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Die Neuorientierung eines übergelaufenen Diplomaten

Danny al-Baaj muss auch mit Konsequenzen für seine Familie in Syrien rechnen. swissinfo.ch

Danny al-Baaj, Mitglied der UNO-Mission Syriens in Genf, ist der erste syrische Diplomat in der Schweiz, der sich vom Regime Assad abgesetzt und der Opposition angeschlossen hat. Im Interview erklärt er seine Motive und spricht auch über die Risiken.

Nachdem er seine Familie in Genf in Sicherheit gebracht hatte, kündigte Danny al-Baaj am 10. August den Rücktritt von seinem Posten bei der UNO-Mission Syriens in Genf an. Al-Baaj war bei der Mission zuständig für das Dossier Menschenrechte und sass als Vertreter Syriens im UNO-Menschenrechtsrat.

Mit seinem Seitenwechsel folgte der 33-Jährige dem Beispiel u.a. des Botschafters von Syrien im Irak sowie weiterer Diplomaten in Zypern, den Vereinigten Arabischen Emiraten und im Sultanat Oman.

swissinfo.ch : Welche Gründe haben Sie bewogen, die Seiten zu wechseln und warum taten Sie es jetzt? 

Danny al-Baaj: Ich hatte mich in meinem Amt bei der Mission als Vertreter des syrischen Volkes verstanden und stehe seit Beginn des Aufstandes auf der Seite meines Volkes.

Mir war klar geworden, dass ich den Menschen in Syrien mit meinen Diensten nicht mehr länger helfen konnte, die von mir als Funktionär des Aussenministeriums sowohl im Land selber wie auch als Diplomat im Ausland erwartet werden. Daher fällte ich den Entscheid, das Amt aufzugeben.

Kurz gesagt, ich entschloss mich zu gehen, als sich die Frage nach meiner «Nützlichkeit» als Diener des Staates stellte.

swissinfo.ch: Gibt es einen entscheidenden Faktor, der ihre Entscheidung beeinflusst hat? 

Danny al-Baaj: Nachdem das Regime den Aufstand in die Gewalt getrieben und die Krise internationalisiert hatte, nahm es die staatlichen Institutionen ins Visier. Darunter das Aussenministerium, das in die Hände der Sicherheitsdienste fielen, die heute dort das Sagen haben.

Von da an war mir klar, dass ich ausserhalb des Ministeriums, dem ich unterstellt war, nützlicher sein würde als innerhalb. Auch hatte ich schon kurze Zeit nach Beginn des Aufstands Kontakt aufgenommen mit der Opposition. Ich habe vor allem mit dem Demokratischen Syrischen Forum zusammengearbeitet, einem der hauptsächlichen Flügel der Opposition.

swissinfo.ch: Wie können Sie das syrische Volk unterstützen? 

Danny al-Baaj: Als Unterstützung muss man in diesem Fall alle Bemühungen sehen, die zum Erfolg der Rebellion führen. Ich möchte nochmals sagen, dass ich bei der UNO nicht einfach die Interessen meiner Regierung vertreten habe, sondern auch die des syrischen Volkes.

Mein Absprung schwächt das syrische Regime und stärkt damit zugleich die Rebellion. Dazu kommt, dass die Erfahrungen, die ich als Diplomat gemacht habe, den staatlichen Institutionen zu Gute kommen werden, die nach dem Sturz des aktuellen Regimes weiter bestehen werden. Mit dem Unterschied, dass die Menschen in Syrien dann frei sein und das Recht haben werden, über sich selber zu entscheiden.

swissinfo.ch: Geraten Repräsentanten, die dem Regime nicht mehr folgen und der Sympathie für die Opposition verdächtigt werden, unter Druck? 

Danny al-Baaj: Ja. Eine Reihe von Diplomaten, darunter ich, waren nach Damaskus zurückgerufen worden. Und zwar, weil der Regierung klar geworden war, dass wir nicht mehr sie vertraten, sondern eher das syrische Volk.

