Syngenta-CEO Jeff Rowe: «Es wäre verfrüht, über einen Börsengang zu spekulieren»
Jeff Rowe, CEO der Syngenta Group mit Sitz in Basel, äussert sich im Interview zur Strategie des Agrarkonzerns – und erklärt, weshalb der chinesische Eigentümer aus seiner Sicht ein Vorteil ist.
Im Jahr 2017 wurde das Schweizer Agrartechnologie-Unternehmen SyngentaExterner Link für 43 Milliarden US-Dollar (33,3 Milliarden Schweizer Franken) von der staatlichen chinesischen Gruppe ChemChinaExterner Link übernommen. Der rekordverdächtige Deal schreckte in der Schweiz zahlreiche Parlamentarier:innen auf und führte zur Verabschiedung der sogenannten «Lex Syngenta» oder «Lex China»Externer Link. Es handelt sich um ein so genanntes «Investitionsprüfgesetz», das Kontrollen vor Übernahmen von sicherheitsrelevanten Schweizer Firmen vorsieht.
Die auf Agrartechnologie, Saatgut und Pflanzenschutz spezialisierte Syngenta-Gruppe befindet sich seit der Übernahme vollständig im Besitz von Sinochem Holdings, einer Gruppe chinesischer Staatsunternehmen, die aus dem Zusammenschluss der Sinochem Group und ChemChina hervorgegangen ist. Die Syngenta-Gruppe erzielte 2024 einen Umsatz von 28,8 Milliarden US-Dollar und beschäftigt rund 56’000 Mitarbeitende in über 90 Ländern. Diese Zahlen liegen deutlich über dem Umsatz von 12,65 Milliarden US-Dollar im Jahr 2017 (vor der Übernahme) und 13,6 Milliarden US-Dollar im Jahr 2019.
Seit dem Wechsel der Eigentümerschaft sieht sich das Unternehmen mit diversen Problemen konfrontiert: Den zunehmenden Spannungen zwischen China und den Vereinigten Staaten, den von US-Präsident Donald Trump verhängten Zöllen sowie dem gelegentlich umstrittenen Image, das aus der Nähe zur chinesischen Regierung resultiert.
Swissinfo traf sich im Januar 2026 am Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos mit Jeff Rowe, CEO der Syngenta-Gruppe, für ein Interview.
Swissinfo: Herr Rowe, Sie nehmen zum vierten Mal an der WEF-Jahrestagung in Davos teil. Was erwarten Sie von diesem Meeting?
Jeff Rowe: Ich schätze die Vielfalt der Denkweisen beim WEF. Ich bin ein neugieriger Mensch und ständig auf der Suche nach Wegen, Dinge noch besser zu tun und Neues auszuprobieren. Syngenta ist ein sehr innovatives Unternehmen. Wir sind stets bestrebt, unsere Leistungen zu verbessern – vom Kundenservice bis zur Entwicklung neuer Produkte. Es ist inspirierend, sich hier in Davos mit einigen der besten und klügsten Köpfe auszutauschen.
Es sind nicht viele Agrar- und Landwirtschaftsunternehmen vertreten, aber es bringt einen grossen Mehrwert, mit Branchen zu interagieren, die weit von der eigenen entfernt sind, ihre Prioritäten und Anliegen zu verstehen. Daraus können neue Erkenntnisse kommen, die ich von hier mitnehme und in unser Unternehmen einspeisen kann.
Syngenta befindet sich seit fast einem Jahrzehnt in chinesischem Besitz. Wie hat diese neue Besitzerschaft die Unternehmenskultur, die Entscheidungsfindung und die langfristige Strategie von Syngenta verändert?
Kurz nach der Übernahme im Jahr 2017 gab es in der Schweiz viele Bedenken – Ängste vor dem Verlust eines wichtigen nationalen Unternehmens, vor der Verlagerung von Aktivitäten ins Ausland und vor der Asymmetrie, die durch den Verkauf eines privaten Schweizer Unternehmens an einen staatlichen Käufer entsteht. Nichts davon ist eingetreten. Syngenta ist nicht nur nach wie vor in der Schweiz ansässig, sondern heute relevanter denn je, mit einem Konzernumsatz, der fast doppelt so hoch ist wie zum Zeitpunkt der Übernahme.
