Presseschau vom 04.06.2003
Die Ausfälle des italienischen Premierministers Silvio Berlusconi vom Mittwoch im Europaparlament sind auch am Freitag noch ein Thema in den Schweizer Zeitungen.
Ebenso die Wachablösung an der Spitze des skandalträchtigen Schweizerischen Eishockey-Verbandes.
«Schrecken des Vaterlandes», titelt der Berner BUND und weist darauf hin, dass Silvio Berlusconis KZ-Vergleich am Mittwoch im Europaparlament auch in seiner Heimat heftige Reaktionen hervorgerufen habe. Die Affäre werde nicht ohne Auswirkungen auf die derzeit ohnehin schon turbulente Innenpolitik bleiben, schreibt der BUND.
Diese Meinung teilt auch die BERNER ZEITUNG: «Der europäische Aufschrei hat selbst Berlusconis Anhänger in Italien erschreckt. So sehr Berlusconi von seinen Wählern für seine Gerissenheit bewundert wird: Italiens Image in Europa ist den meisten wichtiger. Die Italiener wollen zur europäischen Familie gehören.»
In Europa gilt ein anderer Ton
Aber in dieser europäischen Familie sei der «Besitzer Italiens», wie die Genfer Zeitung LE TEMPS schreibt, «un nain. Tout au fond du jardin.» – Ein Gartenzwerg also…
In Italien möge der politische Umgangston zwar härter sein, schreibt die AARGAUER ZEITUNG. «Aber was sich für Rom ziemt, ziemt sich noch lange nicht für die EU und deshalb auch nicht für den italienischen Regierungschef in seiner Funktion als EU-Ratspräsident.» Fazit der AZ: «Das sollte sich Berlusconi hinter die Ohren schreiben.»
In der falschen Liga
«Grobes Foul! Warum Berlusconi in der falschen Liga spielt.» So lautet die Schlagzeile der BASLER ZEITUNG, die schreibt: «Dummheit oder Kalkül? Eine Ausfälligkeit im Europaparlament hat am Mittwoch das Selbstbild vom unbesiegbaren Supermann Silvio Berlusconi schwer beschädigt. Manche sehen seinen Stern bereits wieder im Sinken begriffen. Wenn das nicht mal täuscht…»
Entrüstet gibt sich der BLICK, aber über den Schweizer Bundespräsidenten Pascal Couchepin, weil der Bundesrat am Mittwoch zur gleichen Stunde «einen Kniefall vor dem italienischen Ministerpräsidenten» gemacht habe. «Triebfeder war einmal mehr Pascal Couchepin.»
Der Hintergrund: Der Bundesrat verweigerte der Bundesanwaltschaft die Ermächtigung, gerichtlich gegen sechs Italiener vorzugehen, die am 8. Mai in Lugano illegal Akten beschlagnahmen wollten.
Viel sanfter als alle anderen Zeitungen geht die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG mit Berlusconi um. Die NZZ kritisiert sein Verhalten zwar auch und findet, «Umsicht täte not». Doch bezeichnet sie das Ganze als «Europäisches Sommertheater» und meint: «Die sachlichen Anliegen, die Berlusconi für seine EU-Präsidentschaft vortrug, verdienten es dagegen, wirklich ernst genommen zu werden.»
Kein Köpferollen
«Eishockey: Aufarbeitung der Verbandskrise – Fredy Egli will kein Köpferollen», titelt die NEUE LUZERNER ZEITUNG zur erwartungsgemässen Wahl des Zugers zum neuen Zentralpräsidenten des skandalträchtigen Schweizerischen Eishockey-Verbandes (SEHV).
Der BUND spricht von «Aufbruchstimmung», relativiert aber gleich: «Neustart im selben Gewässer.» Der Kommentar: «Das Resultat lässt sich salopp in vier Worte fassen: neue Köpfe, unveränderte Strukturen.»
Für den Zürcher TAGES ANZEIGER ist Egli zwar «eine gute Wahl», doch gleichzeitig ist für den TAGI klar: «Reform abgeblasen.» Denn ausser dass Egli jetzt Nachfolger des gestrauchelten Werner Kohler sei, bleibe praktisch alles, wie es war.
Und die NZZ geht gar noch etwas weiter und titelt: «Eine neue Galionsfigur, aber weiter dichter Bodennebel.»
swissinfo, Jean-Michel Berthoud
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