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Beziehungsunfähiger Häftling trifft störrischen Esel

Dalí, Elli und Miró in der Strafanstalt Saxerriet. Keystone

Die St. Galler Strafanstalt Saxerriet führt eine Neuheit im Schweizer Strafvollzug ein: Eine "tiergeschützte Therapie" soll positiv auf Insassen mit Störungen im sozialen Bereich einwirken.

Eingesetzt werden drei Esel, mit denen bisher zwei Häftlinge arbeiten. Eine solche Therapie erfolgt nicht auf Wunsch des Häftlings, sie wird angeordnet.

«Esel sind mit ihrem störrischen und stoischen Wesen anspruchsvoller als Hunde, Katzen oder Pferde», sagt Martin Vinzens,Direktor der Strafanstalt Saxerriet im sanktgallischen Salez.

Deshalb würden sich Esel für die Arbeit mit Sträflingen gut eignen. Nur: «Es wird keine Reittherapie geben, wo der Insasse einfach auf dem Rücken des Tieres durch die Gegend reiten kann»,sagt Vinzens.

Die Arbeit mit den Eseln soll sich positiv auf die physische, psychische und emotionale Gesundheit des Häftlings auswirken.

Immer mehr schwer zugängliche Häftlinge

Der Teilnehmer der «tiergestützten Therapie» soll lernen, rücksichtsvoll mit dem Tier zu arbeiten, auftretende Schwierigkeiten zu meistern, sich gegenüber dem Tier konstruktiv zu verhalten und eigene Grenzen zu erkennen und zu akzeptieren.

«Wir haben festgestellt, dass wir zunehmend mit Insassen konfrontiert sind, die für gängige Therapien nur schwer zugänglich sind», sagt Vinzens.

Störungen im sozialen Bereich wie der Bruch mit der Gesellschaft, gestörte soziale Bindungen, fehlende Lebensperspektiven oder mangelndes Pflichtbewusstsein waren ausschlaggebend für die Entwicklung der «tiergestützten Therapie».

Erstes Programm in der Schweiz

Tierprogramme werden weltweit gezielt für die Rückführung eines kranken Menschen in «normale» Lebens- und Arbeitsbedingungen eingesetzt.

Ähnliche Programme wie die «tiergestützte Therapie» in Saxerriet gibt es laut Vinzens nur in modernen Anstalten in den USA und in Kanada. Für den Schweizer Strafvollzug sei das Programm neu.

Therapie wird angeordnet

Seit Anfang Dezember arbeitet eine Therapeutin mit zwei Häftlingen aus dem Saxerriet in zwei Wochenstunden mit den drei Eseln Dalí, Elli und Miró.

Die Teilnahme erfolgt nicht auf Wunsch der Insassen, sondern wird durch den medizinisch-psychiatrischen Dienst angeordnet.

Erfolgversprechend sei die Therapie jedoch nur, wenn der Insasse zur Mitarbeit bereit sei, sagt Vinzens. In einem Jahr will die Anstaltsleitung erste Ergebnisse präsentieren.

swissinfo und Agenturen

Die Insassen von Schweizer Strafanstalten sind laut statistischem Jahrbuch 2007 vorwiegend männlich (95%), ausländischer Nationalität (64%) und wegen einer unbedingten Freiheitsstrafe (63%) im Strafvollzug.
Ihr Alter beträgt im Durchschnitt 34 Jahre.
Der Aufenthalt im Vollzug dauert zunehmend länger: Der Mittelwert hat sich zwischen 1984 und 2004 von vier auf sechs Wochen erhöht.
Deshalb bleibt der durchschnittliche Bestand von 3500 Personen in den Institutionen des Freiheitsentzugs praktisch konstant – obwohl die Zahl der Einweisungen zurückgeht.

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