Im Grunde genommen sind wir ein globales multinationales Unternehmen, was sich auch in unserer Unternehmensführung widerspiegelt. Wir haben ein globales Führungsteam und einen globalen Verwaltungsrat, dem unabhängige, angesehene und einflussreiche Leitungspersönlichkeiten aus aller Welt angehören.
Welchen Mehrwert bringen Ihrer Meinung nach die chinesischen Aktionäre?
Sie sind langfristig orientiert, engagieren sich stark für Forschung und Entwicklung und betrachten ihre Investitionen in Syngenta als dauerhafte Angelegenheit. Dies steht im Gegensatz zur Sichtweise aktivistischer Investor:innen*, die vielleicht für sechs Monate einsteigen und Veränderungen fordern, die der langfristigen Gesundheit eines Unternehmens schaden können.
Hat die Zugehörigkeit zu einem chinesischen Konzern Auswirkungen auf Ihre Fähigkeit, westliche Talente oder Partner zu gewinnen?
Schauen Sie sich an, wen wir seit der Übernahme eingestellt und wen wir gehalten haben. Dann lässt sich feststellen, dass wir bei der Anwerbung und Bindung von Top-Talenten besser abgeschnitten haben als fast alle anderen in der Branche.
Die USA haben die Überprüfung der Politik der chinesischen Regierung mit Fokus auf die nationale Sicherheit verstärkt. Wie halten Sie das Vertrauen der US-Aufsichtsbehörden und Kunden aufrecht, da Syngenta im Besitz eines chinesischen Staatsunternehmens ist?
Wir sind in der Schweiz, in Europa, den Vereinigten Staaten und weltweit als multinationales Unternehmen mit Sitz in der Schweiz anerkannt. Wir haben zwar eine chinesische Besitzerschaft, aber unsere Geschichte und unser Erbe sind tief in der Schweiz verwurzelt. Der Grossteil unseres Führungsteams ist in Basel aktiv; das gilt auch für mich selbst.
Landwirte in den USA, Indien, Brasilien und anderen Ländern halten uns im Allgemeinen für eine der angesehensten Marken in der Landwirtschaft. Wir sind seit über 200 Jahren im Geschäft und in den wichtigsten Märkten in fast allen Segmenten die Nummer eins oder zwei. Wir sind den Aufsichtsbehörden auch als wissenschaftlich orientiertes Unternehmen bekannt, das höchste Qualitätsstandards erfüllt.
Wie stark ist Syngenta von den anhaltenden Spannungen im Handel zwischen den USA und China betroffen?
Der Handel ist für unsere Kunden wichtig, da landwirtschaftliche Erzeugnisse weltweit zu den am stärksten gehandelten Gütern gehören. Die Landwirtschaft sollte eine Brücke zwischen den Ländern sein, da einige Regionen von Natur aus besser für die Nahrungsmittelproduktion geeignet sind als andere. In meiner Heimat im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten gibt es beispielsweise einige der fruchtbarsten Böden der Welt; dort lassen sich effizient Nahrungsmittel produzieren.
Ich will sagen: Wir sollten keine Regenwälder abholzen oder wenig produktives Landflächen für die Nahrungsmittelproduktion nutzen. Die Gesellschaft sollte diejenigen Orte optimieren, die sich für die Nahrungsmittelproduktion eignen, und Märkte schaffen, um den Transport dieser Nahrungsmittel zu ermöglichen.
Aber Ihre Produkte unterliegen immer noch Zöllen, beispielsweise beim Export aus der Schweiz in die USA. Verringern Sie Risiken, indem Sie den Standort Ihrer Produktion anpassen?
