«Enjoy your stay» – Eine Geschichte über Ausbeutung in alpinen Skiresorts
Philippinische Gastarbeiter:innen, die ohne Papiere als Reinigungskräfte in luxuriösen Schweizer Skiresorts schuften, erhalten in einem neuen Film des schweizerischen Regisseurs Dominik Locher und der philippinischen Drehbuchautorin Honeylyn Joy Alipio eine Stimme.
Seit Ende der Pandemie kommen wieder jährlich mehr als 23 Millionen Wintersportler:innen in die Schweizer Alpen. Das Geschäft boomt. Das «weisse Gold» der Region lockt weiterhin Menschen aus aller Welt an und verheisst eine luxuriöse Auszeit, eine Flucht aus dem Alltag bei Sport und Entspannung. Wie bei allem Schönen im Leben zahlt dafür jedoch jemand einen Preis.
Kratzt man an der perfekten Postkartenidylle der Schweiz, kommt eine andere Realität zum Vorschein: Der Wohlstand des Landes hängt stark von Arbeitsmigrant:innen ab. Oftmals ohne Papiere schuften sie vor aller Augen für niedrige Löhne und halten die Wirtschaft in den alpinen Resorts am Laufen. Und dennoch bleiben sie dabei weitgehend unsichtbar.
Genau diesen schattenhaften Mikrokosmos, der sich jenseits der Luxus-Fassade verbirgt, hat der Schweizer Regisseur Dominik Locher in seinem dritten Spielfilm mit dem ironischen Titel Enjoy Your Stay erkundet.
Durch diese Welt der Ungleichheit führt uns Luz – beeindruckend gespielt von der philippinischen «Indie-Queen» Mercedes Cabral –, eine Frau ohne Papiere, die in Verbier Luxus-Chalets reinigt. Luz ist eigensinnig und ehrgeizig. Gleichzeitig behält sie andere Arbeiterinnen in ihrem prekären Umfeld im Auge, bis sie aufgrund ihrer eigenen familiären Probleme dazu gezwungen ist, selber zum Rädchen in der rücksichtslosen Maschinerie der kapitalistischen Ausbeutung zu werden.
Den globalen Süden sichtbar machen
Dominik Locher wusste, dass er sich mit der Drehbuchautorin Honeylyn Joy Alipio zusammentun musste, um diese sich wandelnden Hierarchien innerhalb der philippinischen Migrantengemeinschaft darzustellen. Die auf den Philippinen aufgewachsene Autorin kennt die Notlage transnationaler Arbeiter:innen aus eigener Erfahrung: Als sie noch ein Kind war, ging ihre eigene Mutter ins Ausland, um dort zu arbeiten.
«Ich war völlig begeistert, als Dominik mit diesem Projekt auf mich zukam», sagt Alipio am Ende der 76. Berlinale, wo Enjoy Your Stay in der Panorama-Sektion Premiere feierte. Sie erinnert sich daran, wie sich die beiden vor Jahren beim Busan International Film Festival kennenlernten und wie sie anschliessend eine, so ihre Worte, «Allianz bildeten, um ein wichtiges Thema voranzubringen».
«Für Menschen auf den Philippinen kann es sehr schwer sein, der Welt zu vermitteln, was uns im globalen Süden widerfährt», erklärt sie. «Deshalb ist diese Gegenseitigkeit so wichtig. Man sagt ja, zum Tango gehören zwei, und Dominik, der aus der ‹Ersten Welt› kommt, war unglaublich offen dafür, diese Themen zu erörtern. Für eine Geschichtenerzählerin wie mich ist das ein absoluter Glücksfall.»
Schmerzhafte Einsicht
Auch Locher, der die Idee zu einem solchen Film schon lange mit sich herumtrug, fühlte sich, als hätte er den Jackpot geknackt, als er und Alipio tiefer in die Geschichte einstiegen. «Ich wollte die Geschichte von Menschen ohne Papiere in der Schweiz erzählen», erinnert er sich.
«Aber mir war klar, dass ich diese Geschichte nicht nur aus meiner eigenen Perspektive erzählen konnte. Als wir uns zusammentaten, um tiefergehende Recherchen anzustellen, stiess Honeylyn auf einen Artikel auf Swissinfo über die miserablen Arbeitsbedingungen serbischer Reinigungskräfte. Das schien schon ein sehr guter Ausgangspunkt zu sein. Da sind die Luxusresorts, für die die Schweiz berühmt ist, und auf der anderen Seite die übersehenen, unterbezahlten und ausgebeuteten Arbeiter.»
Er fügt hinzu, dass die beiden dank Alipios Input «diese Geschichte auf Arbeiterinnen mit philippinischem Hintergrund übertragen haben, was einen intensiven Rechercheprozess auslöste. Wir sprachen mit Menschen aus allen Gesellschaftsschichten – mit Arbeiter:innen ohne Papiere aus verschiedenen Ländern, der örtlichen Polizei, regionalen Behörden, Chaletbesitzer:innen und Tourist:innen. Erst nachdem wir unzählige Geschichten und Zeugenaussagen gesammelt hatten, begannen wir mit dem Schreiben.»
