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Lücken im Kampf gegen Rassismus

Das Lehrmittel "Achtung Verachtung" fördert die Achtung vor dem Mitmenschen und bekämpft Rassismus und Rechtsextremismus. swissinfo.ch

Die Hilfe für Opfer rassistischer Diskriminierung muss besser werden, zeigt eine Studie. Ein Zeichen setzt das Lehrmittel "Achtung-Verachtung".

Verbale Attacken, körperliche Übergriffe, Drohungen, Sachbeschädigungen, Behördenrassismus und rechtsradikale Aufmärsche: 117 rassistische Vorfälle führen die Stiftung «Gegen Rassismus und Antisemitismus» sowie die «Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz» in ihrer Chronologie 2001 auf.

Die Zahl rassistischer Ereignisse sei im Vergleich zum Vorjahr «auf hohem Niveau stabil geblieben», sagt Szenenkenner Hans Stutz. Dominierend waren im letzten Jahr die Einbürgerungs-Verweigerungen: Alleine im September wurden 25 Verweigerungen registriert.

Geringe Professionalität

Die Zahl der Opfer ist hoch, doch an qualifizerten Beratungsstellen fehlt es. Dies zeigt eine aktuelle Studie der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR). Die EKR hat rund 130 Anlaufstellen – von Fürsorgeämtern über Hilfswerke bis Beratungen für Asylsuchende – näher unter die Lupe genommen. «Wenige der Anlaufstellen sind für die Problematik Rassismus spezialisiert», sagt Gioia Weber, stellvertretende Leiterin des Sekretariats der EKR.

Viele der Stellen hätten aber den Wunsch nach Ausbildung geäussert. Zum Beispiel im Bereich der Mediation und der Rechtsberatung für Rassismusopfer. Deshalb arbeitet die EKR an einem Ausbildungsmodul.

Heute sind die wenigsten Beratungsstellen in der Lage, aktiv bei Konflikten zu intervenieren, was auch mit den begrenzten finanziellen Mitteln zusammenhängt. Staatliche Stellen, so die Studie, böten meist nur marginale Hilfe für Betroffene an. Bei den nicht-staatlichen Anlaufstellen seien die finanziellen Mittel klein. im Schnitt verfügten sie pro Jahr über 100’000 Franken für die Opferberatung.

Regionale Unterschiede

Die Beratungsstellen sind zudem nicht gleichmässig über die ganze Schweiz verteilt. Der Kanton Genf hat zum Beispiel nur vier Anlaufstellen, Luzern vier, Zürich hingegen 21. Generell gibt es in städtischen Regionen mehr Angebote als in ländlichen.

Grosse Lücken bestehen vor allem in der Innerschweiz und in den Randregionen. Der Kanton Appenzell Ausserhoden verfügt als einziger Kanton über keine Anlaufstelle. Um hier etwas zu bewegen brauche es «mehr politischen Willen und eine noch grössere Sensibilisierung zum Thema», erklärt Gioia Weber.

Zusammenarbeit fördern

Die Studie zeigt weiter, dass die Koordiantion der bestehenden Angebote fehlt. Besonders eine regionale Vernetzung scheint Gioia Weber sinnvoll. Deshalb will die Fachstelle für Rassismusbekämpfung und Menschenrechte nun ein Adressverzeichnis der verschiedenen Anlaufstellen publizieren.

Ins Leben gerufen wurde diese Fachstelle, welche der ERK angegliedert ist, im letzten Jahr. Der Bundesrat hat im Dezember einen Fonds von 15 Mio. Franken für die Dauer von fünf Jahren bewilligt. Die Fachstelle unterstützt damit Projekte, die sich in ihrem Sinne einsetzen, zum Beispiel das «gggfon.»

Gegen Gewalt und Rassismus

Das «gggfon» bietet in der Region Bern telefonische Beratung und Information zu Gewalt und Rassismus an, ein Angebot für Opfer und Betroffene. Das Angebot wurde ursprünglich von der Gemeinde Münchenbuchsee ins Leben gerufen, nachdem es zu rechtsextremen Ausschreitungen gekommen war. Seit dem 1. Februar 2002 unterstützen 25 Gemeinden das Projekt.

In einem Fall wurde das «gggfon» um Rat gefragt, als in Hauseingängen von Mehrfamilienhäusern ein rassistisches Gedicht aufgehängt worden war, die Polizei es jedoch unterlassen hatte, etwas zu unternehmen. «Wir werden nun den Gemeinderat kontaktieren und zusammen schauen, wie man reagieren kann», sagt «gggfon»-Projektleiter Giorgio Andreoli, «man muss reagieren». Nichtreagieren könne als Unterstützung aufgefasst werden. «Für mich ist es wichtig, dass Gemeinden lernen, in Fällen von Rassismus und Gewalt an die Öffentlichkeit zu gehen.»

«Achtung Verachtung» – Schulbuch gegen Rassismus

Nicht nur Gemeinden müssen den Umgang mit Rassimus lernen, auch die Schule ist mit dem Problem konfrontiert. Eines der Projekte, das die Fachstelle für Rassismusbekämpfung und Menschenrechte unterstützt, ist deshalb das Lehrmittel «Achtung Verachtung», herausgegeben vom bernischen Lehrmittelverlag. Mitautorin Luise Treu betont den präventiven Charakter der Unterrichtshilfe (einsetzbar etwa ab 7. Klasse): «Es geht darum, Akzeptanz sowie offenes Verhalten von Schülerinnen und Schülern zu stärken und zu unterstützen.»

«Achtung Verachtung» thematisiert Nationalsozialismus, Rassismus, Rechtsextremismus und die Art und Weise, wie die Gesellschaft darauf reagiert. Geschichtliche Hintergründe und gesetzliche Grundlagen werden dokumentiert, Rollenspiele und Diskussionsvorschläge gemacht. Die Schülerinnen und Schüler können sich selbständig mit der Thematik auseinandersetzen. «Aufgabe der Lehrkraft ist es, zu leiten und darauf zu achten, dass Rassismus und Rechtsextremismus keine Plattform in der Schule erhalten», sagt Louise Treu.

Angebote für Täterinnen und Täter

Die EKR hat auch Hilfen für Täter und Mitglieder rassistischer Gruppierungen eruiert: Es hat sich gezeigt, dass ein national ausgewogenes Betreuungsangebot besteht, mit 38 Anlaufstellen ist es jedoch nicht gerade dicht. In der Westschweiz und im Tessin bieten die Opferhilfe- und Jugendberatungsstellen Hilfestellung, in der Deutschschweiz sind es die schulpsychologischen Dienste und Erziehungs-Beratungsstellen.

Ende 2001 hat der Kanton Basel-Landschaft als erster Kanton eine spezielle Anlaufstelle eingeführt für ausstiegswillige Rechtsextreme, betroffene Eltern und Gemeinden. Bisher habe es einen Kontakt mit einem Ausstiegswilligen gegeben, sagt der für die Beratung zuständige Franz Kohler.

Mehr Echo verspricht er sich durch die aktuelle Sensibilisierungs-Kampagne des Kantons Basel-Landschaft gegen Rassismus (siehe Link). Auch für «gggfon»-Leiter Giorgio Andreoli ist die öffentliche Debatte zentral, um etwa bewirken zu können: «Wichtig ist, dass gesellschaftlich etwas passiert, dass die Menschenwürde über allem steht. Wenn wir die nötige Auseinandersetzung in den nächsten Jahren fertig bringen, kann etwas Gutes daraus entstehen.»

Kathrin Boss Brawand

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