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Leere Bühnen - leere Taschen?

Körperbeherrschung ist während dem Shutdown fürs Auskommen von Tänzerinnen weniger wichtig, als die Frage, ob sie selbständig abrechnen oder nicht. Westend61 / Ezequiel Giménez

Die Schweiz will in der Pandemie ihr Kulturleben erhalten. Einzelne Kantone gewähren Kulturschaffenden darum ein Ersatzeinkommen. Ob dieses die Hoffnungen erfüllt?

Dieser Inhalt wurde am 30. März 2021 - 08:00 publiziert
Benjamin von Wyl

Das Schweizer Kulturschaffen ist vielfältig. Solange die Theater und Konzerthallen geschlossen bleiben, sind Kulturschaffende auf Unterstützung angewiesen. Doch leider ist auch die Bürokratie vielfältig, die in der Pandemie das Überleben der Kulturschaffenden garantieren soll.

Alle Kantone haben eigene Richtlinien und Anwendungen in der Praxis. Parallel zu den kantonal koordinierten Härtefallgeldern existieren weitere Säulen zur Überlebenssicherung. Viele Kulturschaffende melden sich bei den Verbänden, weil sie Probleme haben, diesen Unterstützungsdschungel zu verstehen.

Es sei "echt schwierig, das Zusammenspiel all dieser Massnahmen zu verstehen. Erst recht, wenn sie alle paar Wochen geändert werden", sagt Sandra Künzi, Präsidentin von "t. Theaterschaffende SchweizExterner Link", dem Berufsverband für das professionelle freie Theater.

"Ich bin so frech, zu behaupten, dass auch die Behörden, die diese Massnahmen 'erfinden' oder umsetzen, keine umfassende Übersicht über alle Unterstützungen und vor allem über ihr kompliziertes Zusammenspiel geben könnten." Manche Gesuche würden abgelehnt, weil Ämter "die Arbeitsrealität von Kulturschaffenden zu wenig begreifen", sagt Künzi.

Die Herausforderung ist global dieselbe. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) rechnete letzten Juni damit, dass der Kulturkonsum während einem Shutdown um 75 Prozent sinktExterner Link. Ende 2020 sind in den USA mehr als die Hälfte aller Schauspielerinnen und Tänzer arbeitslosExterner Link gewesen.

Gewirr von Hilfsmodellen

Dort wie in der Europäischen UnionExterner Link und der Schweiz sind überproportional viele Kulturschaffende selbständig oder werden für jedes Engagement neu angestellt. Damit einher geht, dass viele Kulturschaffende bereits vor der Pandemie prekär lebten. Überall sucht man nun Wege, ihre Existenzen zu sichern. Doch nicht alle Hilfe kommt an.

In der Schweiz erhielten manche Selbständige anfangs keine oder lächerliche Entschädigungen von 1,60 Franken pro Tag. Später mussten einige Kulturschaffende erhaltene Gelder zurückgeben, weil die verschiedenen Unterstützungssäulen zu unterschiedlichen Zeiten (wieder-)eingeführt worden sind und die Bürokratieinstanzen nicht immer im vornhinein prüfen, wer welchen Anspruch hat.

Das Gewirr der Hilfsmodelle ist so unübersichtlich, dass die Kulturverbände schon mehrere Trickfilme produziertenExterner Link, die Übersicht verschaffen sollen. Die Clips mit uniformierten Beamten wirken wie die Verfilmung von kafkaesken Kurzgeschichten.

Der Stoff aus dem die Träume (und die Kunst) sind: Hanna von Goeler, "My Money, My Currency" (2012) Hanna von Goeler

Gefangen in der Bürokratie

Je länger die Pandemie dauert, desto absurder wird es: Im ersten Jahr waren Poetry Slams, Theaterstücke und Konzerte noch geplant – und fielen tatsächlich aus. 2021 wurde weit weniger geplant – deswegen werden in den meisten Kantonen fiktive Ausfallentschädigungen ausbezahlt, die Kulturschaffende aus ihrem Einnahmeschnitt derselben Monate in den Vorpandemiejahren nachweisen müssen.

Wer unter der Bürokratie leidet, findet ein bedingungsloses Grundeinkommen verführerisch. Wenn allen Kulturschaffenden während der Pandemie ein monatlicher Fixbetrag zustünde, ohne dass Ausfälle bewiesen oder Umstände abgeklärt werden, wären auch die Ämter entlastet, und das Geld käme schneller an.

