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Schweiz Meret Oppenheim – die geborene Surrealistin

Abstraktes Bild: Person verschwindet hinter Blitz und Objekt

Meret Oppenheim,
Sonne, Mond und Sterne, 1942 (B15)
Öl auf Leinwand, 48 x 51 cm
Privatbesitz, Bern
(© 2018, ProLitteris, Zurich)

(2018, ProLitteris, Zürich)

Das Kunsthaus Aarau präsentiert eine einmalige Rückschau auf Schweizer Künstler und Künstlerinnen des Surrealismus. Die bekannteste davon ist Meret Oppenheim: Bekannt wurde sie für ihre Pelztasse, doch entwickelte sie sich weit darüber hinaus.

Eine Kaffeetasse, mit Pelz überzogen: Die Vorstellung, an ihren fusseligen Rändern zu nippen oder den Zucker vom haarigen Löffel zu lecken, bereitet Unbehagen, bestenfalls kitzelt es. Dutzende von Kunsthistorikerinnen haben Meret Oppenheims bekanntestes Werk von 1936 gedeutet, einige entdeckten sogar – was die Künstlerin sehr belustigte – sexuelle Konnotationen.

Schweizer Surrealistin

Vor 25 Jahren ist die Schweizer Künstlerin Meret Oppenheim gestorben. Als die Surrealistin am 15. November 1985 im Alter von 72 Jahren starb, ...

Oppenheims Tasse war ein poetisches Ding, wie es der Pariser Papst der Surrealisten, André Breton, immer geforderte hatte: Künstler und Künstlerinnen sollen leidenschaftliche Dinge schaffen, die in ihrer Doppeldeutigkeit verwirrten und schön waren wie "wie das zufällige Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch".

Die Ausstellung "Surrealismus Schweiz"externer Link wird in Aarau bis am 2. Januar 2019 und vom 10. Februar bis 16. Juni 2019 im "Museo d'arte della Svizzera italiana" (MASI) in Lugano gezeigt.

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Der Surrealismus wollte mit der Vernunft brechen und das hervortreten lassen, was unter der rationalen Weltsicht verborgen war:  Die Träume, das Absurde und das Phantastische. Kaum jemand passte dazu besser als Meret Oppenheim.

"Sie hatte einen Geist, der sich nicht erst zum Surrealismus bekehren musste – sie war eine geborene Surrealistin", sagt die Kunsthistorikerin und Kuratorin Jacqueline Burckhardt, die sich seit Jahren mit Oppenheim Werk beschäftigt: "Und als solche haben die Surrealisten in Paris sie auch aufgenommen: Als wandelnde surrealistische Figur."

Gegen die Würgengel der Mutterschaft

Oppenheim zog 1933, mit zwanzig Jahren nach Paris, mit dem erklärten Wunsch Künstlerin zu werden. Dort wurde sie von den Schweizer Bildhauern Alberto Giacometti und Hans Arp in die surrealistischen Kreise eingeführt. Wenig später bildet sie der Fotograf Man Ray vor einer Druckerpresse ab, nackt, voller Druckerschwärze.

Die Tasse – das Kunstwerk, an das ihr Name fortan gekettet sein würde – wird bereits 1936 in New York ausgestellt und vom Museum of Modern Art gekauft. Das Objekt wird schnell zu einem der meistgezeigten Kunstwerke des Surrealismus – doch die Künstlerin dahinter wurde lange nicht wahrgenommen: In den USA dachte man gar lange, es handle sich bei Oppenheim um einen Mann.

Das hätte ihr vielleicht sogar gepasst: Bereits früh brach sie mit klassischen Rollenbildern: Mit 18 Jahren malte sie ein Bild mit dem Titel "Würgengel", auf dem eine Frau mit einem Säugling zu sehen ist, aus dem Blut spritzt. Es sollte sie, wie Votivtafeln, die in katholischen Kirchen hingen, magisch vor dem Kinderkriegen beschützen, vor den würgenden Zwangsvorstellungen, wie man als Frau zu leben hat.

Kunstmaler Max Ernst, mit dem sie kurzweilig eine Liaison hatte, schrieb nach ihrer Trennung in den 1930er Jahren über Meret Oppenheim: "Das Weib ist ein mit Marmor belegtes Brötchen." Man konnte sich durchaus die Zähne an ihr ausbeissen.

