bewährtes, auf Neues, Raritäten, lange nicht mehr Gehörtes und Uraufführungen. Wilde Experimente wagt niemand, dafür sind die Zeiten zu unsicher, die Budgetdebatten zu nachhaltig. Und seit Kultur und Wirtschaft näher zusammengerückt sind, finden Wörter wie Auslastung, Wirtschaftlichkeit, Kostendeckung auch im Vokabular von Programmzeitschriften verstärkt Eingang.
Zudem fordert die politische Rechte, allen voran die SVP, unermüdlich: Wer Kultur will, soll auch für Kultur zahlen. Und zwar selber. Punkt. Das hinterlässt Spuren. So sind keine Unruhestifter à la Theaterschreck Schlingensief auf den Opernbühnen anzutreffen. Satt werden, satt sehen können sich aber gleichwohl alle. Die Operntafeln sind reichhaltig gedeckt.
Opernhaus Zürich: Buonissimo
Üppig garniert ist einmal mehr Alexander Pereiras Operntisch. Alles andere käme einer Diät gleich, und dafür stünde der umtriebige und erfolgreiche Intendant in Zürich sicher nicht ein. Geschickt taktiert der Wiener mit Charme und Beharrlichkeit, holt immer wieder grosse Künstlerpersönlichkeiten in die Limmatstadt, hat ein ausgezeichnetes Ensemble im Rücken und vergisst dabei den Nachwuchs nicht.
Und alle sind rundum zufrieden, wie eine vom Kanton Zürich durchgeführten Besucherumfrage ergab. In der Saison 2002/2003 lockt das Opernhaus Zürich nun mit 16 Opern- und Ballettpremieren, sowie 21 Wiederaufnahmen. Dabei werden Raritäten, ein Auftragswerk und lange nicht mehr Gehörtes serviert.
Gespannt sein darf man auf «Moderato Cantabile», ein Musiktheater von Beat Furrer nach dem gleichnamigen Roman von Marguerite Duras. Diese Koproduktion mit dem Schauspielhaus Zürich im Rahmen der Zürcher Festspiele kommt im Juli 2003 zur Uraufführung.
Marthaler-Comeback
Die Regie übernimmt kein geringerer als Christoph Marthaler, für die einen der Buhmann, für die anderen ein Hoffnungsträger. Die heroisch-romantische Oper «Fierabas» von Franz Schubert unter der Leitung von Franz Welser-Möst, zum ersten Mal in Zürich zu sehen, ist gut angelaufen, hat beste Kritiken erhalten.
Generationenkonflikte mit Happy-End. Gleichfalls erstmalig ist Joseph Haydns Oper «Armida» im Opernhaus zu sehen. Die wunderbare Cecilia Bartoli singt die Titelrolle, Niklaus Harnoncourt dirigiert und Jürgen Flimm, einer der grossen Regisseure wird inszenieren.
Der Spielplan des Opernhaus Zürich hält noch manche Gourmandise bereit, wer genug musikalischen Appetit hat wird sicher mit Hochgenuss satt.
Kultur- und Kongresszentrum Luzern KKL: Bellissimo
Warum in die Ferne schweifen? Das KKL in Luzern ist schliesslich grandios einmalig. Der von Jean Nouvel entworfene und im Juni 2000 eröffnete Bau ist längst ein Star am Architekturhimmel. Und nicht nur das. Ebenso wie das Äussere, besticht das Innenleben, speziell der grosse Konzertsaal. Man muss sie erleben, diese Kathedrale der Musik und des Klangs.
Das KKL bietet für jeden Geschmack etwas: Die Sopranistin Barbara Hendricks wird am 7. Dezember, am Benefizkonzert für das Alzheimer Forum Schweiz, Werke von Mozart, Turina und Britten singen. Tags darauf lässt Neil Shicoffs Tenorstimme manch eine, manch einen, erschauern.
Unter dem Label «Lucerne Chamber Circle» laufen Konzerte der Extraklasse. Glanzpunkte bilden Händels «Messias» in englischer Sprache, ebenfalls Händels Singspiel «Acis und Galatea». Im April, die Tage wird Emma Kirkby zum Karfreitag aufsingen. Ihr herrlicher Sopran wird nicht nur Herzen, sonder bestimmt auch Schnee von gestern zum Schmelzen bringen. Eine Reise an Europas ersten Platz lohnt auf sicher und wer einmal dort war, kommt wieder. Bestimmt.
Theater Basel. Grandezza
Basels Drei-Sparten-Bühne Schauspiel, Oper, Ballett, hat wieder Aufwind. Nachdem auch dem Theater am Rheinknie die Subventionen gekürzt, das Publikum teil- und zeitweise fern blieb, scheinen die Basler und ihr französisch-deutsches Umland wieder Appetit auf Musiktheater zu haben. Operndirektor Michael Lakner stellt neun Produktionen auf die Bühne, davon sind zwei Opern speziell für Kinder. Da ist einmal: «Die Hexe Hillary geht in die Oper», für Kinder ab 5 Jahren und das «Traumfresserchen», ein Singspiel nach einer Geschichte des Kinderbuchautors Michael Ende.
Für die Erwachsenen ist Jacques Offenbachs «Orpheus in der Unterwelt», in einer Inszenierung des deutschen Regie- und Schauspielstars Katharina Thalbach. Der Cancan, das heisst hoch die Röcke, rein ins Theater! Thalbach hat rasant, mit viel Esprit und der grossen Kelle angerührt. Ein Stück der leichten Muse.
Theater St.Gallen. La bella piccola
Oper in der Provinz? Diese Sicht der Dinge pflegen bloss um sich selbst kreisende Ignoranten. Sicher, St.Gallen verfügt nicht über jenes Millionenbudget des Zürcher Opernhauses, ist keine Architekturperle wie das KKL in Luzern, dafür bietet die Bühne der Ostschweiz unvergleichlichen Charme und immer wieder Überraschungen.
Thematisch hat sich Franziska Severin, die jungmutige Operndirektorin, ganz antizyklisch der Vergänglichkeit, den Erfahrungen des Alterns verschrieben. «Rosenkavalier» von Richard Strauss mit dem wunderbaren Text von Hugo von Hofmannsthal steht seit September auf dem Programm. Die phantastische Oper «Hoffmanns Erzählungen» von Jaques Offenbach ist seit Oktober «on stage».
Nächstes Jahr im März steht mit «Mona Lisa» ein fantastisch-düsterer Opernkrimi über das Lächeln der ewig Lächelnden eine Schweizer Erstaufführung an: Hinzu kommt eine Uraufführung. «Avatar» von Roland Moser, ein Basler Komponist. Damit setzt das Theater St.Gallen seine erfolgreiche Reihe von Auftragskompositionen an Schweizer Komponisten fort.
St.Gallen beweist, dass man in der Ostschweiz eine kreative Mahlzeit zu schätzen weiss.
swissinfo, Brigitta Javurek
Zürich: 16 Opern- und Ballettpremieren
Luzern: Konzerte der Extraklasse
Basel: 9 Musiktheater-Produktionen
St. Gallen: «Rosenkavalier», «Hoffmanns Erzählungen»
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