Partnerin Türkei?
Die Türkei könnte dereinst zu einem wichtigen Glied der internationalen Gemeinschaft werden, sagt Bundesrat Pascal Couchepin. Zunächst seien aber Wirtschafts-Reformen nötig.
«Die Türkei hat ein sehr grosses wirtschaftliches Potenzial», erklärte Bundesrat Couchepin am Montag, dem ersten Tag seines offiziellen Besuchs in der Türkei. Der Schweizer Wirtschafts-Minister traf in Ankara türkische und schweizerische Wirtschaftsvertreter.
Dieses Potenzial dürfe jedoch nicht über die gegenwärtigen Probleme des Landes hinweg täuschen, sagte Couchepin weiter. Namentlich die Bewältigung der Wirtschafts- und Finanzkrise, welche die Türkei im letzten Jahr durchgemacht habe, setze dem Land noch immer stark zu.
Problem Direktinvestitionen
Ein zentrales Problem bilden die Direktinvestitionen. Sie stossen in der Türkei noch immer auf das Misstrauen von Regierungs- und Verwaltungsstellen. Der Vertreter eines in der Türkei tätigen Schweizer Konzerns sagte: «Es gibt Politiker, die immer noch glauben, dass mit ausländischen Direktinvestitionen gleichzeitig auch das Land verkauft werde.»
Als mühsam bezeichneten Vertreter von Schweizer Unternehmen in der Türkei die schwerfällige Verwaltung. Diese Hindernisse hätten wiederholt zu einem Verzicht auf Direktinvestitionen geführt.
Schwierigkeiten seien ferner bei der Respektierung des geistigen Eigentums festzustellen, hielten Vertreter der Schweizer Pharma-Industrie fest. So sei jedes Medikament, das vor 1995 die Zulassungs-Bewilligung erhalten habe, heute nicht mehr geschützt.
Die Schatten der Finanzkrise
Die Gespräche zwischen Bundesrat Couchepin und Vertretern des türkischen Wirtschafts-Dachverbandes (Tüsiad) hatten hauptsächlich die türkische Finanzkrise des letzten Jahres zum Thema. Dabei bekräftigte der türkische Wirtschaftsminister Kemal Dervish seine Überzeugung, dass sein Land in der Lage sei, die Folge-Erscheinungen dieser Krise zu meistern.
Diesen Optimismus teilte ein türkischer Geschäftsmann nicht: «Die Krise ist noch lange nicht überstanden. Wenn uns eine zweite Welle wie im letzten Jahr treffen sollte, würden wir an den Rand des Bankrotts getrieben. Wir stünden schlimmer da als heute Argentinien.»
70 Millionen Konsumenten
Die Türkei mit ihren 70 Millionen Konsumenten ist für die Schweiz trotz aller Schwierigkeiten ein wichtiger Markt. Der grösste Teil der Schweizer Exportrisiko-Garantien (ERG) – nämlich 12% – betreffen Schweizer Ausfuhren in dieses Land. Per 1. März 2002 betrug das kurz- und langfristige ERG-Engagement 1,03 Mrd. Franken. An erster Stelle steht der Energiesektor.
Seit 1987 bemüht sich die Türkei – bisher vergeblich – um eine Aufnahme in die EU. Noch entspricht das Land nicht den Kriterien für eine Mitgliedschaft.
Zu den Haupt-Hindernissen zählen gemäss einem EU-Bericht Einschränkungen und Verletzungen vor allem in den Bereichen Menschenrechte und Justiz. Sorge macht auch die Korruption. In dem im November 2001 veröffentlichten Bericht werden aber auch Fortschritte festgestellt, unter anderem nach einer Verfassungs-Revision.
swissinfo und Agenturen
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