Eierläset: Wenn in Schweizer Dörfern der Frühling über den Winter siegt
Steht der Frühling vor der Tür, wird vielerorts auf der Welt der Winter vertrieben. So auch in der Nordwestschweiz, wo ein besonderer Brauch gepflegt wird: das Eierläset. Im Zentrum stehen Eier, aber jedes Dorf begeht diesen alten Fruchtbarkeitsbrauch etwas anders: von sportlich bis sehr ausgelassen.
Mitten auf der Dorfstrasse liegen in einer Reihe kleiner Sägemehlhaufen rohe Eier. Während Läuferinnen und Läufer hin und her rennen, um ein Ei nach dem anderen aufzuheben, entscheiden sie mit riskanten Würfen über Sieg oder Niederlage: Nur wenn das Team gewinnt, welches den Frühling symbolisiert, kann das Leben über die Kälte triumphieren und der Frühling endgültig Einzug im Dorf halten.
In einigen Dörfern sind es Kinder, in anderen Mitglieder verschiedener Vereine, die als Läuferinnen und Läufer um die Wette rennen. Die Regeln variieren von Dorf zu Dorf. Meist werden eine bis mehrere Bahnen mit je 80 bis 100 dieser Sägemehlhaufen angelegt, in denen ein Ei gebettet wird.
Allen Wettkämpfen gemein ist, dass der Läufer oder die Läuferin die Eier nacheinander holen muss, und diese dann einer Fängerin oder einem Fänger zuwirft. Diese versuchen, die Eier in einem breiten Korb zu fangen, der mit Spreu gepolstert ist.
Fällt ein Ei zu Boden oder zerbricht es, muss der Läufer oder die Läuferin die Strecke als Strafrunde erneut ablaufen, ohne ein neues Ei mitnehmen zu dürfen. Es gewinnt diejenige Gruppe, die zuerst alle Eier bei der Fängerin oder beim Fänger deponiert hat.
«Allerdings wird gelegentlich korrigierend eingegriffen und sichergestellt, dass der Frühling obsiegt», heisst es in einer ausführlichen Beschreibung auf der Website «Lebendige Traditionen»Externer Link des Bundesamts für Kultur (BAK).
Ein uralter lokaler Brauch
Der jahrhundertealte Brauch des Eierläset – auch Eierleset oder Eierauflesen genannt – wird hierzulande vorwiegend in der Nordwestschweiz in den Kantonen Aargau, Basel-Landschaft und Solothurn gepflegt.
Anscheinend gibt es ähnliche Bräuche auch im Ausland: In der Publikation Schweizer Volkskunde hielt Autor K. Meuli 1938 festExterner Link, dass Belege aus der «Schweiz, in Tirol und Süddeutschland (…) auch Mittel- und Norddeutschland, beispielsweise Schleswig-Holstein, und sogar in Wallonien und Südfrankreich» vorhanden seien.
Gemäss diversen QuellenExterner Link reicht der Ursprung des Eierläset ins Mittelalter zurück und steht im Zeichen des Frühlingsanfangs und der Fruchtbarkeit. Das Ei gilt dabei als Symbol für das Erwachen der Natur, für Wachstum und Neuanfang – Motive, die schon in vorchristlichen Kulturen verbreitet waren.
Regionale Vielfalt: Vom Sportevent zum Maskentanz
In der grossen Mehrheit der Gemeinden findet die Veranstaltung am Weissen Sonntag statt, also dem ersten Sonntag nach Ostern. Der Brauch hat jedoch trotz des Datums keinen religiösen Bezug.
Während das Grundprinzip – der wettkampfmässige Transport von Eiern als Symbol für den Sieg des Frühlings über den Winter – überall ähnlich ist, gibt es in der Ausführung deutliche regionale Unterschiede.
Im Baselbiet und im Kanton Solothurn steht eher der sportliche Aspekt im Vordergrund. Ein sportliches Eierläset findet beispielsweise im basellandschaftlichen Therwil statt, wo sich vier Gruppen in einem Stafettenlauf miteinander messen:
Der inszenierte Kampf
Einige Gemeinden, hauptsächlich im Kanton Aargau, kennen lautere und wildere archaische Versionen des Brauchs. Als eines der ursprünglichsten und bekanntesten Feste dieser Art in der Schweiz gilt das Eierläset im ländlichen Dorf Effingen im Fricktal.
In diesem Dorf tritt lediglich ein einzelner Eierläufer gegen einen Reiter an, der keine Eier auflesen, sondern möglichst schnell mit dem Pferd eine definierte Runde reiten muss. Daneben balgen sich Figuren, deren Masken nach alter Tradition von Hand genäht wurden.
Fotogalerie: Unser Fotograf Thomas Kern war 2019 in Effingen beim Eierläset dabei:
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Kampf der Jahreszeiten
Hier treten die «Dürren» (Winter) gegen die «Grünen» (Frühling) an. Während das Eierläset läuft, «kommt es zwischen den beiden Gruppen zu derben symbolhaften Auseinandersetzungen», heisst es bei «Lebendige Traditionen».
Zu den «Dürren» gehören unter anderen der «Straumuni» (Strohstier), ein mit Stroh vollgestopftes Ungeheuer, das den harten Erdboden des Winters symbolisiert, und der «Schnäggehüsler», dessen Gewand mit tausenden echten Schneckenhäusern besteckt ist.
Zu den «Grünen» – die am Ende immer gewinnen – gehören der «Jasschärtler», ein mit Spielkarten behängtes Wesen als Symbol für menschliche Spielfreude, und der «Tannästler», eine Figur aus frischen Tannenästen, die für den immergrünen Wald steht.
Eine Archivperle von SRF: Eierläset in Effingen, Fricktal (1964):
Spezialaufgaben in der Neuzeit
Um das Spektakel für die Zuschauerinnen und Zuschauer attraktiv zu halten, wurden die Regeln in den verschiedenen Orten, in denen keine maskierten Figuren übereinander herfallen, nach und nach modernisiert.
Oftmals ist jedes zehnte Ei farbig bemalt und markiert damit eine Spezialaufgabe. So muss die Läuferin oder der Läufer etwa die Strecke auf einem Rollbrett zurücklegen, jemand vom Team in einer Schubkarre transportieren oder einen Balance-Akt vollführen.
Nachdem der Frühling rituell gewonnen hat, ist das Fest aber noch lange nicht vorbei. In Gemeinden wie Effingen oder Oeschgen folgt zum Beispiel eine «Eierpredigt»: Ein als Pfarrer verkleideter Akteur steigt auf eine hölzerne Kanzel und hält eine satirische Ansprache – eine Art «Schnitzelbank», in der die Sünden und Missgeschicke der Menschen und Behörden im Dorf gnadenlos ausgebreitet werden.
Die Hauptrolle
Die Eier für diese Feste werden übrigens in den meisten Dörfern durch die Turnvereine, die grösstenteils auch das Fest organisieren, von Tür zu Tür gesammelt. Es gibt aber auch Dörfer, in denen eine Firma die Eier zu Werbezwecken spendet.
Und schliesslich müssen die Eier nach dem Eierläset verwertet werden. Was wäre da angebrachter als ein grosses Schlemmen? Dafür wird in vielen Gemeinden ein so genannter «Eiertätsch» angerichtet, der gemeinsam mit der Bevölkerung genossen wird – oftmals untermalt von der örtlichen Blasmusik.
So soll die Kraft der Eier, dieser Symbole für Fruchtbarkeit, auf die Anwesenden von nah und fern übergehen und definitiv den Frühling einläuten.
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