«Ade merci, Schweiz»: Im Ausland arbeiten – und plötzlich zählt das Diplom nicht
Wer aus der Schweiz auswandert und im neuen Land arbeiten möchte, kann unangenehm überrascht werden. Zusammen mit der Auslandschweizerin Janine McShane und Karrierecoach Christian Abt besprechen wir in der ersten Folge der zweiten Staffel von «Ade merci, Schweiz», was es braucht, um im Ausland beruflich Fuss zu fassen, und was man besser früher als später weiss.
«Beim Bewerben musste ich feststellen, dass man meine Ausbildung nicht kannte», sagt Janine McShane. Vor acht Jahren war die damals 33-jährige mit ihrem Mann nach Grossbritannien ausgewandert. Zuerst nach London, danach nach Cambridge. Heute lebt das Paar etwas weiter nördlich, in der Nähe von Edinburgh in Schottland.
Die ersten sechs Monate nach der Umsiedlung ins neue Leben verliefen wie geplant. McShane arbeitete in England unter einem neuen Vertrag für ihren Schweizer Arbeitgeber. Doch als dieser nach einem halben Jahr endete und das Paar nach Cambridge zog, kam die böse Überraschung.
Hören Sie sich die erste Podcast-Folge der zweiten Staffel von «Ade merci, Schweiz» an:
0:00 Einführung
5:20 Ankunft im Vereinigten Königreich
6:54 Job vor Ort suchen oder vorher?
8:06 Lebenslauf nach Land
11:41 Arbeitsbewilligung und Diplomanerkennung
13:52 Dauer, Druck, Kosten
20:59 Heimweh-Song
23:26 Und was ist mit LinkedIn?
26:11 Verschiedene Arbeitskulturen
34:43 Vorschau
Trotz ihrer Ausbildung als HR-Fachfrau in der Schweiz und knapp zehn Jahren Berufserfahrung wurden McShanes Berufsqualifikationen nicht beachtet. «Ich merkte, dass meine Bewerbungen keinen Anklang fanden», erzählt sie. In Konkurrenz mit Bewerbenden aus dem Inland hatte sie kaum Gelegenheiten, sich bei einem Unternehmen vorzustellen.
«Gewisse Arbeitgeber haben sich gemeldet und gesagt, sie hätten Bewerbende bevorzugt mit mehr Erfahrung im länderspezifischen Arbeitsrecht. Das war schwierig.»
Anerkennung hängt vom Land ab
Mit ihrer Erfahrung ist McShane nicht allein. «Die Anerkennung schweizerischer Abschlüsse im Ausland ist Sache des Aufnahmestaates», schreibt das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation.
Christian Abt ist Karrierecoach. Er hilft seinen Klient:innen mit Lebenslauf, Bewerbungsunterlagen und beruflicher Neuorientierung. McShanes Fall sei die Regel, sagt er. «Grundsätzlich muss man damit rechnen, dass es teuer ist und lange dauert, bis ein Abschluss anerkannt wird.»
Im Audio- und Video-Podcast «Ade merci, Schweiz» erhalten Sie authentische Einblicke in das Leben und die Erfahrungen von Auslandschweizer:innen. Gemeinsam mit Fachleuten beleuchten wir Herausforderungen und Höhepunkte rund ums Auswandern und Leben im Ausland, vom Auswandern mit Kindern bis hin zum Ankommen in einer neuen Sprache und Kultur.
Den Podcast «Ade merci, Schweiz» gibt es auch auf Französisch.
Beides traf für McShane zu: Damit sie auf dem britischen Arbeitsmarkt Fuss fassen konnte, absolvierte sie beim CIPD, dem führenden britischen Berufsverband für Personalmanagement und Personalentwicklung, ein Experience Assessment. Das Verfahren mit Interviews und Fallstudie dauerte vier Monate. Kostenpunkt: 2200 Pfund. «Zum Glück hat mein ehemaliger Arbeitgeber die Kosten für mich übernommen», sagt die Auslandschweizerin.
Der Aufwand hat sich gelohnt. Nach dem Assessement fand McShane eine Stelle in ihrem Berufsfeld. Doch die Zeit der Unsicherheit war für sie nicht einfach. «Das Selbstwertgefühl war schon angeknackst. Man bewirbt sich – und nichts.» Es ging so weit, dass sie sogar die Auswanderung hinterfragt habe. Rückblickend hält McShane trotzdem fest: «Ich würde es jederzeit wieder tun. Man sollte aber nicht allzu naiv sein, was den Prozess betrifft.»
Frühes Planen hilft
Abt vergleicht die Stellensuche im Ausland mit einer Firmengründung: «Es braucht viel Planung und man muss sich gut informieren: Was darf ich? Was darf ich nicht? Was muss ich beachten?» Dazu gehört auch die grundlegende Frage: Unter welchen Umständen darf ich in diesem Land überhaupt arbeiten?
Grundsätzlich gilt: In einem EU/EFTA-Land profitieren Schweizer:innen von der Personenfreizügigkeit und können sich frei aufhalten und arbeiten. In anderen Ländern sind oft spezielle Visa oder Arbeitsbewilligungen erforderlich. Informationen über die Einreise- und Aufenthaltsbestimmungen gibt es bei Botschaften oder Konsulaten des jeweiligen Landes.
