Strassenmagazine gegen Arbeitslosigkeit
Bei jedem Wetter steht Lisbeth S. im Berner Bahnhof, geduldig, stundenlang. Sie bringt Arbeitslosen-Zeitschriften an den Mann oder die Frau.
Lisbeth S., 59-jährig, hat ihre Arbeitslosigkeit überwunden. Sie verdient mit dem Verkauf ihren Lebensunterhalt.
«Wenn ich irgendwo fest angestellt wäre, müsste ich auch mindestens acht Stunden arbeiten», sagt Lisbeth S. Sie steht bei einer Rolltreppe im Berner Bahnhof, egal, ob es regnet, schneit, kalt ist oder heiss. Sie blickt ihrer künftigen Kundschaft fest in die Augen und präsentiert die jeweils neusten Ausgaben der Strassenmagazine «Surprise» und «Treffpunkt Boulevard».
Für jeweils fünf Franken wechselt ein Heft den Besitzer. Die Hälfte davon geht an die Herausgeber-Vereine und mit dem Rest finanziert Lisbeth S. ihr Leben. Sie gilt als Selbstständigerwerbende und bezahlt vom Verkaufserlös auch ihre Sozialversicherungs-Beiträge.
Keine Reichtümer
«Reich wird man bei dieser Arbeit nicht», betont Lisbeth S. «Ich verdiene nur Geld, wenn ich wirklich auf meinem Platz stehe und meine Waren verkaufe. Niemand springt für mich ein, wenn ich krank bin oder mal Ferien machen möchte. Trotzdem kann ich hier meine Zeit einteilen, wie es mir passt. Das gibt mir eine gewisse Freiheit.»
Selbstbewusst steht die 59-Jährige, ehemalige Arbeitslose da. «Wer gibt jemandem in meinem Alter denn noch Arbeit?» fragt sie eher rhetorisch. «Ich habe es 1996 einfach nicht mehr ausgehalten, aufs Arbeitsamt zu gehen, zu stempeln, immer wieder Absagen zu erhalten. Also habe ich mein Schicksal selber in die Hände genommen und mit dem Strassenverkauf begonnen.»
Selbsthilfe-Projekte standen Pate
«Surprise» ist aus diversen Arbeitslosen-Selbsthilfeprojekten entstanden. In Basel wurde erst das Heft «Stämpelchüssi», in Zürich «Chalte Kafi – ganz heiss» realisiert. 1997 ist dann das Projekt «Surprise» daraus hervorgegangen.
Freie Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gestalten das Magazin. Produktion und Verkauf sind getrennt. Das Magazin wird also nicht von «Betroffenen für Betroffene» produziert. Die Blattmacher wählen ihre Themen selbst. Der Inhalt muss nichts mit Arbeitslosigkeit zu tun haben.
Oberste Priorität: Freiwilligkeit
Michele Alvaro ist Leiter der Geschäftsstelle von «Surprise» in Basel. Dort befindet sich auch die Redaktion des Strassenmagazins.
Alvaro meint: «Ziel ist, unseren Verkäufern und Verkäuferinnen eine niederschwellige Tätigkeit anzubieten, die ihnen praktisch hilft, wieder Fuss zu fassen, Selbstbewusstsein zu entwickeln und sich wieder eigene Ziele zu setzen. Wichtig bleibt dabei, dass die Tätigkeit freiwillig ist. Jeder kann soviel verkaufen wie er will, kann oder mag.»
2001 betrug der «Surprise»-Umsatz fast 600’000 Franken. Dieser setzt sich zusammen aus dem Verkaufserlös, Spendengeldern und Inserate-Einnahmen. Die «Surprise»-Leute besitzen einen Ausweis, der bestätigt, dass sie das Magazin rechtmässig verkaufen.
Zweisprachigkeit als Verkaufsargument
Auch «Treffpunkt Boulevard» oder «Objectif Réussir» wie es auf Französisch heisst, ist ein Strassenmagazin. Es ist zweisprachig. Verkauft wird es in der Region Neuenburg-Biel-Freiburg-Bern.
Lisbeth S., «Treffpunkt»- (und «Surprise»-) Verkäuferin im Berner Bahnhof meint: «Die Zweisprachigkeit ist in dieser Region ein Verkaufsargument. Früher waren die Artikel meist übersetzt, heute bearbeiten die Sprachredaktionen eigenständige Themen.»
Nicht jeder findet einen geregelten Arbeitsplatz
«Die Verkäufer sind Menschen, die aus verschiedenen Gründen (Alter, Gesundheit, Abhängigkeitsprobleme oder fehlende Ausbildung) keinen geregelten Arbeitsplatz finden», erklärt Rita Hosang, Leiterin des deutschsprachigen Teils des Magazins.
«Viele unserer Verkäuferinnen und Verkäufer wären gar nicht in der Lage, acht Stunden täglich einer geregelten Tätigkeit nachzugehen. Diese Arbeit erlaubt es ihnen, ganz entsprechend ihrer Möglichkeiten, auch während weniger Stunden pro Tag am Erwerbsleben teilzuhaben, in der Gesellschaft integriert zu sein», sagt Rita Hosang weiter.
Die «Treffpunkt Boulevard»-Macher fordern ihre Verkäuferinnen und Verkäufer auf, sich freiwillig an der Produktion des Magazins zu beteiligen. Jeder kann, muss aber nicht. Lisbeth S.: «Ich habe schon ein paar Mal versucht, am Blatt mit zu schreiben. Wenn du jedoch eine Acht-Stunden-Schicht lang verkaufst und stehst, schaffst du das nicht mehr. Ich bin sowieso lieber draussen. Meine Stammkundschaft will schliesslich bedient werden.»
swissinfo, Etienne Strebel
«Surprise»-Verkäufer und Verkäuferinnen erhalten die ersten 10 Magazine gratis. Alle weiteren werden zum Preis von 2,50 Franken gekauft und für 5 Franken verkauft.
Das 1994 gegründete International Network of Streetpapers (INSP) ist ein Zusammenschluss von 40 Strassenzeitungen aus 14 Ländern. «Surprise» ist Mitglied.
«The Big Issue» ist das Londoner Vorzeigeprojekt der Strassenmagazine. Es erwirtschaftet inzwischen Gewinn, der an die Verkaufenden ausgeschüttet wird.
Dies verlangt die Satzung des Networks, welche alle Mitglieder unterschrieben haben.
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