Diese Diplomaten haben sich zu einem Kollektiv unter dem Namen «Gruppe syrischer Diplomaten für einen zivilen, demokratischen Staat» zusammengeschlossen. Nicht wenige Mitglieder dieser Gruppe sind noch Beamte im Staatsdienst, doch das hindert sie nicht daran, die Revolution zu unterstützen. Wir versuchen, sie zu schützen, solange sie die Seiten noch nicht gewechselt haben.

swissinfo.ch: Und stimmt es, dass das Regime an Familien von Überläufern Rache nimmt? 

Danny al-Baaj: Ja, das ist wahr. Manchmal agiert das Regime auch schon, wenn nur ein Verdacht besteht, jemand stehe vor dem Absprung. So hat man meinem Vater zum Beispiel ein Reiseverbot auferlegt, andere Mitglieder meiner Familie wurden von Sicherheitsdiensten vorgeladen. Doch schliesslich konnte alles geregelt werden.

swissinfo.ch: Sie haben Ihr Land zwei Jahre lang im Menschenrechtsrat in Genf vertreten. Wie beurteilen Sie die Haltung des Rats in der Syrien-Krise? 

Danny al-Baaj: Wie jede internationale Organisation achtet der Rat bei seinen Entscheidungen zwangsläufig auf einen internationalen Konsens. Ich weiss aber, dass die Mitgliedsländer des Rates besorgt sind um das Schicksal des syrischen Volkes.

Dennoch bleibt die Tatsache, dass sie vor allem ihre eigenen Agenden und Interessen verfolgen. Man wäre ohne Zweifel zu besseren Resultaten gekommen, wenn die Länder die Interessen der Menschen in Syrien stärker einbezogen hätten.

swissinfo.ch: Sollten Sanktionen auch für Verbände der Rebellen gelten, die ebenfalls schwere Menschenrechtsverletzungen begehen? 

Danny al-Baaj: Das Chaos, in das uns das Regime führte, hat Exzessen aller Art Tür und Tor geöffnet. Abgesehen davon haben aber verschiedene bewaffnete Oppositionsgruppen auch einen Verhaltenskodex entwickelt.

Sie versuchen, in Übereinstimmung mit dem Völkerrecht zu handeln. Man darf nicht vergessen, die Basis für den Aufstand war der Widerstand gegen Korruption, Ungerechtigkeit und Verbrechen. Die Revolutionäre sind sich bewusst, dass man die Fehler des Regimes nicht wiederholen darf.

swissinfo.ch: Was halten Sie von der Position Berns in der syrischen Krise? 

Danny al-Baaj: Auf dem internationalen Parkett ist die Schweizer Aussenpolitik die, die am klarsten zu verstehen ist. Sie zeichnet sich dadurch aus, das Völkerrecht und die Menschenrechte einzuhalten.

Die Position Berns ist in dem Zusammenhang eindeutig. Und sie reflektiert auch die Überzeugungen der Schweizer Bevölkerung.

swissinfo.ch: Denken Sie daran, in der Schweiz oder in einem anderen Land politisches Asyl zu beantragen? 

Danny al-Baaj: Das ist noch offen. Ich nehme mir die Zeit, darüber nachzudenken.

Seit dem Ausbruch des Konflikts im März 2011 wurden Tausende von Menschen getötet und Hunderttausende in die Flucht getrieben.

Aufgrund der andauernden Krise hat die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) Mitte Juli 2012 ihr bisheriges Budget von 8,5 Mio. Franken um 2 Mio. Franken aufgestockt.

Die Deza unterstützt langjährige humanitäre Partner-Organisationen wie das IKRK, das UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR, UNICEF, das Welternährungsprogramm WFP und die FAO für Schutz und Unterstützung der Bevölkerung in Syrien und der Flüchtlinge in den Nachbarländern Irak, Jordanien, Libanon und der Türkei.

Mit Direkt-Aktionen wie einem Cash-Projekt hilft die Deza zudem Gastfamilien im Norden Libanons und sorgt für den Wiederaufbau von Schulen in Nordjordanien, wo auch syrische Flüchtlingskinder zur Schule gehen können.

Daneben stellt die Schweiz UNO-Organisationen Experten zur Verfügung. (Quelle: Deza)

(Adaptation aus dem Arabischen: swissinfo.ch; Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch)

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