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Wie ein Schweizer in die Schweiz kam

Jeronimo Zancaner vor einem seiner jüngsten Bilder. swissinfo.ch

580'000 Schweizer leben ausserhalb ihrer ursprünglichen Heimat. Viele von ihnen kennen die Schweiz nur von Fotos und aus Erzählungen ihrer Verwandten, die vor Jahrzehnten ausgewandert sind. Es gibt auch Auslandschweizer, welche die Schweiz nie oder erst als Erwachsene zum ersten Mal besuchen. Einer von ihnen ist Jeronimo Zancaner aus Argentinien.

«Mir gefällt es hier sehr. Ich passe gut hierher. Die Schweiz ist sauber und ruhig, und die Menschen sind zivilisiert und respektieren einander», schwärmt Jeronimo Zancaner. Er ist im vergangenen Oktober im Alter von knapp 30 Jahren zum ersten Mal in die Heimat seines Grossvaters gekommen.

Sein Grossvater war in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts von Winterthur nach Argentinien ausgewandert, arbeitete zuerst als Coiffeur und entwickelte später kosmetische Produkte. Das Unternehmen wuchs mit den Jahren zu einer Fabrik mit 50 Angestellten, die heute Jeronimos‘ Vater gehört.

«Schon als Kind wollte ich Künstler werden»

Auch der junge Zancaner arbeitete acht Jahre lang im Betrieb seines Vaters, um sich sein Brot zu verdienen. Seine Leidenschaft galt aber der Musik und der Malerei, was ganz und gar nicht den Vorstellungen des gestrengen Vaters entsprach. Dieser konnte die Künstler-Ambitionen seines Sohnes nur schwer ertragen. «Der Einzige, der mich verstand und an mich als Künstler glaubte, war mein Grossvater», sagt Jeronimo Zancaner.

Schon als Kind hat Jeronimo Zancaner viel gemalt und gezeichnet, Vögel beobachtet und fotografiert. Ende der 90er Jahre interessierte er sich immer mehr für Malerei, traf sich mit Künstlern, lernte von ihnen und besuchte Ausstellungen. Dann aber dachte er: «Wieso soll ich mir die Gemälde anderer Leute anschauen, die mir nicht gefallen?» 1998 verkaufte er sein erstes Ölbild für 250 Dollar und beschloss, sein Leben ganz der Malerei zu widmen.

Die richtige Begegnung im richtigen Moment

Dass Jeronimo in die Schweiz kam, verdankt er einem glücklichen Zufall: 1998 traf er in Buenos Aires einen jungen Schweizer, der ein Bild von ihm gesehen hatte und ihn unbedingt kennen lernen wollte. Die beiden wurden Freunde.

Ein Jahr später besuchte ihn der Vater des Schweizer Freundes, erkannte die Begabung des jungen Malers und lud ihn in die Schweiz ein. «Es war wie im Traum. Endlich konnte ich die alte Heimat meines Grossvaters besuchen und herausfinden, wo ich herkam.»

Dank seiner Schweizer Freunde hat er mehrere seiner ausdrucks-starken Werke verkaufen und viele Kontakte knüpfen können. «In Argentinien ist das Leben hart. Wer auswandern kann, der geht. Dort habe ich kaum eine Chance, meine Bilder zu verkaufen, und wenn, dann nur für wenig Geld.» In der Schweiz könne er sich in Ruhe der Malerei widmen, und seine Bilder würden beachtet.

«Mein Grossvater zeichnete ein Idealbild der Schweiz»

Jeronimo kannte die Schweiz lediglich aus den Schilderungen seines Grossvaters. Er stellte sich die Leute als kultiviert und zuvorkommend vor, das Land voller Berge und Flüsse, und auch die typisch schweizerischen Vorzeige-Produkte wie Käse und Schokolade waren ihm ein Begriff.

Der Grossvater verkehrte ab und zu im Schweizerclub. Ihn selber, so Jeronimo, habe diese Folklore nie interessiert. Schweizerdeutsch wurde nicht gesprochen in der Familie Zancaner. So spricht der junge argentinisch-schweizerische Kunstmaler keine der hiesigen Landessprachen. «Das muss ich noch lernen, ich weiss, ich möchte die Leute hier verstehen, aber Deutsch ist schwer und meine Agenda voll.»

«Ich will ein Leben lang malen»

Jeronimo Zancaner möchte in der Schweiz bleiben und malen. «In vielen Beziehungen bin ich ein Schweizer, obwohl ich 30 Jahre lang in Buenos Aires gelebt habe», sagt er.

Sein Grossvater, der als Einziger an ihn glaubte, ist im letzten Jahr gestorben – nur wenige Tage nachdem Jeronimo in der Schweiz angekommen war.

Gaby Ochsenbein

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