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Schluss mit Zögern Schweizer Uhrenindustrie macht Smartwatch-Kehrtwende



Die Swatch Group lanciert demnächst eine neue Generation einer Smartwatch. Dies, nachdem sich ihr Chef Nick Hayek vor nicht allzu langer Zeit noch skeptisch gegenüber dem gezeigt hatte, was er als "elektronische Gadgets" bezeichnet hatte.

Die Swatch Group lanciert demnächst eine neue Generation einer Smartwatch. Dies, nachdem sich ihr Chef Nick Hayek vor nicht allzu langer Zeit noch skeptisch gegenüber dem gezeigt hatte, was er als "elektronische Gadgets" bezeichnet hatte.

(AFP)

Es ist noch kaum ein Jahr her, dass fast keiner der grossen Namen in der Branche an die intelligente Uhr glaubte. Apple hat seine Watch nun offiziell vorgestellt hat und auch die Schweizer Uhrenindustrie eintwickelt solche Uhren. Dazu ist zu sagen, dass die Schweizer Industrie bei dem sich abzeichnenden Kampf der Giganten Trümpfe in der Hand hat.

Mittlerweilen ist es eine Gewissheit: Die intelligente Uhr mit dem Hinweis "Swiss Made" wird kommen. Wobei der genaue Zeitpunkt noch offen ist. Erste Modelle, wie jene des Schweizer Ablegers der Festina Group, dürften ihren ersten Auftritt an der Baselworldexterner Link haben, der grössten Uhrenausstellung der Welt, die am 19. März in Basel ihre Tore öffnet.

Nick Hayek, der Chef der Swatch Group, der weltweiten Nummer Eins der Uhrenbranche, der mit dem Einstieg in dieses Abenteuer lange gezögert hatte, gab im Februar bekannt, das Unternehmen werde in den nächsten drei Monaten mit einer Smartwatch auf den Markt kommen.

Zehn Milliarden Dollar 2018

In einem im September 2014 veröffentlichten Bericht hatten die Analysten von CitiResearch geschätzt, dass der Markt mit intelligenten Uhren, der heute einen Wert von rund 2 Milliarden Dollar hat, bis 2018 auf 10 Milliarden Dollar ansteigen wird. Eine Untersuchung der UBS vom Dezember 2014 rechnet damit, dass in den ersten neun Monaten 2015 insgesamt 24 Millionen Apple Watches verkauft werden. Bei Samsung Gear, populärer als der Rivale aus Kalifornien, sollen die Verkaufszahlen gemäss der UBS noch höher liegen.

Im Vergleich dazu: 2014 exportierte die Schweizer Uhrenindustrie 28,6 Millionen Uhren. "Während die europäischen Märkte trödeln, indem sie sich dagegen sträuben, diese neuen intelligenten Uhren einzuführen, wird der definitive Marktentscheid zwischen traditioneller und intelligenter Uhr auf dem asiatischen Kontinent fallen", schätzt der Journalist Grégory Pons, Herausgeber des Newsletters Business montres & joaillerie.

swissinfo.ch

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Auch andere Schweizer Uhrmacher sind im Rennen, darunter Tag Heuer. Das Unternehmen plant, bis Ende Jahr eine ans Internet gekoppelte Uhr zu lancieren (siehe Kasten). Auch Jean-Claude Biver, Interim-Chef der Firma, tönt heute anders. "Ich bin weiterhin davon überzeugt, dass man sich für die mechanische Schweizer Uhr, die mehr als 1000 Franken kostet, keine Sorgen machen muss. Im Gegensatz dazu sind aber die intelligenten Uhren im Niedrigpreissegment tatsächlich eine Konkurrenz für die Schweizer Uhrenindustrie", sagt er.

Apple Watch

Am 9. März hat Apple die lang erwartete Apple Watcch offiziell vorgestellt. Die Computer-Uhr wird am 24. April in neun Ländern auf den Markt kommen.

Die Uhr ist mit einem Touch Screen ausgestattet. Der Besitzer kann damit Musik hören, seine sportlichen Leistungen kontrollieren, SMS senden, Telefonieren und alle Funktionen nutzen wie bei einem Smartphone.

Die Autonomie der Batterie beträgt 18 Stunden. Das Basismodell wird 349 Dollar (342 Franken) kosten.

