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Michael Hugentobler erzählt das Leben als wunderschöne Katastrophe

Keystone-SDA

"Bis die Bären tanzen" ist der dritte Roman des Aarauer Autors Michael Hugentobler. Die Familienchronik handelt von vier Geschwistern, die in der Zwischenkriegszeit ihr Glück und die Liebe suchen - in der Schweiz, in Nazideutschland, in Brasilien und in Australien.

(Keystone-SDA) Nach «Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte» (2018) und «Feuerland» (2021) erzählt Michael Hugentobler auch in seinem dritten Roman vor einem weltumspannenden, historischen Setting und von fabulierenden Figuren.

Eigentlich habe er nach «Feuerland», das 2021 für den Schweizer Buchpreis nominiert war, erst einmal ein ganz anderes Buch angefangen. Allerdings war während Corona die Recherche dafür unmöglich und da gab es noch eine Geschichte, die er schon lange im Kopf hatte, erzählt Hugentobler im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA: «Mit 23 Jahren besuchte ich gemeinsam mit meiner Mutter meine Grosstante im Altersheim in Australien, die mir von der Geburt ihres Sohnes erzählte – alleine in einer Hütte im Dschungel mit einer riesengrossen schwarzen Schlange an der Decke. Das ist nur eine kurze Szene, aber ich wusste, dass ich diese Geschichte erzählen muss.»

«Chronik der emotionalen Turbulenzen»

Genau dies tut Hugentobler nun in «Bis die Bären tanzen». Der Erzähler beschreibt es einmal als eine «Chronik der emotionalen Turbulenzen» der Familie Lieber. Hauptfiguren sind die vier Geschwister Belle, Elfie, Cob und Anne, die mit ihren Eltern aus Deutschland in die Schweiz migrierten, wo ihnen der Schweizer Pass fünf Mal verweigert wird.

Die vier Geschwister könnten kaum unterschiedlicher sein: Belle ist verliebt in Baron Hirsch, dem sie heimlich Briefe schreibt, bis er ihr von der Schwangerschaft seiner Frau erzählt. Anne liest Bücher über starke Frauen und in ihr blubbere «seit frühester Kindheit eine lavaähnliche Masse aus Wut». Cob hat sehr breite Schultern, «Ochsenschultern», will Turnlehrer werden und verlässt das heimische Nest als Erster. Elfie sei die Schönste und Zarteste, landet aber erst einmal im Sanatorium in den Bergen.

Alle Vier suchen die Liebe, aber leben maximal unterschiedliche Beziehungen: von kalt und abwesend über emotional und aufwühlend bis zu gewalttätig. Cob wird Akrobat und tourt durch Nazideutschland, Anne wandert nach Australien aus und Belle nach Brasilien. Voneinander wissen sie nur wenig, und sie verschweigen sich vieles. Nur Elfie empfängt in der Schweiz von allen Briefe und hütet die Geheimnisse.

Dank Hugentoblers einmaliger Sprache, einer klugen und manchmal bösen Humorlage, wilden Figuren und einigen fiesen Cliffhangern ist das beste Unterhaltung.

Viel Fantasie und viel Recherche

Hugentobler verweist auf zwei Klassiker, die ihn beeinflusst hätten. Nach eigenen Angaben habe er lange kaum moderne Literatur gelesen. «Mein absolutes Lieblingsbuch war ‘Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde’ von Robert Louis Stevenson. Das ist ein Mosaik aus Ich-Erzählungen, Briefen, Tagebüchern, Perspektiven einer dritten Person.» Diese Form von Mosaik findet sich auch bei «Bis die Bären tanzen».

Ausserdem habe ihn Kurt Steinmanns Übersetzung der Odyssee beeinflusst, quasi eine «Frauen-Odyssee» zu schreiben. Weil viele der zentralen Figuren Frauen sind und es oft um deren Gefühle geht, schuf Hugentobler die erzählende Instanz Constantin Kyd, der sich als Historiker vorstellt. Dieser greift immer wieder erzählerisch und erklärend ein.

Hugentobler war selbst dreizehn Jahre auf Weltreise. In seinem Schreiben sei er ein bisschen wie beim Reisen: Er plane etwas und lasse sich dann überraschen, was passiert. «Meistens macht es mir wirklich Spass, einfach zu schauen, was die Figuren zusammen erleben könnten», so Hugentobler im Gespräch. «Ich bin in meinem Leben einfach schon sehr vielen speziellen Leuten begegnet und die baue ich manchmal ein.»

In dieser Zeit habe er auch oft Geschichtsbücher gelesen über das Land, in dem er gerade war. Um beim Schreiben mehr über den Alltag zu erfahren, recherchiere er in Fotoarchiven und arbeite mit historischen Videos. «Manchmal schaue ich einfach einen Tag lang schwarz-weiss Propagandafilme beispielsweise aus Brasilien 1930 auf YouTube und mache Screenshots, wenn mir irgendetwas auffällt.»

Emotionale Nähe zu den Figuren

Fast schon nebenbei verhandelt «Bis die Bären tanzen» Anarchismus, Finanzsysteme, Sexualität oder Migration. «Zumindest in meinem Umfeld hat jede Person, die ich kenne und mit der ich eng befreundet bin, mindestens eine Grossmutter, die nicht hier geboren wurde. Eine meiner Grosstanten ist nach Brasilien ausgewandert, eine nach Australien und mein Grossonkel war Kunstturner», erzählt Hugentobler. So habe er Ausgangspunkte und Figuren, die ihm emotional nahe sind.

Mit anderen Themen setze er sich intensiv auseinander: «Ich habe auch angefangen, an der Börse zu handeln oder Bodybuilding zu machen – nicht einfach nur einen Tag, sondern über die Jahre. Und ich finde es super.» Aber vor allem wolle er eine lesbare, spannende Geschichte über das Leben erzählen. «Als weisser Schweizer Mann mit Jahrgang 1975 weiss ich wahrscheinlich nicht viel über Katastrophen. Aber in meiner Bubble erlebe ich das Leben auch als eine wunderschöne Katastrophe.»*

*Dieser Text von Philine Erni, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.

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