Dieser Rechercheprozess erwies sich als ebenso schmerzhaft wie aufschlussreich. Locher wurde klar, dass «nur die entschlossensten Migrant:innen es in die Schweiz schaffen». «Andere kommen vielleicht nur bis Hongkong oder Katar», sagt er. «Aus dieser Einsicht heraus haben wir die grenzenlosen Ambitionen von Luz betont. Das war auch Honeylyn sehr wichtig.»
Sie fügt hinzu: «Wir wollten diese Frauen – und es sind fast immer Frauen – nicht als Opfer darstellen. Es hat mir wirklich das Herz gebrochen, zu erfahren, dass so viele von ihnen in den Philippinen hochqualifizierte Berufe hatten. Wir sprechen von Bankerinnen, Landwirtinnen, Lehrerinnen und sogar Chemikerinnen, die alle schliesslich in der Schweiz als Reinigungskräfte arbeiteten.»
Egoistische Reiche
Für Locher hatten diese Geschichten über die Arbeitsbedingungen eine persönliche Bedeutung. «Es gibt in der Schweiz diese Vorstellung von Solidarität und Gleichheit, aber ich habe auch die egoistischeren Seiten meines Landes wahrgenommen», sagt er.
«Als kleiner Junge, nachdem sich meine Eltern scheiden liessen und durch Berge getrennt lebten, fuhr ich oft mit dem Zug durch Tunnel. Am Eingang eines Tunnels zeigte mir mein Vater – ein Maurer – ein Schild, auf dem stand, wie viele italienische Arbeiter beim Bau ums Leben gekommen waren.» Als diese Eindrücke nach der Fertigstellung seines zweiten Spielfilms Goliath (2017) wieder in ihm hochkamen, beschloss Locher, «die Mittel, die uns als Filmemacher zur Verfügung stehen, für einfühlsames Storytelling zu nutzen – nicht nur, um Geschichten über Privilegien zu erzählen, sondern auch, um Anteilnahme für ansonsten übersehene Menschen zu zeigen.»
Als wahrhaft transnationales Unterfangen pendelten Locher und Alipio zwischen den Philippinen und der Schweiz hin und her, um ihr Drehbuch zu verfeinern. Sie präsentierten es scherzhaft als «die Safdie-Brüder [bekannt für die stressigen Thriller Good Time und Uncut Gems] schreiben ein Drehbuch für die Dardenne-Brüder [Gewinner der Goldenen Palme für hyperrealistische Dramen über die belgische Arbeiterklasse], mit philippinischen Reinigungskräften in einem Schweizer Luxusresort».
Die interkulturelle Zusammenarbeit beschränkte sich nicht nur auf das Drehbuch. Sie ist fester Bestandteil der DNA von Enjoy Your Stay. «Wir haben versucht, diesen Geist auf allen Ebenen zu bewahren», bemerkt Locher, «indem wir Redakteure, Kameraschaffende, Produzenten und Schauspielern aus der Schweiz und den Philippinen zusammenarbeiten liessen.»
Damit der Film die Ungleichheiten im globalisierten Kapitalismus gründlich sezieren kann, «mussten Erzählweise und Produktion den Gesetzen dieser Welt folgen», sagt er. Alipio stimmt dem zu und betont erneut: «Der Film funktioniert nur aufgrund seiner Wechselwirkung so gut.»
Premiere in Berlin
Die doppelte Bewusstseinsebene des Films – der Wechsel zwischen Kulturen und Klassen – fand beim Berlinale-Publikum grossen Anklang. Laut Locher erhielt Enjoy Your Stay «unglaublich positive Reaktionen sowohl von philippinischen als auch von schweizerischen Zuschauern». «Die Geschichte sprach beide Seiten an. Das hat uns sehr berührt. Die Reaktionen bewiesen die Universalität, die dem Projekt zugrunde liegt», sagt er.
Auch Alipio war ermutigt von der internationalen Resonanz. «Die Schweizer sagten: ‹Jetzt wird uns klar, dass wir etwas ändern müssen›, während die Menschen aus den Philippinen argumentierten, dass dieser Film dazu genutzt werden könnte, noch mehr Diskussionen anzuregen. Es scheint ein Film zu sein, der wirklich eine tiefere Debatte anstossen kann, daher hoffe ich, dass wir diese in Gang gesetzte Dynamik aufrechterhalten können.»
Nach einem erfolgreichen Festivalauftritt in Berlin ziehen Locher und Alipio Bilanz eines Projekts, dessen Ursprung fast ein Jahrzehnt zurückliegt. «Es gehörte viel Mut dazu, an so ein Projekt zu glauben», erinnert sich Alipio. «Es brauchte Mut, dieses gemeinsame Experiment anzunehmen und abzuwarten, wie es sich entwickelt. Hoffentlich dauert es beim nächsten Mal nicht so lange bis zur Umsetzung.»
Das nächste Projekt hat das Duo bereits im Hinterkopf. «Noch bevor dieser Film fertig war», sagt Locher, «haben wir nach anderen Geschichten gesucht, bei denen wir dieses Modell der globalen Autorschaft weiterführen können. Ich sehe eine lange, produktive und dauerhafte Freundschaft vor uns.»
Editiert von Catherine Hickley & Eduardo Simantob/sb, Übertragung aus dem Englischen mithilfe von KI-Tools: Petra Krimphove/jg
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