Presseschau vom 01.10.2002

Der am Montag angekündigte Rücktritt von Bundesrätin Ruth Dreifuss ist erwartungsgemäss das Thema in den Zeitungen. Sie wird als hartnäckige soziale Kämpferin gewürdigt.

Dieser Inhalt wurde am 01. Oktober 2002 - 09:46 publiziert

Unermüdlich habe sie den Sozialstaat verteidigt, aber nicht immer mit Erfolg.

Die BERNER ZEITUNG spricht vom "Bollwerk Dreifuss" und schreibt: "In der Tat hat Dreifuss mit eindrücklicher Beharrlichkeit versucht, die Maschen des sozialen Netzes möglichst eng zu knüpfen."

"Mit ihrer legendären Beharrlichkeit hat Ruth Dreifuss die politischen Gegner scharenweise auf die Palme getrieben", schreibt der Berner BUND. Doch so stark Dreifuss viele Bürgerliche provoziert habe, sei sie eigentlich immer "eine brave helvetische Linke" gewesen, "tief überzeugt von den Vorzügen der Konsenspolitik und konkordanten Machtteilung."

Diese Beharrlichkeit

A propos Beharrlichkeit der Innenministerin meint der Zürcher TAGES ANZEIGER: "Manch ein Bürgerlicher hat in den letzten zehn Jahren wohl bedauert, seinerzeit nicht Christiane Brunner gewählt zu haben."

Ruth Dreifuss ist sich ihrer Beharrlichkeit bewusst: "Ja, ich weiss - ich bin mühsam", sagt sie schmunzelnd im Interview mit dem TAGI.

Bundesrätin der Frauen

Ruth Dreifuss habe in der Landesregierung stets für die kleinen Leute und speziell für die Frauen gekämpft - "eine Bundesrätin der Frauen für die Frauen", so die BASLER ZEITUNG. Geworden sei sie eine Landesmutter, in heiterer Gelassenheit.

Hoch angerechnet wird der Innenministerin von allen Seiten ihre Sach- und Fachkenntnis. "Verliebt ins Detail", heisst es in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG. "Keinerlei Anbiederung" stellt die NZZ bei Ruth Dreifuss fest, die "das Gegenteil einer Karrieristin" sei. Doch: Sie sei "gradlinig in viele Sackgassen" geraten.

Auch Misserfolge

Damit wären wir bei den Misserfolgen der Innenministerin; der grösste sei die Ablehnung der Mutterschafts-Versicherung, schreiben die einen Zeitungen, und die anderen sehen in der Erhöhung des Frauenrentenalters oder in den steigenden Krankenkassen-Prämien die gewichtigsten Niederlagen.

Für die NEUE LUZERNER ZEITUNG ist deswegen "die Bilanz ihres Wirkens zwiespältig". Nicht so aber das Urteil über den Menschen Ruth Dreifuss: "Als Politikerin häufig kritisiert, als Mensch geschätzt. Das ist Ruth Dreifuss."

Ähnlich sieht sie das ST. GALLER TAGBLATT. Zwar hinterlasse Ruth Dreifuss in der Krankenversicherung "eine Baustelle". Doch: "Als Persönlichkeit werden sie alle vermissen."

Für die AARGAUER ZEITUNG, die ebenfalls an die Misserfolge der Innenministerin in Sachen Krankenkassen-Prämien und Frauenrentenalter erinnert, ist "das vielleicht grösste Verdienst der scheidenden Bundesrätin, dass es inzwischen zur Selbstverständlichkeit geworden ist, dass Frauen im Bundesrat mitreden".

Das Ende einer Epoche

Am stärksten habe Ruth Dreifuss aus der Defensive gespielt, meint der BLICK und schreibt: "In ihrer Zeit im Bundesrat steckte Ruth Dreifuss viele Niederlagen ein, bot den Sozialabbauern aber immer wieder erfolgreich die Stirn."

Auf jeden Fall sieht die Genfer Zeitung LE TEMPS mit dem Abgang von Ruth Dreifuss "la fin d'une époque". Und auch für den CORRIERE DEL TICINO bedeutet der Rücktritt der Bundesrätin "la fine di un ciclo". Oder ganz einfach, wie's das Freiburger Blatt LA LIBERTE kurz und bündig sagt: "Conseil fédéral - Ruth Dreifuss prend sa retraite à 62 ans, elle!"

swissinfo, Jean-Michel Berthoud

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