Wir produzieren weltweit und verfügen über Produktionsstätten und Unternehmen in allen wichtigen Märkten. Das Saatgut wird meist vor Ort in dem Land produziert, in dem es verbraucht wird. Wir optimieren aber unsere Lieferketten, um Risiken durch unvorhergesehene Handelsstörungen zu minimieren. Unsere Lieferketten sind hochentwickelt, und wir setzen in grossem Umfang künstliche Intelligenz (KI) ein, um Zuverlässigkeit, Qualität und Kosten zu optimieren.
Wir nutzen KI auch, um die Nachfrage der Landwirte oft schon 18 Monate im Voraus zu prognostizieren. Unsere KI-Modelle analysieren Wetterverhältnisse in Ländern wie Argentinien und Brasilien, schätzen beispielsweise ab, wie viel Mais im Vergleich zu Sojabohnen angebaut werden wird, und legen fest, wo die Produktion beginnen soll – ob in Indien, China, der Schweiz oder Grossbritannien.
Ihr geplanter Börsengang in Shanghai wurde mehrfach verschoben. Wie ist der aktuelle Stand Ihrer Börsenpläne – planen Sie noch in diesem Jahr einen Börsengang? Und käme auch eine Notierung an einer Schweizer oder europäischen Börse in Frage?
Wir werden unsere Kapitalmarktstrategien weiterhin auf der Grundlage der Marktbedingungen und anderer relevanter Faktoren evaluieren, um die Interessen unserer Aktionäre am besten wahrzunehmen. Bis zum jetzigen Zeitpunkt ist noch kein formeller Entscheid über einen möglichen Börsengang gefallen; es wäre auch verfrüht, über den Ort einer Erstnotierung und, falls die Situation es erfordert, einer Zweitnotierung zu spekulieren.
Eine meiner ersten Entscheidungen als CEO war es, den Antrag zurückzuziehen. Er war schon zu lange hängig und sorgte für zu viel Ablenkung. Seitdem habe ich mich auf die Verbesserung der Leistung, der Wettbewerbsfähigkeit, der Cashflows und der Margen konzentriert.
Wie wägen Sie die Vorteile einer Börsennotierung gegen die erhöhte Offenlegungspflicht und den kurzfristigen Marktdruck ab?
Über den Zugang zu Kapital hinaus kann eine Börsennotierung unseren weltweiten Ruf als Branchenführer stärken. Im Rahmen eines Börsengangs werden wir unsere Finanzinformationen gemäss den regulatorischen Anforderungen verbessern, um Transparenz für Investoren zu gewährleisten.
Inwiefern ist Syngenta überhaupt noch ein Schweizer Unternehmen?
Unsere Beziehung zur Schweiz ist langjährig, tiefgreifend und für beide Seiten von Vorteil. Wir sind stolz auf unser Schweizer Erbe. Unsere Innovationskraft – das Herzstück unseres Unternehmens – wird nicht nur durch die Neutralität der Schweiz unterstützt, sondern auch durch ihre Offenheit für Investitionen. Es ist kein Zufall, dass forschungsintensive Unternehmen wie Roche, Novartis und Syngenta ihren Sitz in Basel haben: Die Stadt hat eine lange Tradition der Innovation und zieht Spitzenkräfte aus aller Welt an. Unser Hauptsitz in Basel ist eine echte Stärke.
Ich glaube, dass wir das globalste Unternehmen unserer Branche sind und eine der vielfältigsten Mitarbeiterschaften haben. Diese Vielfalt hilft uns, in einem globalen Geschäft bessere Entscheidungen zu treffen. Ich bin auch fest vom Schweizer Bildungssystem überzeugt – meine 16-jährige Tochter geht hier zur Schule – und wir rekrutieren natürlich viele Mitarbeitende von Schweizer Universitäten.
Welchen Betrag hat Syngenta seit der Übernahme durch ChemChina in der Schweiz investiert?
In den letzten zehn Jahren haben wir rund 1 Milliarde US-Dollar in unsere verschiedenen Standorte in der Schweiz investiert. Dies zeigt unser Engagement für das Land.
Zurück zur KI: In welchen Ländern wird KI am stärksten eingesetzt, auch über Ihre Plattform CropwiseExterner Link? Und wo steht die Schweiz?
