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Bargeld in der Verfassung: Ein Schweizer Entscheid zu einem Thema, das international bewegt

Fünfräppler
Produktion von Fünfräpplern bei Swissmint, der offiziellen Münzprägeanstalt der Schweiz, Foto von 2013. Rolf Neeser / Keystone

Weltweit sind viele Menschen besorgt, dass Bargeld verschwinden könnte. Ein international bekannter Bargeld-Befürworter erklärt die Schweizer Abstimmung zum Signal. Eine Analyse mit Perspektiven aus der Soziologie dazu, warum sich Verschwörungstheorien ums Bargeld ranken.

Mit der heutigen Volksabstimmung schreibt sich die Schweiz den Erhalt des Bargelds in ihre Bundesverfassung. In den offiziellen Abstimmungsinformationen hiess es, dass eine Zustimmung keine Veränderungen im Alltag bringt – ebensowenig neue Aufgaben oder Kosten.

Trotzdem sehen anscheinend, mindestens auf symbolischer Ebene, viele Menschen einen Wert darin, dass das Bargeld nun explizit in der Schweizer Bundesverfassung und nicht nur im Gesetz verankert ist. Und zwar auch ausserhalb der Schweiz.

Ein «wichtiges Signal an die Welt»

Der südafrikanische Anthropologe und Aktivist Brett Scott hat Swissinfo vor der Abstimmung gesagt, es sei ein «wichtiges Signal an die Welt», wenn die Schweiz das Bargeld in der Verfassung verankere. Scott verweist darauf, dass Banken seit Jahrzehnten für digitale Zahlungen werben – entsprechend sei es wichtig, wenn ein Land die klare Position beziehe, dass man Bargeld schützen will.

Scott, der in seinen Büchern für den Erhalt des physischen Gelds einsteht, kennt viele Gründe, warum Leuten Bargeld wichtig ist. «Manche sind spezifisch zu Bargeldzahlungen – andere hängen generell mit der digitalen Gesellschaft zusammen», sagt Scott.

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Alte Leute oder etwa Menschen mit Seheinschränkungen seien auf Bargeld angewiesen. Wer wenig hat, nutze Bargeld, weil sich damit einfacher ein striktes Budget machen lässt. «Und oft vertrauen Leute mit tiefem Einkommen dem Bankensektor nicht. Im Gegensatz zu Personen aus dem Mittelstand, die den Institutionen eher vertrauen», so Scott. Generell gebe es natürlich auch viele Menschen, die eine «nostalgische Bindung» zum Bargeld haben.

Viele Gründe für Bargeld

Auf der gesellschaftlichen Ebene wiederum gebe es Bargeldanhänger:innen mit sehr verschiedenen Hintergründen. Scott nennt etwa nationale Sicherheitsexperten, die wegen der «ernsthaften Bedrohung für die Sicherheit» besorgt sind, wenn Leute kein Zugriff zu Bargeld haben. Ebenso kritisch seien «libertäre Kreise, die wegen der Überwachung digitaler Systeme besorgt sind», Menschen, die gegen Big Tech oder die Finanzindustrie sind – oder solche, die ein Offline-Leben bewahren möchten.

«Viele Menschen schätzen auch das Element der informellen Wirtschaft», sagt Scott, «Viele wollen sich eine informelle Sphäre bewahren. Sie wollen keine Institutionen in jedem Lebensbereich.» Der Spendentopf in der Kirche oder das Pokerspiel zuhause wären seltsam ohne Bargeld, so Scott. Man wolle keine Visa-Karte in der Kirche.

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Dass der Schweizer Abstimmungsentscheid die schwindende Bedeutung von Noten und Münzen im Schweizer Alltag ausbremst, ist nicht zu erwarten.

Bargeld aus Kontrollbedürfnis

Die Bedeutung, die Bargeld im Leben vieler Menschen hat, ist auch im Gespräch mit der Schweizer Soziologin Nadine Frei spürbar, die eine Dissertation über das Alltagsverständnis von Geld verfasst hat. «In den Interviews dafür begegnete mir häufig die Vorstellung ‚Nur Bares ist Wahres‘: Bargeld als richtiges Geld im Kontrast zu einer Künstlichkeit, die dem elektronischen Geld zugeschrieben wird.»

Frei denkt, dies sei mit einem Kontrollbedürfnis verbunden. «Geld wird eine Verführungskraft zugeschrieben, der man sich entziehen und die man kontrollieren müsse. Wenn es haptisch besteht, wird es mit einer gewissen Kontrolle betrachtet.» Man wolle sich nicht verschulden oder Geld für Unnötiges ausgeben und bewahre sich, so eine häufige Alltagsvorstellung, mit Bargeld ein stärkeres Kontrollgefühl, erläutert Frei.

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«Elektronisches Geld ist sowohl mit einer gewissen Abstraktion als auch einer Unmittelbarkeit verbunden», so Frei.

Sie sieht viel legitime Kritik dazu, wie elektronisches Geld bestimmte Gruppen gesellschaftlich ausschliesst, problematisiert aber ein mögliches Verschwörungsdenken.

Verschwörungstheorien um Bargeld

Doch ums Bargeld ranken sich auch Verschwörungstheorien. Der Bargeld-Befürworter Brett Scott hat während der Pandemie erlebt, wie seine Positionen zum Bargeld in einem Onlinevideo in den Kontext einer VerschwörungstheorieExterner Link um heimliche Mikrochips via Impfungen gestellt wurden.

