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"Import billiger Arbeitskräfte für Betreuung daheim auf Vormarsch"

Zahlreiche Betreuende aus Osteuropa helfen älteren Menschen zu Hause in der Schweiz (Symbolbild). Keystone / Oliver Berg

Die Zürcher Forscherin Karin Schwiter untersucht seit längerer Zeit die Migration von Betreuerinnen für ältere Menschen aus Ost- nach Westeuropa. Sie hofft, dass die Pandemie zu mehr Bewusstsein für deren prekäre Arbeitsbedingungen führt. Und dass das ganze Betreuungssystem in Frage gestellt wird.

Dieser Inhalt wurde am 03. März 2021 - 09:00 publiziert

Arbeitsmigrantinnen waren von den Grenzschliessungen im Zusammenhang mit der Coronavirus-Pandemie besonders betroffen. Zu diesen zählen auch jene Frauen, die in privaten Schweizer Haushalten meist ältere Menschen betreuen.

Karin SchwiterExterner Link interessiert sich schon seit einigen Jahren für diese Arbeitskräfte, bei denen es sich zu einem grossen Teil um Frauen handelt. Sie ist Leiterin einer Forschungsgruppe am Geografischen Institut der Universität Zürich und beteiligt an der Studie "Gute Sorgearbeit? Transnationale Home Care Arrangements"Externer Link, die vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützt wird.

An dem Projekt arbeiten Forschende aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Ziel ist es, ein besseres Verständnis dafür zu gewinnen, wie diese Arbeitskräfte in Osteuropa von transnationalen Agenturen angeworben werden, wie sie sich im Westen innerhalb von Familien bewegen, wie ihre Arbeitsbedingungen aussehen und sich dieser Markt entwickelt.

swissinfo.ch: Kann man sagen, dass die Arbeit im Bereich der Betreuung in privaten Haushalten globaler geworden ist?

Karin Schwiter: In vielen Ländern der Welt gibt es seit langer Zeit Migrantinnen, die in diesem Sektor arbeiten. So sind zum Beispiel in den Golfstaaten viele Frauen aus den Philippinen als Hausangesstellte oder Betreuerinnen beschäftigt, und viele südamerikanische Frauen sind in Nordamerika, Spanien oder Portugal tätig.

Aber es gibt einen globalen Trend, dass immer mehr Arbeitskräfte aus ärmeren Ländern von reicheren Ländern für die Betreuung in privaten Haushalten angeworben werden.

Diese Bewegung ist in der Schweiz, Österreich und Deutschland recht neu. Diese Länder setzten lange Zeit auf Hausfrauen als Betreuerinnen. Das bedeutet, dass Pflege und Betreuung von älteren Menschen innerhalb der Familie geleistet wurden.

Mit der Zeit traten aber auch in diesen Ländern mehr und mehr Frauen in den Arbeitsmarkt ein, während die Männer ihren Anteil an der Erwerbsarbeit nicht reduzierten, was zu einer Krise im Bereich der Betreuung älterer Menschen führte. So entstand ein neuer Markt, dessen Ausbreitung durch die Personenfreizügigkeit im Schengenraum erleichtert wurde.

Karin Schwiter ist Leiterin einer Forschungsgruppe am Geographischen Institut der Universität Zürich. Karin Schwiter

Wie viele solche Betreuungskräfte kommen regelmässig zur Arbeit in die Schweiz?

Wir haben keine Statistiken, weil die meisten dieser Arbeiterinnen nicht in der Schweiz ansässig sind und viele der Anstellungen nicht offiziell registriert werden. Es ist daher nicht möglich, die Anzahl dieser "Live-in-Betreuungskräfte" zu schätzen.

Österreich hingegen subventioniert den Sektor der Betreuung älterer Menschen in privaten Haushalten mit Beiträgen, weshalb ein Grossteil der in dem Bereich tätigen Arbeitskräfte erfasst wird. Ihre Zahl wird auf etwa 60'000 geschätzt. Wir denken, dass die Zahl in der Schweiz viel niedriger ist, da der Staat hier diese Art der Beschäftigung nicht subventioniert.

Woher kommen diese Arbeiterinnen, und wer sind sie?

Die meisten kommen aus Ländern wie Polen, der Tschechischen Republik oder der Slowakei. In jüngerer Zeit werden sie vermehrt auch aus Rumänien und Bulgarien rekrutiert. Es sind fast alles Frauen, die meisten haben Kinder im Jugendalter, für die sie noch sorgen müssen, oder auch bereits erwachsene Kinder.

Es ist für diese Frauen oft schwierig, in ihren Heimatländern eine akzeptable Arbeit zu finden. Eine Stelle als Betreuerin in einem Haushalt im Ausland ist eine der einzigen Möglichkeiten, ein ausreichendes Einkommen zu erzielen. Andere Frauen stehen kurz vor dem Ruhestand oder haben ihn bereits erreicht. Oft müssen sie noch weiter arbeiten, da ihre Renten sehr niedrig sind.

In der Deutschschweiz gibt es viele solche Angestellte aus Osteuropa, aber wir haben festgestellt, dass die Situation in der Westschweiz anders ist: Die Betreuerinnen kommen dort häufiger von ausserhalb der Europäischen Union, besonders aus Südamerika und Nordafrika. Ihre Situation ist in der Regel äusserst prekär, da sie teilweise keinen legalen Aufenthaltsstatus haben.

Wie sind die Arbeitsbedingungen für diese Betreuerinnen?

Sie leben vor Ort, in den Familien, und kümmern sich um ältere Menschen. Sie kaufen ein, kochen, putzen, versorgen, kleiden und waschen ihre Patientinnen und Patienten. Die älteren Menschen sind oft betreuungsbedürftig und leiden an Demenz, weshalb die Familien eine fast ständige Präsenz vor Ort wünschen.

