Schokoladenkrimi inspiriert von der eigenen Familiengeschichte
Schon wieder ein Roman über das Schweizer Nationalgut Schokolade: Dina Casparis’ "Die dunkle Seite der Schokolade" liest sich leicht, fordert aber zum Nachdenken heraus.
(Keystone-SDA) Inspiration für ihren neuen Roman «Die dunkle Seite der Schokolade» fand die Schweizer Schriftstellerin Dina Casparis in ihrer eigenen Familiengeschichte. Urgrossvater Carl Georg Bernhard, der «Schoggi-Chemiker» aus Chur, war Erfinder eines Kakaopluvers und Mitbegründer der Bündner Schokoladenfabrik Müller & Bernhard, der späteren Chocolat Grison.
Casparis, auch Ballett-Tänzerin und Rechtsanwältin, veröffentlicht mit ihrem dritten Krimi ein Buch, das sich sprachlich solide, aber nicht herausragend präsentiert. Seine Stärke liegt eher in der «fiktiven» Handlung, die im Schokoladenbusiness angesiedelt ist.
Der «Kernbeisser» der Schokoladenfabrik Grison ist im Roman die Lieblingsschokolade der Mutter von Protagonistin Serafine Montalin. Das Produkt gibt es wirklich in ähnlicher Form, aber unter anderem Namen: Bergschokolade Haselnuss. Sie wurde 1906 von Chocolat Grison erfunden, es war die erste Schokolade mit ganzen Haselnüssen. Auch die Firma existiert ganz real, seit 1893 mit Unterbrüchen. Carl Georg Bernhard gehörte neben Rodolphe Lindt, Henri Nestlé und Jean Tobler zu den Pionieren der Schweizer Schokoladenindustrie.
Unfalltod in Schokoladenfabrik
Im Roman nimmt die Hauptfigur Serafine den Job als interne Ermittlerin in einem Schokoladenkonzern an. Sie will (heimlich) den mysteriösen Unfalltod ihres Vaters in ebendiesem Betrieb aufklären. Dabei stösst sie unter anderem auf düstere Kapitel in der Vergangenheit des Schokoladenherstellers.
Neben positiven Entwicklungen, wie nachhaltiger Produktion und fairen Löhnen, nimmt Dina Casparis damit auch die Schattenseiten der Branche in den Blick, etwa problematische Arbeitsbedingungen, Korruption und Entwaldung in den Produktionsländern von Kakao. Wichtige Themen in einem Land wie der Schweiz, in dem pro Kopf überdurchschnittlich viel Schokolade gegessen wird, und das, ebenfalls weltweit, zu den Ländern mit der höchsten Produktion zählt.
Dina Casparis ist nicht die Erste, die sich literarisch mit der Herstellung von Schokolade beschäftigt. Da ist zum Beispiel Martin R. Dean, der mit seinem Roman «Tabak und Schokolade» 2024 für den Schweizer Buchpreis nominiert war. Seine Erzählung führt in den tropischen Dschungel einer britischen Kronkolonie der fünfziger und sechziger Jahre, und, wie Casparis, arbeitet der Basler Schriftsteller seine eigene Familiengeschichte auf.
Schokolade in der Literatur
Romane über Schokolade sind in der Unterhaltungsliteratur aktuell beliebt: An einer Reihe über Schokoladenpionierinnen schreibt etwa die Bündner Schriftstellerin Ladina Bordoli. Mit historischen Romanen wie «Der Geschmack von Freiheit» und «Der Duft von Glück» hat sie sich in den letzten zwei Jahren belletristisch Schokoladenherstellern wie Cailler, Lindt oder Tobler genähert. Der dritte Band der Serie soll Ende dieses Jahres erscheinen.
Ebenfalls in einen historischen Roman verpackt hat die deutsche Schriftstellerin Lisa Graf die Geschichte von «Lindt&Sprüngli». Der erste Band von 2024 war ein Bestseller, selbst wenn oder gerade weil er die unrühmlichen Seiten der Kolonialgeschichte gänzlich ignoriert.
Zurück zu Dina Casparis: Abgesehen davon, dass sich die ersten paar Dutzend Seiten, von insgesamt fast 400, lesen wie ein zu lange geratener Wikipedia-Eintrag über die Produktion von Schokolade, macht die Lektüre Spass. Die Handlung ist jederzeit nachvollziehbar, wenn auch etwas unnötig in die Länge gezogen.
Schokoladenexperiment
Das Buch bedient verschiedene Geschmäcker. Es bietet all jenen, die sich für Kulinarik interessieren, viel Futter. Und es gilt, einen vermeintlichen Mord aufzuklären – für Spannung ist gesorgt. Dann ist da noch die Liebesgeschichte zwischen der Protagonistin Serafine und ihrer Jugendliebe Matthis mit «den enzianblauen Augen». Diese gestaltet sich manchmal etwas gar blumig, passt aber gut in diesen Roman, der sich mit einem Schokoladenexperiment vergleichen lässt. Das süss, bitter und durchaus interessant schmecken kann.*
*Dieser Text von Nina Kobelt, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.