Die Einführung erfolgt kontinuierlich. Grössere, technisch versierte Landwirte neigen dazu, digitale Technologien und KI schneller einzuführen – beispielsweise in den USA, Brasilien, Argentinien, der Ukraine und Osteuropa. Schweizer Landwirte sind gemäss meiner Erfahrung sehr versiert und legen grossen Wert auf Nachhaltigkeit, was die betriebliche Komplexität erhöhen kann. In der Schweiz variiert die Einführung je nach Sparte: Einige Gemüseproduzenten sind bei digitalen Tools sehr fortschrittlich; insgesamt würde ich die Schweiz irgendwo in der Mitte einordnen.
Der Einsatz von KI könnte dazu führen, dass Landwirte geringere Mengen der von Syngenta vertriebenen Pflanzenschutzmittel benötigen. Wie bringen Sie dies mit Ihren finanziellen Zielen in Einklang?
Es ist ein Missverständnis zu glauben, dass unser Ziel lediglich darin besteht, immer grössere Mengen zu verkaufen. Ein Grossteil unserer Innovationen zielt darauf ab, den Verbrauch zu reduzieren und gleichzeitig die Ergebnisse zu verbessern.
Wenn Landwirte weniger Produkte verwenden, aber bessere Ergebnisse erzielen, profitieren auch wir davon. Präzise Anwendung und Technologie tragen zudem dazu bei, den Arbeitskräftemangel zu beheben, ein grosses und globales Problem für Landwirte. Landwirte sind bereit, in effektivere, intelligente Lösungen zu investieren, auch wenn sie weniger kaufen, weil sie die Vorteile erkennen.
Inwieweit passen Sie die Preise an verschiedene Regionen und Kundensegmente an?
Wir wenden eine wertorientierte Preisgestaltung an und betrachten dabei den Wert, der in einem bestimmten landwirtschaftlichen Betrieb und einer bestimmten Umgebung generiert wird – dieser unterscheidet sich erheblich zwischen Orten wie Mato Grosso in Brasilien und Südindien.
Wir berücksichtigen auch die Wettbewerbsdynamik und Generika, es handelt sich also nicht um einen einheitlichen Ansatz. Darüber hinaus machen Pflanzenschutzmittel nur etwa 10 Prozent der gesamten Kosten eines landwirtschaftlichen Betriebs aus; Düngemittel sind ein viel grösserer Kostenfaktor.
Wie wirkt sich der Klimawandel auf das Geschäft von Syngenta aus?
Ich bin seit etwa 30 Jahren in der Branche tätig. Schon bevor der Klimawandel zu einem Mainstream-Thema wurde, haben wir uns mit Herausforderungen wie Trockenheitstoleranz beschäftigt. Der Klimawandel hat Hitzestress und extreme Niederschläge verstärkt.
Wir müssen Trends mindestens zehn Jahre im Voraus antizipieren, da die Entwicklung eines neuen Produkts etwa ein Jahrzehnt dauert und mehrere hundert Millionen Dollar kostet. Wir analysieren, wie sich die Landwirtschaft geografisch verändern könnte, einschliesslich der Trends in der südlichen Hemisphäre. Das beinhaltet auch Recherchen zu neuen Krankheiten, Schädlingen und weiteren Herausforderungen, mit denen die Landwirte konfrontiert sein könnten.
Dies bringt ein erhöhtes Verantwortungsbewusstsein mit sich: Unsere Innovationen, unsere 56’000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie unsere erheblichen Investitionen in Forschung und Entwicklung können dazu beitragen, klimabezogene Herausforderungen zu bewältigen. Ich nehme diese Aufgabe und Verantwortung sehr ernst.
*Aktivistische Aktionärinnen und Aktionäre kaufen in der Regel relativ kleine Anteile an einem Unternehmen mit dem Ziel, dessen Strategie oder Führungsstruktur zu beeinflussen, um dessen Marktwert kurzfristig drastisch zu steigern, oft zu Ungunsten des Unternehmens in einer langfristigen Perspektive.
Editiert von Virginie Mangin/gw, Übertragung aus dem Englischen: Gerhard Lob/jg
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