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Rotlicht unter der goldenen Kuppel



Eingang zum Swingerclub im Untergeschoss der Wiener Secession.

Eingang zum Swingerclub im Untergeschoss der Wiener Secession.

(swissinfo.ch)

Mit der Installation eines Swingerclubs in der Wiener Secession hat der Basler Künstler Christoph Büchel einen europaweiten, medienwirksamen Coup gelandet. Geht es um die Freiheit von Kunst oder die Freiheit von Sex in einem Kulturdenkmal?

Unter dem "Krauthappl" (Krautkopf), wie die Wiener liebevoll die vergoldete Blätterkuppel des Secession-Gebäudes nennen, rumort es kräftig. Wurde ein Symbol der österreichischen Kultur entehrt, das die Rückseite der 50-Cent-Münze ziert, oder ist es dem Künstler nur gelungen, die Entrüstung nachzuempfinden, die Gustav Klimt bereits 1902 mit der Ausstellung des Beethovenfrieses provoziert hatte?

Secession kommt aus dem Lateinischen secessio = trennen. Geteilt sind auch die Meinungen in der Affäre um die Installation des Swingerclubs in der Wiener Se(x)cession. Auslöser der Aufregung ist die seit ein paar Tagen laufende Ausstellung von Christoph Büchel. Der Schweizer bespielt das Untergeschoss der Secession mit einem echten Swingerclub. Für Museumsbesucher ist das Originalinterieur des real existierenden Clubs "Element6" tagsüber leer, nachts herrscht Normalbetrieb.

Ums Eintrittsgeld betrogen

Beim Augenschein in der Wiener Secession treffe ich auf Ausstellungsbesucher, die teils entsetzt sind und sich um ihr Eintrittsgeld betrogen fühlen. Andere nehmen es gelassener. Über dem Eingang hat Büchel die goldenen Lettern "Der Zeit ihre Kunst. Der Kunst ihre Freiheit" umgestaltet in "Der Kunst ihre Kunst. Der Freiheit ihre Zeit".

Auf dem Weg zu Gustav Klimts Beethovenfries gelange ich zunächst in den Rotlichtbereich des Clubs "Element6". Es gibt eine Bühne, schwarze Ledersofas, eine Bar und kleine Tischchen, an denen einige Besucherinnen Platz genommen haben.

Sie seien eigentlich neugierig, was das für eine Erfahrung sei, in einem Swingerclub. Ob sie am Abend kämen, müssten sie sich noch überlegen. Die Marketingleiterin des Clubs freut sich, dass durch die Aktion viel Interesse am Swingerclub geweckt wird.

Vorbei an Separéés mit Gucklöchern gelange ich in die "strenge Kammer". Ein alter Gynäkologenstuhl, ein Pranger, ein Betstuhl und ein Kreuz, wo man angebunden und ausgepeitscht werden kann, bieten sich für Sadomaso-Praktiken an.

Ein junges Pärchen aus Deutschland meint beim Rundgang durch den installierten Club, Büchel sei es gelungen, die Verbindung zum Skandal herzustellen, den Klimt damals hervorgerufen hatte. Nur dass in den Separéés die Matratzen voller Flecken seien, fänden sie eklig.

Klimt im Schummerlicht

Der Beethovenfries ist bei schummriger Beleuchtung, die Teil von Büchels Installation ist, schwer auszumachen. Man kann sich auf einer Matratze unter dem Fries räkeln, umgeben von einem hohen Plastikpalmenhain mit ebensolchen Bananen.

"Die Musik von Beethovens 9., die aus dem Lautsprecher tönt, ist doch wunderschön!", meint ein amüsierter Ausstellungsbesucher.

Büchel schweigt

Der medienscheue Künstler Christoph Büchel selbst schweigt, wie es so seine Art ist, und der verursachte Skandal schlägt in schöner Eigendynamik seine Wellen.

