«Auch wir sind Teil dieser Welt»
Botschafter Jenö C. A. Staehelin hält in New York die Kontakte der Schweiz mit der UNO aufrecht. Ein Interview.
Botschafter Staehelin. Die Schweiz ist nicht Mitglied der UNO. Wie erklären Sie einer Person, die dem Beitritt der Schweiz zur UNO und der Organisation selber generell kritisch gegenübersteht, Ihre Tätigkeit hier?
In unserem Lande sieht man die UNO fast ausschliesslich unter dem Gesichtspunkt der Tätigkeit des Sicherheitsrates. Die UNO ist weit mehr. Die UNO ist nicht nur die ganze Welt, 189 Staaten, sondern es ist auch diese Organisation die sich mit allen Problemen auseinandersetzt, mit denen die Welt konfrontiert ist. Nicht nur Friede und Sicherheit, sondern auch Gesundheit, Entwicklung, Abrüstung, Terrorismus.
Die UNO stellt sich heute praktisch jedem Problem mit globaler Dimension und versucht, dieses einer Lösung näher zu bringen. Und unter diesem Gesichtspunkt muss die UNO für jedes Land von Bedeutung sein. Auch wir sind ein Teil dieser Welt. Und wir können uns dieser Welt nicht entziehen, indem wir den Beitritt zu der Weltorganisation ablehnen.
Ich denke, dass die Schweiz in der UNO nicht nur zur Lösung von Problemen beitragen könnte, von denen wir betroffen sind, sondern sie könnte in diesem Forum auch ihre eigenen Interessen verteidigen.
Wir haben hier in New York die wunderbare Möglichkeit, der Welt darzulegen, was die Schweiz ist – aber auch was sie nicht ist. Ich bin immer wieder erstaunt, zu sehen, welch falsche Vorstellungen – etwa über die Rolle der Schweiz als Finanzplatz – noch immer bestehen. Um diese Vorurteile, diese falschen Meinungen richtig zu stellen, ist die UNO der richtige Ort.
Aber was tun der Schweizer Botschafter und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in New York das ganz Jahr. Können Sie uns dazu Beispiele geben?
Wir sind beispielsweise engagiert bei der Ausarbeitung einer Konvention zur Bekämpfung des Terrorismus. Ein anderes Projekt war die Erarbeitung einer Konvention zur Einrichtung des internationalen Strafgerichtshofes. Zudem sind wir engagiert, wenn es darum geht, die humanitäre Situation und die Einhaltung des humanitären Rechts zu verbessern.
Auch im Bereich Umweltschutz sind wir stark engagiert, zum Beispiel im Zusammenhang mit dem UNO-Jahr der Berge 2002. Wir sind engagiert, wenn es darum geht, die Rolle Genfs als europäisches Zentrum der UNO zu vertreten.
Wir sind vor allem in den Bereichen aktiv, die zu den wichtigsten Pfeilern unserer Aussenpolitik gehören. Natürlich immer nur im Rahmen dessen, was uns der Beobachterstatus uns erlaubt.
Falls die Schweizer Stimmbürger und Stimmbürgerinnen dem Beitritts des Landes zur UNO beistimmen sollten und die Schweiz damit nicht mehr nur den Beobachterstatus hätte, was würde sich an Ihrer Arbeit in New York ändern?
Wir könnten die Interessen der Schweiz effektiver und effizienter vertreten. Ich komme mir manchmal vor wie ein Klavierspieler, der zwar ein Instrument hat, aber nur die weissen Tasten benutzen darf, die schwarzen nicht. Wenn die Schweiz Mitglied würde, könnten wir in Zukunft das ganze Instrumentarium einsetzen und nutzen.
Immer wieder hört man das Argument, die Schweiz sei zu klein, als dass man ihre Stimme im Konzert der Nationen hören würde. Was sagen sie dazu?
Wissen Sie, ich frage mich manchmal, wie gross die Schweiz sein soll. Als ich Botschafter in Japan war und dort die Interessen unseres Landes zu vertreten hatte, verwies ich darauf, dass die Schweiz ein wichtiger Finanzplatz ist – und der drittgrösste Investor in Japan . Da kann man doch nicht von «kleiner Schweiz» sprechen.
Zudem sind wir in der UNO ein Land mittlerer Grösse. Sicher, wenn es um die geographische Ausdehnung geht, sind wir klein und kämen etwa auf Rang 120. Was die Bevölkerungszahl angeht liegen wir im Mittelfeld und bei der Wirtschaftskraft sind wir unter den grösseren.
Gross und klein sind eben relative Begriffe. Im Grunde geht es um die Frage, welche Interessen wir hier verteidigen müssen und was wir zu der kontinuierlichen Lösung von weltweiten Problemen beitragen können. Und dies ist nicht eine Frage der Grösse, sondern des Willens, aktiv an der Entwicklung der Welt teilnehmen zu wollen.
Im Jahre 1986 gab es mehrere Gemeinden, die sich zu 100% gegen den Beitritt zur UNO ausgesprochen hatten. Was würden sie diesen Leuten heute sagen?
Ich möchte wohl als Erstes wissen, warum diese Leute damals gegen die UNO gestimmt haben. Sicher, 1986 war die Welt eine Andere. Heute repräsentiert die UNO die ganze Welt mit all ihren Schwierigkeiten und Widersprüchen: Und diese UNO kann nicht besser sein als diese Welt.
Diese Leute sagten damals vielleicht Nein wegen der Neutralität. Dann müsste man sie darauf hinweisen, dass der Beitritt der Schweiz die Neutralität in keiner Weise bedroht.
Wenn die Angst damals der Souveränität gegolten hatte, würde ich den Leuten sagen: Schaut, die Hälfte der UNO-Mitglieder sind Länder, die um ihre Unabhängigkeit kämpfen und sich dem Joch der Kolonisation entziehen mussten – und danach sind sie der UNO beigetreten.
Waren es die Finanzen, dann würde ich sagen, der bei einem Beitritt anfallende zusätzliche Beitrag -etwa 10% mehr als wir jetzt zahlen – ist eine gute Investition, weil wir dann die administrativen und finanziellen Abläufe in dieser Organisation mehr beeinflussen können.
Und schliesslich: Um unsere Tradition der «Guten Dienste» fortzusetzen, müssen wir in der UNO sein, denn ausserhalb der Organisation sind wir da weit weniger effizient.
Interview: Mariano Masserini, New York
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