Die Soziologin Frei, die während der Corona-Pandemie in der Schweiz zum Milieu der Massnahmengegner:innen forschte, sagt: «Verschwörungserzählungen docken bei abstrakten und unsichtbaren Prozessen relativ gut an. Auch bei der Abstraktion, welche die Finanzwirtschaft mit sich bringt.» Verschwörungsdenken zeichne sich, so Frei, dadurch aus, dass im Geheimen agierende Gruppen vermutet werden, die das Geschehen lenken. «Diese Vorstellung zeigte sich nicht nur in den Corona-Protesten, sondern auch in anderen Bereichen», erklärt Frei.

Kritik an den Verbindungen der Bargeld-Kampagne

Die Schweizer:innen stimmten über zwei Abstimmungsfragen zum Bargeld ab. Die «Bargeld-Initiative» ist eine Volksinitiative, die von Bürger:innen lanciert wurde. Dieser Vorschlag überzeugte keine Mehrheit. Eine sehr deutliche Mehrheit stimmte hingegen für einen Gegenvorschlag des Parlaments. Dieser Gegenvorschlag betont den Auftrag der Schweizer Nationalbank in der Bargeldversorgung.

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Die «Bargeld-Initiative» wurde vom selben Umfeld wie die «Stopp Impfpflicht»-Initiative lanciert. Diese lehnten 2024 knapp drei Viertel der Stimmberechtigten ab.

Der Schweizer Journalist Dennis Bühler hat im Magazin RepublikExterner Link vor der Abstimmung recherchiert, wie eng das Milieu der «Bargeld-Initiative» mit diversen Verschwörungserzählungen, unter anderem zur Pandemie, verbunden ist. Im selben Beitrag argumentierte er, es sei inhaltlich «mehr oder weniger egal», ob man Ja oder Nein stimmt.

Auf Nachfrage von Swissinfo erklärt er, dass er keine Anzeichen dafür sehe, «dass die Schweizer Politik und oder die Nationalbank das Bargeld abschaffen oder nur schon dessen Bedeutung reduzieren möchten». Ebenso wenig glaubt Bühler, dass eine Verankerung des Bargelds in der Bundesverfassung dazu beitragen könne, «konspirationsaffine Kreise zu besänftigen».

Keine Antworten von den Initiant:innen

Swissinfo hat dem Komitee der «Bargeld-Initiative» Fragen zu ihrem Anliegen und ihrer Einschätzung geschickt. Diese blieben bislang unbeantwortet.

Explizit hat Swissinfo sie auch um ihre Entgegnung gegenüber den Vorwürfen von Bühler gebeten. In der Republik schrieb er unter anderem, es sei «nicht die erste Intiative , mit der diese Kreise Zweifel und Zwietracht säen». So hätten diese mit der «Stopp Impfpflicht»-Initiative insinuiert, «es gebe einen Plan, Menschen gegen ihren Willen Mikrochips unter die Haut zu transplantieren.»

Tatsächlich argumentierten sieExterner Link damals, dass «weder Politik, Pharmaindustrie noch internationale Organisationen» entscheiden sollen dürfen «ob ein implantierbarer Microchip, Nanopartikel, eine Gen-Manipulation, eine Impfung oder etwas anderes in unseren Körper kommt».

In einer Diskussionssendung von SRFExterner Link wurde Richard Koller von der Bargeld-Initiative mit dem kritischen Artikel direkt konfrontiert. Koller sagte dort: «Wir sind sehr für das Volk, sehr für die Leute.» Dabei könne man «den Leuten nicht ins Gehirn schauen» und wisse nicht «was in Zukunft» komme. «Eine Volksinitiative dauert fünf bis sechs Jahre», so Koller. Als Initiativkomitee hätten sie «keinen Einfluss darüber», wie sich «in dieser Zeit die Leute» weiterentwickeln.

Ob die Kritik am Umfeld der Initiative einen Einfluss darauf hatte, dass so viel weniger für die «Bargeld-Initiative» als für den Gegenvorschlag stimmten, ist unbekannt.

Die Schweizer Abstimmungskultur

Vor etwa fünf Jahren stimmte die Schweiz erstmals über einen Teil der Pandemiemassnahmen ab. Die Schweiz war fast das einzige Land, wo die Stimmberechtigten über einen Teil der Massnahmen entscheiden konnten. Insgesamt drei Mal stimmten die Schweizer:innen über das Covid-Gesetz ab. Jedes Mal stimmten über 60% für die Massnahmen.

Generell sieht der Soziologe Oliver Nachtwey, der an denselben Studien zu den Protesten gegen die Corona-Massnahmen wie Frei gearbeitet hat: «Die Schweizer Demokratie trägt zur Deradikalisierung bei.» Damit meint er nicht einzelne Abstimmungen, sondern die «Schweizer Grundsozialisation, dass man Initiativen und Referenden ergreifen und, wenn man verliert, nochmals einen neuen Anlauf nehmen kann».

Ob das Bargeld in der Bundesverfassung tatsächlich zum internationalen Signal wird sich zeigen.

Editiert von Balz Rigendinger

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