In der Secession bemüht man sich mit einer Richtigstellung um Glättung der Wogen: Der Nachtclub werde auf Einladung des Künstlers vom "Verein der kontaktfreudigen Nachtschwärmer – Element6" betrieben. Die Secession stelle für den Auf- und Abbau, sowie für die Aufsicht infrastrukturelle Leistungen zur Verfügung. Der Swingerclub, der zwei Monate lang bis 18. April in der Secession logiere, finanziere sich selbst durch den Barbetrieb, die Eintrittsgelder gingen an die Secession.

Politiker aller Couleurs im Clinch

Während Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) für die Freiheit der Kunst plädiert, fühlt sich ÖVP-Bezirkschefin Ursula Stenzel hintergangen. Sie hatte durch ihre Unterschrift das Projekt erst ermöglicht. Man habe ihre Genehmigung durch grobe Täuschung erschlichen, denn im Ansuchen sei nur von einem Nachtclub mit einer Bühne, Separéés und Bar die Rede gewesen, nicht von Gruppensex. Sie fordere Subventionsrücknahme.

Man spricht von 90'000 Euro verschleuderter Umbaukosten, um den Swingerclub von seinem üblichen Standort im 7. Wiener Gemeindebezirk in die Secession zu übersiedeln.

Eine dringliche Anfrage der Freiheitlichen im Wiener Gemeinderat brachte mehr pikante Wortspiele als Resultate und den ironischen Vorschlag des FPÖ-Mandatars Gerald Ebinger, auch in anderen Wiener Kulturinstitutionen Sexlokale einzurichten "als wunderbare Einnahmequelle für kränkelnde Museen". Die FPÖ spricht von einem "Sittenverfall unter dem Missbrauch der Freiheit der Kunst", die Grünen hingegen fordern eine Erhöhung der Subvention für die Secession.

Freiheit der Kunst?

Unweit von der Secession im Innenhof des Wiener Museumsquartiers lauert der nächste Skandal des niederländischen Kollektivs Atelier Van Lieshout in Form von drei Riesenskulpturen, die man als Bar benützen kann: "BarRectum", ein mannshoher, begehbarer Darmausgang, "Darwin", ein riesiges, blaues Spermium und eine Bikinileiche ohne Kopf und Arme, die von Passanten mehr als hässlich denn als provozierend empfunden werden.

Die größte Kunst ist es wohl, die eigenen Ideen als Kunst zu verkaufen und umzusetzen. Darin hat sich Christoph Büchel mit seiner neusten Arbeit in Wien unbestritten wieder als grosser Meister erwiesen.

Karin Wolfsbauer, Wien, swissinfo.ch

Ärger auch in der Schweiz

Der Swingerclub in der Wiener Secession beschäftigt Parlamentarier in der Schweiz und Österreich: Die provokante Ausstellung des Baslers Christoph Büchel wurde von der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia mit 15'000 Franken unterstützt und soll auch österreichische Steuergelder verschlungen haben.

In der Schweiz äusserten sich zahlreiche Politiker in den Medien kritisch gegen die Subventionierung dieser Form der Konzeptkunst.

Der Direktor der Pro Helvetia, Pius Knüsel, fürchtet sich nicht vor einer Wiederholung des Falls Hirschhorn, wie er in mehreren Interviews sagte. Er gab aber zu, dass der Stiftungsrat, der das Dossier Büchel beurteilte, keine Kenntnis davon hatte, dass der tagsüber leere Swingerclub in der Nacht genutzt wird.

Mit Thomas Hirschhorn, der vor vier Jahren im Rahmen einer Kunstaktion ein Porträt des damals amtierenden Bundesrats Christoph Blocher bepinkeln liess, lasse sich Christoph Büchels Vorgehen nicht vergleichen. Der Swingerclub greife niemanden an, beleidige niemanden und breche keine strafrechtliche Norm, so Knüsel.

Nach dem "Fall Hirschhorn" hatte das Parlament Pro Helvetia mit einer Subventionskürzung von einer Million Franken abgestraft.

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