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Kunst, die unter die Haut geht

A.V. Geoffroy-Dechaume, 1834-1838. www.uessearte.it

Nach Paris, Leeds und Hamburg ist die vielbeachtete Ausstellung "Hautnah" jetzt im Tessiner Museo Vela von Ligornetto.

Es handelt sich um die erste Sonderaustellung des Museums nach der von Mario Botta ausgeführten Renovation und anschliessenden Wiedereröffnung im Jahr 2001.

Die vom Musée d’Orsay in Paris erdachte Ausstellung präsentiert eine besondere Technik, die im 19. Jahrhundert sowohl in Bildhauerateliers als auch in wissenschaftlichen Sammlungen weit verbreitet war: den Abguss nach der lebenden Figur.

Zu sehen sind menschliche Masken, Torsi, Arme oder Füsse, aber auch Abgüsse von Tieren (Fledermäuse, Schlangen), die in ihrer vermeintlichen Echtheit anziehend und abstossend zugleich wirken.

Extrem naturgetreu ist die Wiedergabe der Formen, die als historische Dokumente oder liebevolle Zeugnisse in Gips reproduziert wurden. Es ist diese unmittelbare Nähe zur Natur, die in der Geschichte der europäischen Skulptur eine heftige Polemik produzierte: So lag der Skandal, der um eine der Rodin-Figuren entbrannte, in dem – ungerechtfertigten – Vorwurf begründet, Rodin habe seine Kunstform lediglich vom lebenden Modell abgegossen.

Wirklichkeit und Abbild

Der Gipsabguss vereint das Streben nach der angemessenen Wiedergabe und Aneignung des menschlichen Körpers mit einer Reihe von wissenschaftlichen Disziplinen.

Seine irritierende Nähe zur Realität nimmt surrealistische Wahrnehmung vorweg und stellt die Frage nach dem Verhältnis von Wirklichkeit und Abbild. In dem kreideweissen, toten Material zeigen sich Spuren einer lebendigen Wirklichkeit – hautnah.

Die Entwicklung der Fotografie machte die Technik der Gipsabdrücke schliesslich überflüssig.

Ausgestellt in früherem Künstler-Atelier

Auch der aus Ligornetto, Tessin, stammende Vincenzo Vela (1820-1891), einer der bedeutendsten europäischen Bildhauer des 19. Jahrhunderts, hat von Gipsabdrücken als Modelle für seine Skulpturen noch regen Gebrauch gemacht.

Somit findet die Sonderausstellung, die in der Hamburger Kunsthalle unter dem Titel «Hautnah» lief, im Museo Vela seinen idealen Ort für ihre Schweizer Etappe.

Das Haus diente dem Künstler als Atelier, Wohnung und Museum. Die Originalausstellung hiess in Paris «A fleur de peau» (auf Italienisch: «A fior di pelle»).

Velas Hund als Gipsabguss

Museumskuratorin Gianna A. Mina Zeni hat die Exponate mit viel Sorgfalt und Einfühlung im ersten Stock des Museums aufgestellt. Dank der farbig getünchten Wände heben sich die vorwiegend weissen Exponate besser von ihrem Hintergrund ab.

Eine besondere Kuriosität ist im Übrigen der Gipsabdruck von Vincenzo Velas Hund. Dieser genoss in Paris besonderen Publikumserfolg, wie Mina zu berichten weiss.

Neustart für das Museo Vela

Für das Museo Vela stellt «A fior di pelle» die erste Sonderausstellung nach der unter Mario Botta erfolgten Renovation dar. Vier Jahre hatte das Lifting gedauert, bevor das Haus im Jahre 2001 in neuem Glanz eröffnen konnte. Eingang und Parkanlagen wurden neu gestaltet. Von der Anhöhe über Ligornetto kann man ein eindrückliches Panorama des Mendrisiotto geniessen.

Die Villa Vela, die dem Bund von Velas Sohn Spartaco geschenkt wurde, ist das zweitgrösste eidgenössische Museum nach dem Schweizerischen Landesmuseum in Zürich.

Eidgenössisches Museum – und Kulturzentrale für die Südschweiz

Heute ist die Villa nicht nur Museum, sondern auch eine Antenne des Bundesamtes für Kultur südlich der Alpen, eine Schnittstelle zwischen den kulturellen Anliegen der Südschweiz und den kulturellen Institutionen des Bundes.

Die monumentalen Gipsmodelle von Vincenzo Vela, die das Museum dominieren, sind häufig nur durch ihre Einordnung in einen historischen Kontext zu verstehen. So wurde die Skulptur des Spartakus (1851) zu einem Symbol des Risorgimento, der Bewegung gegen die Fremdherrschaft und für die Einigung Italiens. Vincenzo Vela arbeitete und lehrte 15 Jahre in Turin, bevor er 1867 wieder in seine Heimatgemeinde Ligornetto zog.

Insgesamt umfasst das Museum mehr als 4300 Ausstellungsstücke, darunter antike Möbel, Keramiken und Waffen. 220 Exponate befinden sich in der Dauerausstellung.

swissinfo, Gerhard Lob, Ligornetto

Museo Vela, Ligornetto, Tessin. Ca. 80 Exponate
A fior di pelle («Hautnah»): Gipsabguss im 19. Jahrhundert
Offen bis 17. November, 10-17 Uhr, montags geschlossen
Katalog: A fior di pelle: Il calco dal vero nel secolo XIX (Ital., 25 Fr.)

Der Gipsabguss war im 19. Jh. in Bildhauer-Ateliers wie auch in wissenschaftlichen Sammlungen weit verbreitet.

Zu sehen sind menschliche Masken, Torsi, Arme oder Füsse, aber auch Abgüsse von Tieren, die in ihrer vermeintlichen Echtheit anziehend und abstossend zugleich wirken.

Die Technik führte auch zu erbitterten Diskussionen, da Bildhauer unter dem Vorwurf standen, eigentlich nur Abgüsse von lebenden Formen gemacht zu haben.

Nach Paris, Leeds und Hamburg ist Ligornetto die vierte und letzte Station der Sonderausstellung.

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