In den Verträgen sind zwar die Arbeits- oder Ruhezeiten festgelegt, aber in Wirklichkeit arbeiten diese Betreuerinnen fast 24 Stunden am Tag und oft sieben Tage die Woche auf Abruf. Sie haben nur sehr wenig freie Zeit, in der sie das Haus verlassen können.

Wir Forscherinnen sind sehr kritisch gegenüber Regelungen, die vorsehen, dass die Angestellte an ihrem Arbeitsplatz wohnt. Denn das bedeutet, dass diese Person dort auch einen grossen Teil ihrer freien Zeit verbringt. Dieses Arrangement fördert die Ausbeutung und den Einsatz der "Live-in-Betreuerin" ausserhalb ihrer bezahlten Arbeitszeit.

Sie halten die Arbeitsbedingungen also für sehr prekär?

Ja, denn diese Angestellten haben kein Privatleben. Sie müssen sich nach dem Rhythmus und den Anforderungen ihrer Gastfamilien richten. Sie müssen fast die ganze Zeit verfügbar sein für sehr niedrige Löhne.

Aufgrund der harten Arbeitsbedingungen tauschen die Agenturen die Betreuerinnen in der Regel alle vier bis zwölf Wochen aus. Das heisst, eine Arbeitskraft kehrt nach Hause zurück, während eine Kollegin ihren Platz einnimmt. Oft wechseln sich zwei oder drei Personen in einer Familie ab.

Dies ist ein zirkuläres Migrationssystem, das sehr spezifisch für Europa ist, da die Entfernungen zwischen den Ländern nicht so gross sind und somit dieses regelmässige Hin- und Herreisen möglich machen.

Haben sich die Arbeitsbedingungen mit der Pandemie verschlechtert?

Die Pandemie hat sie noch verschlimmert. Zum Beispiel ziehen die Familien weniger oft Angehörige oder externe Hilfe für die punktuelle Betreuung der älteren Menschen bei, was den Betreuerinnen zuvor etwas freie Zeit verschafft hatte.

Zusätzlicher Stress entstand durch die Schliessung der Grenzen, da die Angestellten nicht wussten, ob sie nach Hause zurückkehren können und zudem Angst hatten, dass sich Mitglieder ihrer eigenen Familie während ihrer Abwesenheit mit dem Virus anstecken könnten.

Die meisten Agenturen begegneten den Grenzschliessungen mit einer Verlängerung der Einsätze. Es war eine schwierige Situation für die Angestellten, da sie länger arbeiten mussten, ohne zu wissen, wann ihr Vertrag enden würde.

Und auf der anderen Seite gab es jene Betreuerinnen, die zu Hause festsassen und nicht mehr zur Arbeit in die Schweiz kommen konnten. Da sie nur kurzfristige Verträge haben, erfüllten sie die vom Bund festgelegten Kriterien für eine finanzielle Unterstützung nicht. Und so standen sie über Nacht ohne Einkommen da.

Welche Lösungen sind entwickelt worden?

Die grundlegende Strategie war in allen drei Ländern die gleiche: Erst die Einsätze verlängern, dann die Mobilität wiederherstellen.

In Österreich hat die Regierung – da der Sektor subventioniert wird – die Agenturen dabei unterstützt, Flüge oder Züge zu organisieren, um den Transport der Betreuerinnen zu erleichtern.

In Deutschland ist dieser Markt sehr informell, und der Staat war nicht involviert, der Grenzübertritt wurde aber inoffiziell erleichtert. In der Schweiz wurden die Grenzen für Arbeiterinnen und Arbeiter sehr schnell wieder geöffnet.

Die Betreuerinnen müssen oft lange Wege auf sich nehmen, um zurück nach Hause oder an ihren Arbeitsplatz zu kommen. Sie riskieren dabei zusätzlich, sich mit dem Virus anzustecken.

Wie sehen Sie die langfristigen Folgen dieser Pandemie für die Betreuung zu Hause?

Ich denke, die Pandemie hat grundlegende Probleme in unserem Betreuungssystem aufgezeigt. Die Arbeiterinnen in diesem Sektor kommen von immer weiter her, zuerst aus Polen und Tschechien, dann aus Rumänien und Bulgarien. Heute gibt es in Deutschland immer mehr Betreuungskräfte, die aus Weissrussland oder der Ukraine anreisen.

Der Import von billigen Arbeitskräften für die Betreuung zu Hause ist auf dem Vormarsch, da unsere Länder nicht in der Lage sind, selbst adäquate Dienstleistungen für ältere Menschen zu erbringen.

Dies ist ein sehr fragiles und problematisches Arrangement, denn Österreich, Deutschland und die Schweiz zählen auf die Verfügbarkeit von ausgebeuteten Arbeitskräften, um die Betreuung älterer Menschen zu gewährleisten.

Wir sollten diese Gelegenheit nutzen, um über eine Reorganisation des gesamten Systems nachzudenken. In der Deutschschweiz haben sich mehrere Gruppen von Betreuenden für ältere Menschen gebildet, um ihre Arbeit sichtbar zu machen und bessere Bedingungen zu fordern.

Auch auf politischer Ebene werden Initiativen diskutiert, um die Gesetzgebung zu ändern, denn das Hauptproblem in der Schweiz ist, dass Privathaushalte als Arbeitsort nicht unter das Arbeitsgesetz fallen. Daher sind diese Beschäftigten nicht auf die gleiche Weise geschützt wie andere Arbeiterinnen und Arbeiter.

(Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch)

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