Premiere des Einsiedler Welttheaters
Das "Einsiedler Welttheater", das am Freitag (23.06.) vor der Klosterkirche Premiere hatte, zeigt das "Grosse Welttheater" von Calderon de la Barca in einer aktualisierten Variation des Schweizer Schriftstellers Thomas Hürlimann.
Das Premierenpublikum feierte das Ensemble am Freitagabend mit lebhaftem Applaus. «Die Welt im Dorf begeistert die Schweiz», schrieb der «Sonntagsblick». «Ein Bildermeer vor barocker Kulisse» lobte die «Sonntagszeitung».
Nur einige ältere Welttheater-Fans, die schon die Aufführungen von 1992 und davor gesehen hatten, meinten, das Moderne sei gewöhnungsbedürftig.
Seit 1924 wird in Einsiedeln das Grosse Welttheater von Calderon de la Barca aufgeführt. Die Theater-Tradition Einsiedelns reicht jedoch tief ins Mittelalter. Bereits im 12. Jahrhundert sollen dramatische Aufführungen stattgefunden haben. Wanderkomödianten und die Schulbühne des Klosters wetteiferten mit Freichlichtspielen.
Im 17. Jahrhundert entfaltete sich das barocke Welttheater. Ebenfalls aus dem 17. Jahrhundert sind die oft mehrtägigen Einsiedler Wallfahrtsspiele bezeugt. Bis zu 40 000 Leute sollen die aktionsreichen Stücke verfolgt haben. Die Aufklärung brachte diese barocken Spektakel zum Versiegen.
Erst 1924 entdeckte der Deutsche Peter Ekelenz die Barock- Fassade des Klosters in Einsiedeln wieder als ideale Szenerie für «El gran teatro des mundo» des Spaniers Don Pedro Caldron de la Barca (1600-1681). Seither wird das barocke Spiel über den
theatralischen Lauf der Welt in unregelmässigen Abständen aufgeführt.
Von Eichendorff zu Hürlimann
Dabei benützte man die Übersetzung Joseph von Eichendorffs. Einzig 1981 versuchte sich Hans Gerd Kübel mit einer eigenen Übersetzung. Es waren die Regisseure, die jeweils das vermittelte Weltbild variierten und prägten: Oskar Eberle (1935 bis 1955),
Erwin Kohlund (1960, 1965 und 1970), Kübel (1981) und Dieter Bitterli (1987 und 1992).
Nach der letzten Spielzeit erkannte man, dass die barocke Weltsicht an der Jahrtausendwende nicht mehr unverändert vermittelt werden kann. Man war sich einig, so Peter Kälin, Präsident der Welttheater-Gesellschaft, «dass die Tradition nur durch eine Erneuerung fortgeführt werden kann». Thomas Hürlimann löste Freiherr von Eichendorff ab.
Hürlimanns Ansatz ist insofern bescheidener als Calderons, weil bei ihm nicht mehr eine absolute, für die Ewigkeit geltende Ordnung im Mittelpunkt steht. Er hat das Grosse Welttheater in den Mikrokosmos, ins Einsiedeln des Jahres 2000 zurück geholt. Sein Text ist nicht mehr fromm im konventionellen Sinn. Er ist aktuell, deftig, unverblümt und vor allem kommt der Zweifel zum Zug.
Befragung durch das Kloster
Doch mit dem neuen Text war es nicht getan. Das Spiel auf dem Klosterplatz bedurfte der Zustimmung durch das Kloster. Hürlimann, Kälin und Regisseur Volker Hesse mussten sich einer Disputatio stellen. Das Stück wurde auf Herz und Nieren geprüft. Am Schluss sprangen die Benediktiner über den eigenen Schatten: Denn Hürlimanns Werk entspricht zweifellos nicht einer linientreuen katholischen Theologie.
Doch beim Spiel auf dem Klosterplatz schlüpft jetzt der Pater, der bei der Disputatio einer der kritischsten Inquisitoren war, selbst in eine Rolle: Pater Kassian ist El autor.
36 Aufführungen geplant
Geplant sind 36 Aufführungen. Die Freilufttribüne bietet 2500 Sitzplätze an – insgesamt kann das Schauspiel somit von 90’000 Personen besucht werden.
Das Budget beläuft sich auf 2,5 Mio. Franken. Der Billettverkauf soll 2,15 Millionen einbringen. Der Rest wird mit Sponsoren- und weiteren Beiträgen gedeckt.
Geleitet wird das Theater von einer professionellen Equipe. Unterstützt werden sie von rund 250 Helferinnen und Helfern. Das Spielvolk besteht aus über 200 Laienschauspielerinnen und- schauspielern.
swissinfo und Agenturen
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