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In der Schweiz bereitet das Klima Sorgen, ist aber keine Priorität (mehr) 

Informationsmaterial zur Initiative für einen Klimafonds, auf einem Schrank angebracht
Die Initiative für einen Klimafonds ist bei der Volksabstimmung vom 8. März 2026 abgelehnt worden. Keystone / Peter Klaunzer

Der Klimawandel gehört zu den Hauptsorgen der Schweizer Bevölkerung. Dennoch möchte die Mehrheit der Stimmbürger:innen nicht mehr Geld in die ökologische Transformation investieren, wie das Nein zur Klimafonds-Initiative zeigt. Warum? 

Das Abstimmungsergebnis war eindeutig: Das Schweizer Stimmvolk will die öffentlichen Mittel für das Klima nicht erhöhen – zumindest nicht in der Form, wie sie von der Linken und den Grünen gefordert wurde. Am Sonntag lehnten 70% der Stimmberechtigten die Klimafonds-Initiative ab, die verlangte, jährlich bis zu 1% des Bruttoinlandprodukts in Massnahmen zum Schutz von Klima und Natur zu investieren. 

Im aktuellen Kontext sei es schwierig, eine Zustimmung für einen Vorschlag zu erhalten, der Kosten verursache, deren Finanzierung aber unklar bleibe, analysiert Cloé Jans, Politologin am Institut GFS Bern. «Die Leute sind heute vorsichtiger», sagt sie gegenüber Swissinfo. 

In der Schweiz läuft derzeit die Debatte über die Finanzierung der 2024 angenommenen 13. AHV-Rente sowie über die Erhöhung der Militärausgaben. Die Klimafonds-Initiative sei bereits die dritte Vorlage ohne klare Definition der Mittelherkunft, betont Jans. «Viele Menschen befürchteten, dass sie selbst zur Kasse gebeten würden, etwa durch eine Erhöhung der Mehrwertsteuer.» 

Auch Lena Maria Schaffer, Professorin für Politikwissenschaft an der Universität Luzern, sagt, dass die Bevölkerung weniger bereit sei, Ideen zu akzeptieren, die zusätzliche Kosten oder Änderungen des eigenen Lebensstils mit sich bringen. «Das sehen wir in internationalen UmfragenExterner Link: 89% der Menschen unterstützen die Aussage, dass Regierungen mehr gegen den Klimawandel tun sollten. Aber sobald Massnahmen die individuelle Ebene betreffen, wird man deutlich zögerlicher», sagt sie zu Swissinfo. 

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Doch nicht nur die Eigenheiten der Initiative und die finanziellen Aspekte spielten an der Urne eine Rolle. Derzeit gebe es Themen, die als wichtiger erachtet würden als das Klima – etwa die wirtschaftliche Lage, steigende Lebenshaltungskosten und die Sicherheit, sagt Cloé Jans. «Das Klima ist nicht die Hauptpriorität.» 

«Heute ist es akzeptabler, das Klima in den Hintergrund zu rücken» 

Das Klima sei weiterhin stark in der öffentlichen Wahrnehmung präsent, stellt Jans fest. Laut dem Ende 2025 veröffentlichten SorgenbarometerExterner Link stehen Umweltschutz und Klimawandel an zweiter Stelle der Sorgen der Schweizer Bevölkerung. An erster Stelle stehen die Gesundheitskosten und die steigenden Krankenkassenprämien. 

Das Klima gehöre zu den grössten Sorgen, aber aktuell lägen die Prioritäten anders, betont die Politologin. «Wir befinden uns in einem Krisenkontext – sowohl wirtschaftlich als auch geopolitisch, mit den Kriegen in der Ukraine und im Nahen Osten.» 

Im Vergleich zu vor einigen Jahren sei die heutige Welt «eine andere», sagt Jans. Das zeige sich auch in anderen Ländern, etwa in den USA, wo die Regierung Trump die Klimapolitik ihres Vorgängers rückgängig gemacht und das Land aus dem Pariser Klimaabkommen zurückgezogen habe. 

Bislang gebe es keine Hinweise darauf, dass die US-Kehrtwende die Wahlentscheidungen in der Schweiz beeinflusst habe, sagt Jans. «Heute jedoch ist es akzeptabler, das Klima in den Hintergrund zu rücken.» 