Quelle: AFP

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Reaktionsfähigkeit unterschätzt

Vor knapp einem Jahr gehörte Xavier Comtesse, der Gründer der Reflexionsgruppe "Watch Thinking", zu einer Reihe von Beobachtern, die das Nicht-Interesse der Schweizer Uhrenbranche für die intelligenten Uhren kritische beurteilte. Heute zeigt er sich beruhigt: "Alle Chefs, oder fast alle, haben ihre Meinung geändert. Dahinter steckt kein Bluff. Sie stellten im Lauf der letzten Monate schlicht fest, dass die Schweiz über gewaltige technologische Errungenschaften verfügt und viel besser ausgerüstet ist als Kalifornien, sich auf diesem Markt durchzusetzen."

Auch am Schweizer Zentrum für Elektronik und Mikrotechnik (CSEM) in Neuenburg, wo seit mehr als 15 Jahren an der Miniaturisierung von Technologien gearbeitet wird, die vom Menschen in verschiedensten Bereichen genutzt werden sollten, herrscht diese Stimmung. "Medien und Analysten unterschätzen die Reaktionsfähigkeit der Schweizer Uhrenindustrie. Die Schweiz hat alle mikrotechnischen und elektronischen Kompetenzen, um intelligente Uhren zu produzieren, die qualitativ hochstehend sind und ästhetisch überzeugen", sagt Jens Krauss, der beim CSEM für dieses Forschungsprojektexterner Link zuständig ist.

Der als konservativ geltende Mikrokosmos der Uhrenbranche hatte es vorgezogen, zunächst abzuwarten, um zu sehen, welche Konturen dieser Markt annehmen würde, der zur Zeit erst eine kleine, technophile Gruppe der Bevölkerung anspricht, bevor sich mit voller Kraft darauf zu stürzen. Eine Haltung, die Jens Krauss als "eher intelligent" einschätzt. 

«Die Medien und die Finanzanalysten unterschätzen das Reaktionsvermögen der Schweizer Uhrenindustrie.»

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Denn ungeachtet all der sensationellen Ankündigungen der Elektronik-Riesen hat es bisher keine der intelligenten Uhren geschafft, die Nutzer wirklich zu überzeugen. "Das von Apple und Samsung bisher definierte Produkt ist nichts anderes als ein Smartphone, das am Handgelenk getragen wird. Es hat nichts Revolutionäres an sich, und die Funktionen dieser Uhren werden den Bedürfnissen der Konsumenten nicht wirklich gerecht", schätzt der CSEM-Ingenieur.

Das Internet der Dinge verwalten

Nachdem er zwei Monate lang eine ganze Reihe von Unternehmen in der Uhren- und der Digitaltechnologie-Branche in den USA besucht hat, hat Xavier Comtesse einen besseren Eindruck, wie die intelligente Uhr der Zukunft beschaffen sein sollte. "Es wäre eine Art Fernbedienung für die Dinge, die uns nahe liegen, wie das Auto, der Computer oder die Haustechnik, aber auch ein Instrument, mit dem man Bankzahlungen erledigen oder im Supermarkt bezahlen könnte", sagt er.

Und genau in diese Richtung scheint sich Swatch zu orientieren. Das Unternehmen hat angekündigt, es führe mit Coop und Migros, den zwei grossen Detailhändlern der Schweiz, Gespräche über eine Partnerschaft für digitales Bezahlen. Jean-Claude Biver hingegen bleibt rätselhaft, was seine Absichten angeht. "Unsere intelligente Uhr wird sich von jenen der Konkurrenz abheben müssen, indem sie andere Funktionen anbietet, dabei aber der DNA der Marke Tag Heuer treu bleibt", ist alles, was er dazu sagt.

Apple Watch, bald auf dem Markt. 

(Keystone)

Angesichts der Finanzkraft der Giganten des Web 2.0, hat die Schweizer Uhrenbranche nach Ansicht von Xavier Comtesse drei Trümpfe in der Hand: Energieeffizienz, Nachhaltigkeit und Kenntnis der Luxusindustrie. "Man muss Apple den 2CV überlassen und einen intelligenten Ferrari anbieten. Die Leute sind es leid, Dinge zu haben, die sie immer wieder neu laden und ersetzen müssen", sagt Comtesse.

Ist die Hybrid-Uhr die Zukunft?

Was die zentrale Frage des Energieverbrauchs angeht, zeichnen sich in der Schweiz verschiedene Lösungen ab. Bei Vaucher Manufacture, einem auf die Produktion von Uhrwerken spezialisierten Unternehmen, schätzt man, dass die Zukunft in der Verbindung zwischen einem mechanischen Uhrwerk und einer digitalen Schnittstelle der Uhr liegt. Damit könnte das einzigartige Wissen der Schweizer Uhrenindustrie bewahrt werden, und die Uhr würde wieder ihren herkömmlichen Zweck als Werkzeug erhalten.