Seit 2025 hat die Schweiz ein Berufsanerkennungs-Abkommen mit GrossbritannienExterner Link. Dabei werden reglementierte (Arzt, Lehrer, Ingenieurin) und nicht reglementierte Berufe unterschieden.
Die meisten kaufmännischen und betriebswirtschaftlichen Abschlüsse – wie auch die HR-Fachfrau – gehören zu den nicht-reglementierten Berufen. Das bedeutet: Man braucht im Vereinigten Königreich keine staatliche Erlaubnis, um in diesem Beruf zu arbeiten. Damit potenzielle Arbeitgeber:innen den Wert des Schweizer Abschlusses kennen, kann dieser über das UK National Information CentreExterner Link (UK ENIC) mit dem englischen Bildungssystem verglichen werden.
Für reglementierte Berufe wie etwa Pflege, Lehramt oder Anwälte muss der Schweizer Abschluss bei der jeweils zuständigen britischen Regulierungsbehörde eingereicht werden. Entspricht die Schweizer Ausbildung im Wesentlichen der britischen, wird sie anerkannt. Bei grösseren Unterschieden kann ein kurzer Eignungstest oder eine Anpassungszeit verlangt werden.
Für ein Arbeitsvisum müssen die Bedingungen des punktebasierten EinwanderungssystemsExterner Link erfüllt werden können. Dazu gehören u.a. ein Universitätsabschluss oder eine höhere Berufsbildung sowie gute Sprachkenntnisse.
«Ade merci, Schweiz» gibt es auch als Video-Podcast. Schauen Sie sich die erste Folge der zweiten Staffel an:
Ist die Arbeitsbewilligung geklärt, geht es an das Bewerbungsdossier. Je nach Land herrschen unterschiedliche Vorstellungen, was in einen Lebenslauf gehört. «Die Schweiz plus Deutschland sind eine Ausnahme, was die Vollständigkeit des Dossiers betrifft», sagt Karrierecoach Christian Abt. Angaben wie Zivilstand, Alter, Geschlecht oder Foto gehören hierzulande zum Standard, im Ausland jedoch nicht: Potenzielle Arbeitgeber könnten ein solches Dossier laut Abt aussortieren, um sich nicht dem Vorwurf der Diskriminierung auszusetzen. Es ist demnach abzuraten, den Schweizer Lebenslauf einfach zu übersetzen.
Um herauszufinden, was konkret im Zielland bezüglich des Bewerbungsdossiers zu beachten ist, rät Abt, sich beim Eidgenössischen Departement für auswärtige AngelegenheitenExterner Link oder bei SoliswissExterner Link zu informieren. Und: «Jemanden in der Zielbranche oder gar im Zielunternehmen auf LinkedIn zu kontaktieren, funktioniert tendenziell sehr gut, geht aber oft vergessen.»
Das Netzwerk als Türöffner
Ein gutes Netzwerk begünstigt die Jobsuche, das gilt im Inland wie im Ausland. Janine McShane konnte nicht auf diesen Vorteil zurückgreifen: «Als wir nach Cambridge umzogen, kannte ich niemanden und hatte somit kein Netzwerk», sagt sie.
Zur beruflichen Unsicherheit kam Einsamkeit. «In der Schweiz hatte ich ein super Umfeld mit Freunden. Auf einmal waren es einfach ich und mein Partner. Wenn man auf Stellensuche ist, ist es nicht ganz einfach, ein soziales Netzwerk aufzubauen.»
Wie wichtig ein Netzwerk vor Ort ist, variiert laut Abt je nach Land: «60% bis 70% der Jobs in beispielsweise Spanien oder Frankreich landen nie auf irgendwelchen Netzwerken.» In den USA würde die Stellensuche auch gut über LinkedIn funktionieren, «aber die Tür ist weiter offen, je mehr man den persönlichen Kontakt pflegt».
Trotzdem bilden soziale Plattformen in einer digital vernetzten Welt ein wichtiges Standbein bei der Stellensuche. Auch hier hält Abt fest, das optimale Profil beispielsweise auf LinkedIn hänge vom Zielland ab. «Im anglophonen Raum geht es mehr um Ergebnisse, Bullet Points, die einen selbst verkaufen.» In Deutschland, Frankreich oder Spanien werde dagegen mehr auf professionelle Zurückhaltung gesetzt: Man solle zwar durchaus schreiben, woran man mitgewirkt und was man erreicht hat, «aber nicht ganz so punchy».
Unabhängig vom Zielland rät Abt, den beruflichen Werdegang auf der sozialen Plattform sichtbar zu halten – am besten in der Sprache des Landes, in das man auswandert.
Heute ist McShane selbständig und arbeitet als Transition Culture Coach. Sie empfiehlt allen, die in einer neuen Heimat auf Stellensuche sind, hartnäckig zu bleiben. «Ich glaube, es ist auch eine Einstellungssache. Am Ende musst du nur jemanden finden, der dir die Möglichkeit gibt. Ich habe diese Person gefunden.»
Editiert von Marc Leutenegger
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Lust auf mehr? Hier finden Sie alle Folgen der ersten Staffel von «Ade merci, Schweiz»:
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