Weniger Artikel und weniger Geld fürs Klima 

Das nachlassende Interesse am Klimathema zeigte sich auch in der Zeit vor der Abstimmung. Die Klimafonds-Initiative spielte im öffentlichen Diskurs nur eine Nebenrolle. Dominiert wurde dieser von der SRG-Initiative über Senkung der Radio- und TV-Gebühren und der Reform der Individualbesteuerung. 

Das bestätigt auch die Analyse der Medienberichterstattung zu den Abstimmungsvorlagen: Die SRG-Initiative stand im Zentrum von 416 Artikeln und TV-Beiträgen, gegenüber 229 zur Individualbesteuerung und 124 zur Klimainitiative. Die Daten stammen aus dem Medienmonitoring des fögExterner Link, des Forschungsinstituts Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich, durchgeführt zwischen dem 15. Dezember 2025 und dem 15. Februar 2026. 

Auch die in die Abstimmungskampagnen investierten MittelExterner Link spiegeln den Popularitätsverlust des Klimathemas wider – zugunsten von Themen, die als konkreter und unmittelbar spürbar gelten. Die Kampagnen für und gegen die Klimainitiative mobilisierten insgesamt rund 2,3 Millionen Franken, weniger als die Hälfte der Mittel für die SRG-Initiative (rund 5,9 Millionen). 

Für Cloé Jans «zieht das Klima nicht mehr so wie 2019» [als eine starke Mobilisierung der Bevölkerung zum Erfolg der Grünen bei den eidgenössischen Wahlen beitrug, Anm. d. Red.]. Das Klima sei damals dank des Drucks der öffentlichen Meinung und der Zivilgesellschaft auf die politische Agenda gelangt. «Im Moment existiert dieser Druck nicht mehr.» 

Viele Menschen hätten den Eindruck, dass bereits genug für den Klimaschutz getan worden sei und dass die bestehenden Instrumente der Schweizer Klimapolitik ausreichten, sagte Lukas Golder, ebenfalls Politologe bei GFS Bern, gegenüber SRF. 

Klimawandel – ein zu abstraktes Konzept 

Cloé Jans betont einen weiteren Aspekt: Obwohl die Menschen wüssten, dass jetzt gehandelt werden müsse, blieben das Klima und seine Auswirkungen zu abstrakt. «Man nimmt wahr, dass es heftigere Überschwemmungen und Hitzewellen gibt, aber die gravierendsten Folgen werden sich erst in etwa zwanzig Jahren zeigen.» 

Auch Delphine Klopfenstein Broggini, grüne Nationalrätin aus Genf, sagt, dass es schwierig sei, bei Klimafragen zu überzeugen, weil sie langfristig angelegt seien. «In unserer ‹Alles-und-sofort›-Gesellschaft fällt es der Bevölkerung schwer zu verstehen, dass die Folgen noch gravierender sein werden, wenn wir jetzt nicht handeln», sagte sie gegenüber 24heuresExterner Link

In derselben Zeitung betont Céline Weber, die Vizepräsidentin der Grünliberalen, dass es falsch sei zu glauben, man müsse nur mehr Geld investieren, um die Krise zu lösen. «Wir müssen der Bevölkerung zeigen, dass der Kampf gegen die Erderwärmung auch eine Chance für die Schweiz ist, auf ihre eigene Energieunabhängigkeit zu setzen und Arbeitsplätze zu schaffen.» 

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Professorin Lena Maria Schaffer stimmt zu: «Das Klima, insbesondere die Energiewende, ist kein isoliertes Thema mehr, zu dem man einfach Ja oder Nein sagt.» Die Auswirkungen beträfen inzwischen zahlreiche Bereiche des Alltags und seien eng mit globalen geopolitischen Umbrüchen verknüpft. 

Mit dem Krieg im Iran, beobachtet Schaffer, wachse die Sorge über steigende Energiepreise. Fragen wie die Abhängigkeit vom Öl und von autokratischen Regimen rückten wieder ins Zentrum der Debatte. «All das könnte dem Klimathema neuen Schwung verleihen.» 

Ob die Konflikte, die die Klimakrise in den Hintergrund gedrängt haben, diese nun wieder ins Rampenlicht rücken, wird sich bald zeigen – etwa wenn das Schweizer Parlament über die Initiative für neue Atomkraftwerke und jene für den Ausbau der Solarenergie berät. 

Editiert von Samuel Jaberg, Übertragung aus dem Italienischen: Mark Livingston

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