Presseschau vom 03.03.2003
Ein Thema prägt die Schweizer Zeitungs-Landschaft am Montag: Der Sieg des Schweizer Alinghi-Teams im America's Cup. Kaum ein Blatt, auf dessen Frontseite nicht ein Bild der siegreichen Jacht zu finden ist.
Von historischem Sieg und traditionellen Schweizer Stärken ist die Rede, die Alinghi-Manie hat die Schweiz definitiv erfasst.
Der drohende Krieg im Irak wird von der Alinghi an den Rand gedrängt. Nur gerade die Neue Zürcher Zeitung illustriert ihre Front mit dem Bild einer Anti-Kriegs-Demonstration in Ankara – und thematisiert damit eine für die USA und ihre Angriffspläne wichtige Parlamentsdebatte aus der Türkei.
Binnenland sorgt für Sensation
Der Tenor ist klar: «Grossartige Alinghi macht Schweiz zur Seglernation, Alinghi begeistert die Schweiz, Alinghi schreibt Segelgeschichte, Alinghi-Sieg: Echt schweizerisch»: So und ähnlich lauten die Titel.
«Alinghi, un exploit qui époustoufle les Suisse et stupéfie le monde entier», schreibt die Westschweizer Zeitung LE TEMPS. Alinghi, ein Exploit, der den Schweizern den Atem verschlägt und die ganze Welt erstaunt.
Bevor der Enthusiasmus über das Segelwunder die Schweizer erfasst habe, habe es einigen Aufwand gebraucht, schreibt der Kommentator und ruft den Werdegang des Projekts Alinghi in Erinnerung. Doch jetzt werde sich die ganze Schweiz auf den Sieg stürzen, um auch etwas von deren Ruhm einzustreichen.
Das Meer und die Alpen
«De ce point de vue, Alinghi offre un symbole inespéré à la nécessaire révision de notre mythologie nationale.» Aus dieser Sicht betrachtet ist die Alinghi ein unerwartetes Symbol für die nötige Revision unserer nationalen Mythologie.
Indem man – nach der Formel von Ernesto Bertarelli «ein bisschen Meer in unsere Alpen» bringe, mische man ein neues Element in die Schweizer Identität. … Damit könne man auf spektakuläre Weise zeigen, dass ein Ausbruch aus vorgegebenen Spuren nie ausgeschlossen sei.
Das multikulturelle Element der Alinghi-Crew thematisiert unter anderem das Boulevard-Blatt BLICK, das seine Frontseite mit dem Titel «Alinghi-Sieg: Echt schweizerisch» ziert.
Auch der CORRIERE DEL TICINO schreibt: «Alinghi, una vittoria svizzera».
Verstaubte Reglemente
Die «richtige Taktik gewählt», hat Ernesto Bertarelli laut dem Berner BUND:
«Bei Alinghi beeindrucken die harte, seit drei Jahren täglich vollbrachte Arbeit zu Wasser und an Land, der Teamgeist sowie die auf diversen Ebenen gewählte Taktik.»
Zudem kommt der Kommentator auf die etwas verstaubten Bestimmungen im America’s Cup zu sprechen, die in den letzten Wochen auch von Alinghi-Verantwortlichen kritisiert worden waren.
«Jene Leute, denen es (…) gelungen ist, aus dem künstlichen Wort Alinghi eine Marke zu machen, welche mit Erfolg verbunden ist, müssen nun auch frischen Wind in die Reglemente bringen.»
Auch die NEUE LUZERNER ZEITUNG widmet einen grossen Teil ihres Kommentars unter dem Titel «Der Cup vor neuen Ufern» dem verstaubten Reglement. Und verweist darauf, wie grossartig der Exploit der Alinghi war, ist doch die Schweiz nach den USA, Australien und Neuseeland erst das vierte Land, das die wohl älteste und begehrteste Sporttrophäe der Welt gewonnen hat.
Hightech statt Schoggi, Käse und Nazigold
Eine «Sternstunde für die Schweiz» sieht die BERNER ZEITUNG im Sieg der Alinghi.
«Keine Frage: Der Gewinn des America’s Cup durch ein Boot aus dem Binnenland Schweiz ist eine (segel)sportliche Weltsensation.»
Doch der Erfolg, so die BERNER ZEITUNG weiter, sei weit mehr als eine Sportsensation.
«Er steht für eine Schweiz, welche die Welt bisher kaum zur Kenntnis nahm: Nicht die Schweiz von Schoggi, Käse und Nazigold. Sondern eine Schweiz als modernes Hightech-Land, in dem Visionen mit Präzision und Perfektion erfolgreich umgesetzt werden.»
«Und, welche Ironie, ausgerechnet die Europa-abstinenten Schweizer sind es, die den 1851 gestifteten und dort auf Anhieb verlorenen Cup erstmals nach 152 Jahren nach Europa zurückholen: Wahrlich eine Sternstunde für die Schweiz.»
swissinfo, Rita Emch
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