Vielleicht ist das der Grund, weshalb viele auf ein solches hofften, als die sozialdemokratische Zürcher Kulturdirektorin Jacqueline Fehr im Januar ein befristetes "Ersatzeinkommen" versprach. Anstelle fiktive Auftritte zu kalkulieren, solle man im Kanton Zürich bloss noch die aktuellen Einnahmen offenlegen müssen. Der Kanton will das dann auf 3840 Franken monatlich aufstocken.

Doch weil auf Fehrs Ankündigung ein Streit zwischen Zürich und den Bundesbehörden folgte, hat sich die "rasche" Hilfe verzögert. Immerhin kann sie seit Anfang März beantragt werden. Basel-Stadt hat ein ähnliches Modell zur "Existenzsicherung" schneller eingeführt – weil der Kanton auf Bundesgelder verzichtet.

An viele Bedingungen geknüpft

Doch es sind beides keine bedingungslosen, sondern bedingungsreiche Grundeinkommen, die nun wiederum manche Künstlerinnen und Künstler enttäuschen. In Basel-Stadt gibt es maximal 3000 Franken pro Monat, ein Betrag knapp über dem Existenzminimum. Alle verbliebenen Einnahmen werden abgezogen. Nur für jene, die Kinder haben, gibt es Ausnahmen.

Auch in Zürich ärgern sich bereits erste darüber, dass jeder selbständig verdiente Franken vom staatlichen Ersatzeinkommen abgezogen werden soll. Andere sind frustriert, weil sie zwar unter dem Existenzminimum leben, aber just in den falschen Monaten zu hohe Einnahmen hatten, um die Überlebenshilfe zu beantragen.

Organisierten Protest gibt es, weil in Zürich nur jene Kulturschaffenden das Ersatzeinkommen bekommen, die selbständig abrechnen. Laut dem Schweizerischen Bühnenkünstler-Verband SBKV schliesst das 95 Prozent der freischaffenden darstellenden Künstlerinnen und Künstler aus. Womöglich wird das – dank einem Entscheid des Schweizer Parlaments – aber noch angepasst.

Formalitäten werden existenziell

Für Kulturschaffende machte es im Alltag vor der Pandemie kaum einen Unterschied, ob sie selbständig abrechnen. Vor Corona spürten sie kaum, wie entscheidend solche Formalitäten für Beamte sind. Nun ist es für viele existenziell.

Aus Basel gibt es bereits erste Erfahrungswerte zur Anzahl Anträge: Gut 130 beantragten in den ersten zweieinhalb Wochen die Existenzsicherung.  Würden alle diese Gesuche mit den Maximalbeiträgen bewilligt, käme man insgesamt auf Kosten von gut 2,5 Millionen Franken.

Der Kanton Basel-Stadt schloss das Krisenjahr 2020 mit einem Überschuss von gut 300 Millionen Franken ab. Der Kanton Zürich kam in der Rechnung fürs erste Pandemiejahr auf ein Plus von einer halben Milliarde. Im Verhältnis sind diese Ausgaben für Kulturschaffende also Peanuts.

Im Bundesratserlass vom Herbst heisst es, das Ziel der Unterstützungsmassnahmen für Kulturschaffende sei, eine "nachhaltige Schädigung der Schweizer Kulturlandschaft zu verhindern". Es gehe um den "Erhalt der kulturellen Vielfalt". Gemäss der inoffiziellen Taskforce Culture fürchten in der Westschweiz bereits 43 Prozent der KulturschaffendenExterner Link, ihre Tätigkeit aus finanziellen Gründen aufgeben zu müssen. Darum prüft der Kanton Genf nun ein ähnliches Modell wie Zürich.

Sorgen nun die neuen Modelle von Zürich und Basel wirklich für raschere Hilfe und weniger Bürokratiefrust bei Kulturschaffenden? "Das kann ich nicht sicher beurteilen", sagt Sandra Künzi. Noch fehlen Erfahrungswerte von der Basis. Die Verbandspräsidentin ist aber optimistisch. Sie gehe von schnelleren Auszahlungen und weniger Bürokratieaufwand aus. "Das ist win-win."

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