Zeit der Verkrustung

Mitte der 1930er Jahre werden in Paris werden die Zeichen des Krieges deutlicher, das Abenteuer der Avantgarde wird vom Nationalsozialismus überwalzt. Bei Oppenheim kündigt sich eine Krise an, die depressiven Tendenzen, die sie schon immer begleiteten, wurden stärker.  In den wenigen Werken, die entstehen, malt sie Frauen aus Stein, Frauen als Gürteltiere auf dem Rücken, selbst im energiegeladenen Bild "Sonne Mond und Sterne" sieht man Verschuppung und Verhärtung die Beine der Figur im Zentrum hochsteigen.

"Bei jemandem, der so wachsam gegenüber dem eigenen Unterbewusstsein ist, spielen psychische Zustände eine besondere Rolle und werden in den Werken als etwas Überindividuelles reflektiert", meint Burckhardt.

Die Kuratorin der Aarauer Ausstellung sagt auch: "Basel wirkte auf sie beengend. Sie vermisste den freien Umgang in Paris. Sie wurde hier von wenigen verstanden, als alleinstehende Frau mit jüdischem Namen, die unter dubiosen Verhältnissen lebt und Kunst macht, die man kaum versteht." Verbündete fand sie in der Gruppe 33, bei Personen wie Walter Kurt Wiemken oder Irène Zurkinden, durch die sie in Paris Giacometti und Arp kennengelernt hatte

Breton die Wange tätscheln: Nach der Krise

1950 reiste sie zum ersten Mal nach dem Krieg wieder nach Paris – doch der Kreis der Surrealisten mag sie nicht mehr Recht in seinen Bann zu ziehen. "Das Ritual dieses Kreises, wie sich die Künstler gegenseitig zelebrierten, ging ihr auf die Nerven", sagt Burckhardt. Oppenheim stellt noch einmal in Paris aus, doch löst sie sich innerlich stark davon ab. 1954 träumt sie, wie sie dem grossen Breton die Wangen herablassend tätschelt, während alle anderen vor ihm niederknien. Im selben Jahr ist ihre Krise vorbei, Oppenheim mietet ein Atelier in Bern.

Oppenheim ist eine der bedeutendsten Künstlerinnen des Surrealismus, doch war ihr die Zugehörigkeit zu einer Gruppe nie ganz geheuer. Burckhardt: "Sie nahm auf, was sie anregte, hechelte aber niemandem nach, Weder ordnete sie sich in einen Kreis ein, noch wollte sie einer Gruppe angehören."  Ebenso fühlte sie sich keinem Stil verpflichtet, gestaltete jedes Werk neu: "Jedes Kunstwerk hat seine eigene Form." Der finanzielle Erfolg blieb auch deswegen aus: Meret Oppenheim hatte sich zu Lebzeiten nicht zur Marke gemacht.

Rezeption in den 1970er-Jahren

Nach ihrer Heirat mit Wolfgang La Roche war Meret Oppenheim nach Bern gezogen – und arbeitet dort mit der Kunstszene zusammen. So macht sie z.B. die Kostüme für Daniel Spoerrisexterner Link Inszenierung von Picassosexterner Link Theaterstück "Wie man Wünsche am Schwanz packt". In den 1970ern beginnen sich Kuratoren wie Harald Szeemann, Arnold Rüdlinger, Franz Meyer, Hans Christoph von Tavelun André Kamber, stärker für ihre Kunst zu interessieren.

Die Zeit war reif, meint Burckhardt: "Die Männer erhielten zunehmend einen Blick für Frauen, die nicht nur im Bett oder im Haushalt funktionierten." 1970 macht sie sich über den Erinnerungskult um ihr berühmtestes Werk lustig: Sie hatte jahrelang Anfragen um Replikas ihrer berühmten Tasse verweigert – jenen, die sie auf dieses Werk reduzieren, bastelt sie aber ein mickriges Souvenir mit ihrem Bild "Andenken an das Pelzfrühstück" von 1970. Meret Oppenheim hatte sich freigeschwommen.

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