«Sans-papiers»: Besetzung in Bern
Die Bewegung der Papierlosen erfasst die Deutschschweiz: "Sans-papiers" aus dem Kanton Bern und ein Unterstützungs-Komitee haben am Sonntag in Bern Räumlichkeiten der St. Marienkirche besetzt. Die Kirchgemeinde will die Papierlosen vorerst gewähren lassen.
Mehr als 20 Papierlose hätten sich am Sonntagnachmittag in den Räumlichkeiten der katholischen St.Marien-Kirchgemeinde im Breitenrain-Quartier eingerichtet, gab ein Vertreter des Unterstützungs-Komitees am Sonntag an einer Medien-Konferenz bekannt. In den nächsten Tagen würden weitere Papierlose erwartet. Bis am Abend blieb unklar, ob neben den Räumen der Kirchgemeinde auch die Kirche besetzt würde.
Abgewiesene Asylsuchende und ehemalige Saisonniers
Bei den Berner «Sans-papiers» handelt es sich um bosnische, türkische und iranische Staats-Angehörige, die als abgewiesene Asylsuchende oder ehemalige Saisonniers in der Illegalität lebten. Unter ihnen sind auch Familien mit Kindern. Sie wollen ausharren, bis für alle Papierlose in der Schweiz eine kollektive Lösung gefunden wird.
Kirchgemeinde-Präsident Felix Schoebi wurde zwei Stunden vor der Besetzung über die Aktion informiert. Man müsse den «Sans-papiers» eine faire Chance geben, ihre Anliegen zu vertreten, sagte er vor den Medien. Deshalb würden die Besetzer vorerst geduldet.
Keine Intervention der Polizei
Die Polizei liess sich während der Aktion nicht blicken. Kurz vor Beginn der Besetzung waren die städtische und die kantonale Polizeidirektion informiert worden. Man habe die Polizei gebeten, auf eine Intervention zu verzichten, sagte ein Sprecher des Unterstützungs-Komitees.
Er sehe «vorerst keinen Handlungsbedarf», sagte der städtische stellvertretende Polizeidirektor und SP-Nationalrat Alexander Tschäppät. Er sei von der Kirchgemeinde bisher nicht angegangen worden. Bei den Papierlosen handle es sich um ein reales Problem, mit dem sich die Eidgenössischen Räte in wenigen Tagen zu befassen hätten.
Kein auf die Westschweiz beschränktes Problem
Das Unterstützungs-Komitee und zwei Sprecher der Papierlosen kritisierten an der Medien-Konferenz die harte Haltung der Bundes-Behörden in der Sache der Papierlosen. Die Bedingungen, die zu Papierlosigkeit führten, seien in der ganzen Schweiz die gleichen.
«Der Bundesrat sieht sie nicht als Menschen, sondern als billige Arbeitskräfte, die von gewissenlosen Unternehmern ausgebeutet werden dürfen», erklärte ein Mitglied des Unterstützungs-Komitees. Die repressive Haltung einiger deutschschweizer Kantone löse bei den Betroffenen Angst aus und erzeuge sogar mehr Papierlose als in der Romandie.
«Sans-papiers» sind seit Monaten ein Thema
Das Schicksal der Papierlosen in der Schweiz steht seit mehreren Monaten im Rampenlicht. Die Bewegung begann mit der Kirchen-Besetzung in Lausanne am 25. April und breitete sich im Sommer auf Freiburg und La Chaux-de-Fonds aus.
swissinfo und Agenturen
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