Das Gear von Samsung, vor allem ein Ausbau des Smartphones. 

(Keystone)

"Wie ein Velodynamo würde das automatische Uhrwerk, angetrieben durch das Handgelenk, fast ununterbrochen eine Batterie oder Zelle laden, mit deren Energie die Software-Schnittstelle der Uhr funktionieren würde. Das Problem der geringen Betriebszeit der Smartwatch wäre damit gelöst", sagt Takahiro Hamaguchi, der bei der Neuenburger Firma für den Bereich Entwicklung zuständig ist.

Solche Energiegeneratoren seien bei Vaucher Manufactureexterner Link bereits entwickelt worden, bekräftigt Takahiro Hamaguchi. "Wir müssen nur noch interessierte Partner finden, in der Schweiz oder im Ausland, um eine solche Hybrid-Uhr zu produzieren."

Patentsmissbrauch

Eine weitere Alternative ist die Solarenergie, die beim Zifferblatt der T-Touch von Tissot schon genutzt wird, ebenso wie Batterien mit langer Lebensdauer, auf welche Swatch zu setzen scheint. Doch für die Mehrzahl der Experten wird man vor allem durch kluge Auswahl der verfügbaren Anwendungen und Reduktion des Energieverbrauchs die Betriebszeit der intelligenten Uhr verlängern können. Und diese damit attraktiver machen.

Die Firma Sony ist schon bei der 3. Version ihrer intelligenten Uhr. 

(Keystone)

Beim CSEM, dem Forschungszentrum, das ganz auf den Transfer neu entwickelter Technologien in die Industrie ausgerichtet ist, gehen Anfragen von überall her ein. "Multinationale Konzerne aber auch Schweizer Uhrmacher zeigen ein wachsendes Interesse an unseren Technologien und Patenten", bekräftigt Jens Krauss.

Der Ingenieur hat auch festgestellt, dass gewisse digitale Riesen CSEM-Patente umgangen hatten, um ihre intelligenten Uhren zu produzieren. "Wir werden uns nicht in eine juristische Schlacht stürzen, das ist nicht unsere Aufgabe", sagt er und betont: "Diese grossen Unternehmen schaffen es nicht mehr, innovativ zu sein, ausser durch den Erwerb von bereits bestehenden Technologien, kleinen Start-up-Firmen oder Patent-Portfolios. Und es ist in diesem Bereich, in dem die Schweiz mit ihrer Innovationstradition wirklich die besten Karten in der Hand hat."

Eine störende Partnerschaft

Die Schweizer Marke Tag Heuer, die der französischen Luxusgüter-Gruppe LVMH gehört, hat entschieden, für die Entwicklung ihrer künftigen intelligenten Uhr mit einem Technologie-Giganten in den USA zusammenzuspannen. Der Name des prestigeträchtigen Partners wird während der diesjährigen Basler Uhrenmesse oder kurz davor bekannt gegeben, wie Jean-Claude Biver, der bei LMVH für den Bereich Uhren zuständig ist, gegenüber swissinfo.ch erklärt.

"Unsere hauseigenen Kenntnisse im Bereich Mikro-Prozessoren sind extrem begrenzt. Durch eine Partnerschaft mit einem Riesen im Silicon Valley haben wir die Garantie, immer auf dem neusten Stand der Technik zu sein. In der Schweiz hätten wir mit einer Reihe von Firmen Kontakt aufnehmen müssen. Ich spreche lieber mit dem Papst, als dem Pfarrer in jedem Dorf nachlaufen zu müssen", sagt Jean-Claude Biver.

Es ist ein Entscheid, den Jens Krauss, Ingenieur beim CSEM in Neuenburg, nicht versteht. "Die Schweiz kann intelligente Uhren von A bis Z entwickeln, es gibt keinen Grund, dafür in die USA zu gehen." Und Xavier Comtesse, der Gründer von "Watch Thinking", spricht von einem "absurden" Werbeschritt. Es sei ein "totaler Irrtum" auf die Produktion auf Schweizer Boden zu verzichten, schätzt er.

"Da der Motor der Uhr nicht in der Schweiz produziert sein wird, werden wir sie nicht als 'Swiss Made' bezeichnen können", bestätigt Jean-Claude Biver. "Aber so lange der Konsument von der Kunstfertigkeit unserer Produkte überzeugt bleibt, wird das nicht das Ende der Welt sein."

swissinfo.ch

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(Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch), swissinfo.ch

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