Auf dem Prüfstand
Die UNO-Abstimmung rührt an den Grundfesten der Schweizer Identität, die seit Jahrhunderten zwischen Offenheit und Abschottung pendelt.
Abstimmungen, die das Verhältnis der Schweiz zum Ausland betreffen, wurden in der Schweiz stets sehr emotional geführt. Dies zeigte sich etwa bei der Abstimmung über den Beitritt zum Völkerbund (1920), der Vorgänger-Organisation der UNO.
Das Schweizer Stimmvolk sagte nach einem äusserst hitzig geführten Abstimmungskampf mit knappem Ständemehr Ja. Ähnlich emotional her und zu ging es im Vorfeld der ersten UNO- und der EWR-Vorlage (1986 und 1992). Der Souverän lehnte zwei Mal ab.
Emotion statt Reflexion
«Bei diesen aussenpolitischen Vorlagen ging es um Fragen, bei denen die Reflexion eine untergeordnete Rolle spielte. Gefühle, Emotionen und – wie auch immer gefärbte – Erinnerungen waren weit wichtiger», sagt Carlo Moos, Geschichtsprofessor an der Universität Zürich und Autor einer Studie zu den Volksabstimmungen von 1920 und 1986, im Gespräch mit swissinfo.
Will heissen: Aussenpolitische Vorlagen vermögen offenbar Kräfte freizusetzen, die tief im schweizerischen Selbstverständnis verwurzelt sind und sich überdies unversöhnlich gegenüber stehen. «Es gibt im Verhalten der Schweiz gegenüber der Aussenwelt zwei divergierende Traditionslinien», erklärt Carlo Moos, «diejenige der Abkapselung und diejenige der Offenheit.»
Dominanz der Offenheit
Die Offenheit war in der Geschichte der Schweiz lange Zeit das dominierende Element: Das zeigt sich etwa daran, dass zur Zeit des Ancien Régime zahllose Schweizer in fremden Ländern Solddienste leisteten. Oder: Im 19. Jahrhundert wanderten Schweizer in grosser Zahl nach verheissungsvollen Destinationen wie Kalifornien oder Australien aus.
«Es waren mit Sicherheit oft existenzielle Notwendigkeiten, die das Offenheits-Denken erzwangen. Es war aber eben dieses Denken, welches nach dem Ersten Weltkrieg in den Völkerbund führte», sagt Moos. «Die Traditionslinie der Offenheit zeigt sich auch in neuster Zeit immer wieder, etwa im Slogan der 1980er-Protestbewegung ‚Nieder mit den Alpen. Freie Sicht aufs Mittelmeer‘.»
Die Gegenwelt des Sonderbundes
Das der Öffnung entgegen laufende Element – die Isolation – trat Mitte des 19. Jahrhunderts deutlich zu Tage: Die katholischen Kantone des Sonderbundes waren bestrebt, ihre auf den Glauben gebaute Selbständigkeit gegen das Neue – den hereinbrechenden Liberalismus – zu verteidigen. Dieser galt als aufklärerisch-säkularisiert und deshalb als Bedrohung. Die Mitglieder des Sonderbunds betrachteten sich selbst als die «wahren Schweizer». Die Innerschweiz als Trutzburg gegen den vermeintlichen Zerfall des Vaterlandes.
Der Sonderbund unterlag 1847 den eidgenössischen Tagsatzungs-Truppen. Die «sonderbündlerische» Gedankenwelt lebte jedoch weiter – etwa im sich allmählich entfaltenden schweizerischen Nationalgefühl des 1848 gegründeten Bundesstaats. Es bediente sich Schauplätzen wie dem Rütli, Morgarten oder Sempach, die alle auf dem Gebiet der ehemaligen Sonderbunds-Kantone lagen. Die Alpen- und Firnwelt der Innerschweiz geriet gar zum Inbegriff schweizerischer Landschaft schlechthin.
Das ursprünglich vom Sonderbund vertretene Grundmuster der Absonderung fand einen vorläufigen Höhepunkt in der Igelmentalität während des Zweiten Weltkriegs. Die Schweiz hatte sich ihrerseits zum Sonderbund gemausert. Dies veränderte sich auch während des Kalten Kriegs unter den Bedingungen der bipolaren Weltordnung nicht mehr wesentlich. Am deutlichsten zeigte sich dies 1986 bei der ersten Abstimmung über einen Schweizer UNO-Beitritt: 75 Prozent der Abstimmenden legten ein Nein in die Urne.
Knackpunkt Neutralität
Während des gesamten 20. Jahrhunderts drehten sich die Diskussionen pro und contra Öffnung in erster Linie um die Frage der Neutralität. «Im Falle der Abstimmung von 1920 wurde das Argument, die neutrale Schweiz könne unmöglich Mitglied einer internationalen Staatengemeinschaft werden, durch die damals herrschenden Zukunfts-Hoffnungen geschlagen, die man mit dem neu gegründeten Völkerbund verband», sagt Carlo Moos.
Als nach dem Zweiten Weltkrieg der Grundstein für die UNO gelegt wurde, fehlte die Schweiz. «Die Neutralen standen unmittelbar nach dem Krieg international in einem schiefen Licht, weil man ihnen Kooperation mit Hitler-Deutschland vorwarf», sagt Carlo Moos. «Der damalige Aussenminister Max Petitpierre war der Auffassung, dass ein Beitritt zur UNO nur möglich sei, wenn diese zuvor die Neutralität der Schweiz offiziell anerkenne. Eine derartige Erklärung war zu jenem Zeitpunkt jedoch nicht zu bekommen.»
Die Neutralität war für die Schweiz nach Kriegsende geradezu sakrosankt – und blieb es auch später während langer Zeit. Bis weit in die 80er Jahre dominierte die Auffassung, dass das Land die Verschonung vom Krieg neben der Armee, dem General und dem lieben Gott in erster Linie der Neutralität zu verdanken habe.
Eine Sichtweise, die sich mittlerweile aufgeweicht hat und möglicherweise der Traditionslinie der Offenheit wieder mehr Platz einräumt. Carlo Moos: «Der Kalte Krieg ist vorbei. Viele Menschen studieren und arbeiten im Ausland. Es gibt viel mehr Austausch als früher. Die Offenheit hat gegenüber der Abschottung wieder an Boden gewonnen.»
Felix Münger
Carlo Moos, Ja zum Völkerbund – Nein zur UNO. Die Volksabstimmungen von 1920 und 1986 in der Schweiz, Zürich 2001.
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