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«Der Chauffeur hatte getrunken»

Der verherrende Unfall im Gotthard-Tunnel vor rund einem Monat forderte elf Opfer. Keystone

Bei dem 45-jährigen Chauffeur Aslan Seyf, der den tragischen Unfall im Gotthardstrassen-Tunnel verursachte, wurde Alkohol im Blut gefunden.

Knapp einen Monat ist es her, seit der verheerende Unfall im Gotthardstrassentunnel die Schweiz und ganz Europa erschütterte. Jetzt steht definitiv fest: Das Desaster forderte elf Menschenleben.

Zehn Männer und eine Frau erstickten in Folge einer Kohlendioxid-Vergiftung , wie der zuständige Staatsanwalt Antonio Perugini am Dienstag vor den Medien in Bellinzona erklärte. «Wir haben jeden Millimeter im Tunnel untersucht, es gibt keine weiteren Opfer», hielt er fest.

Neben einem Schweizer sind vier Deutsche, zwei Franzosen, zwei Italiener (darunter einer ebenfalls mit der Staatsbürgerschaft von Paraguay) sowie zwei Türken zu beklagen.

Neun Opfer konnten von Verwandten zweifelsfrei erkannt werden, bei zwei Personen brachte eine DNA-Analyse Gewissheit über deren Identität. Unter diesen befand sich der türkische Staatsbürger Aslan Seyf, der genau zwei Tage vor dem Unfall seinen 45.Geburtstag beging.

Der vierfache Familienvater hatte den in Belgien immatrikulierten Camion gesteuert, der von Airolo kam, und den Unfall höchstwahrscheinlich verursacht.

Alkohol im Blut

Entgegen der anfänglichen Hypothese der Polizei ist der Chauffeur nicht in seiner Führerkabine verbrannt, sondern wurde in der Nähe eines Notausgangs zum Sicherheitsstollen tot aufgefunden – 300 Meter vom Unfallort entfernt. Er hatte einen Schutzraum in nächster Nähe nicht gefunden.

Die Untersuchungen förderten Alkohol im Blut des türkischen Fahrers zutage. Wie hoch der Blutalkoholgehalt vor dem Unfall war, lasse sich aber nicht einwandfrei feststellen, erklärte gestern der Gerichtsmediziner Pierangelo Lucchini, da auch beim Verwesungsprozess Alkohol entstünde. Um mehr Klarheit zu schaffen, sind zusätzliche toxikologische Analysen angeordnet worden.

Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung

Staatsanwalt Perugini ermittelt nach wie vor wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung und mehrfacher fahrlässiger Körperverletzung. Die Anzeige gegen Unbekannt dehnte er jetzt auf Aslan Seyf aus.

Der Chauffeur arbeitete für die belgische Transportfirma Gül Trans. Das Unternehmen hatte den in den Unfall verwickelten Camion von Super Liner Cargo gemietet, welche wiederum das Fahrzeuge von zwei Besitzern mietete – Sattelschlepper und Sattelanhänger hatten somit verschiedene Eigentümer.

«Ein kompliziertes Puzzle, auch für die Versicherungen», meinte Perugini, der ein Rechtshilfegesuch an Belgien gestellt hat, um die Verantwortlichkeiten zu klären.

Beginn der Instandsetzungs-Arbeiten

Die Tessiner Staatsanwaltschaft und die wissenschaftlichen Dienste haben unterdessen ihre Erhebungen in der sogenannten «roten Zone» abgeschlossen. Somit können die eigentlichen Instandsetzungs-Arbeiten beginnen.

«Der Tunnel hat den Brand recht gut überstanden», sagte der Fachmann Francois Pichon. Er ist Mitglied von zwei Expertengruppen, welche den Unfallhergang sowie die Feuer- und Rauchentwicklung detailliert unter die Lupe nehmen. Mit ihren Schlussberichten ist aber erst im Frühjahr 2002 zu rechnen.

Tunnel-Öffnung an Weihnachten

Der Kanton Tessin beabsichtigt, den Tunnel schon vor Weihnachten, am 21.Dezember, wieder freizugeben. Der Leiter des kantonalen Bauamtes, Carlo Mariotta, erklärte dieses Ziel für ehrgeizig.

Bei einem 24-Stunden-Schichtbetrieb bei den Reparaturen könne in diesem Zeitraum wahrscheinlich ein ausreichender Sicherheitsstandard hergestellt werden – zumindest für den Personenverkehr.

Die Arbeiten zur Verbesserung der Ventilationsanlagen sollen beschleunigt werden, um dann in einem zweiten Schritt die Röhre für den Schwerverkehr befahrbar zu machen.

In Bern herrschen gewisse Zweifel an diesem Konzept. Gemeinsames Ziel sei es, den Tunnel so schnell wie möglich befahrbar zu machen, erklärte Michael Gehrken, Sprecher des Bundesamtes für Strassen gegenüber swissinfo.

Aber : «Wir wollen keine Unterschiede zwischen Personenwagen und Schwerverkehr.» Der Abschluss der Expertisen sei vor einer Wiedereröffnung nicht unbedingt nötig, aber es müsse gesichert sein, dass «der Unfall nicht durch die gegebene Infrastruktur im Tunnel verursacht wurde.»

Ausschlaggebend sei neben der Tunnelsicherheit auch die Gesamtverkehrs-Sicherheit auf dem Strassennetz. «Und diese war mit dem Gotthard-Tunnel vor dem 24. Oktober sicherlich besser als momentan mit der Schwerverkehr-Ausweichroute über den San Bernardino», meinte Gehrken abschliessend.

Gerhard Lob, Bellinzona

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