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Armee: Bad im Volks-Wohlwollen

Besonders die Jüngsten konnten sich der Faszination des schweren Kriegsgerätes nicht entziehen. Keystone

Die Schweizer Armee hat das Schweizer Volk am Wochenende an ihre grosse Heeresschau eingeladen - und das Volk kam, es strömte in Massen nach Thun.

Grosse Beachtung fanden die Luftschau der Patrouille Suisse, das Schiesskino für jedermann, die Besichtigung von Panzern und Flugzeugen aber auch der Streichelzoo.

«Die Schweiz hat keine Armee, sie ist eine Armee!» Diese in den 1990er Jahren mit dem Ende des Kalten Krieges und dem Umbau der Streitkräfte scheinbar untergegangene Redewendung ist am Freitag und Samstag an den Heerestagen 06 im Berner Oberland, auf dem Waffenplatz Thun, wieder auferstanden.

«Man darf nicht sagen, dass die Leute kein Interesse an der Armee haben», erklärt stolz ein ehemaliger Panzergrenadier gegenüber swissinfo und zeigt in die Runde, auf die Tausenden von jungen bis sehr betagten Menschen, welche die Werbeveranstaltung der Schweizer Armee besuchen.

Diese Unterstützung aus dem Volk dürfte Balsam auf die Wunden von Verteidigungsminister Samuel Schmid sein. Wurden doch dessen Armeereform und Beschaffungswünsche von kritischen Volksvertretern und –vertreterinnen kürzlich im Parlament arg zerzaust.

Patrouille Suisse

Und die Streitkräfte geben sich grosse Mühe, sich jugendlich, dynamisch, modern und aufgeschlossen darzustellen. Dies zeigt sich auch bei der Kunstflug-Staffel der Schweizer Armee, der Patrouille Suisse.

Die Flugfiguren der Staffel werden mit aktuellen «swiss made»-Namen versehen: Eine wurde nach Tennisstar Roger Federers Racket benannt, eine andere heisst Alinghi und gedenkt der berühmtesten Segeljacht unter Schweizer Flagge.

Und ganz und gar unmilitärisch tönt es, wenn komplizierte und gefährliche Flugmanöver über den Köpfen der Menschen als «verspielte Figuren» bezeichnet werden und wenn die Funktion des Ausbildungschefs der Staffel mit jener von Köbi Kuhn, dem Fussball-Nationaltrainer erklärt wird.

Schiesskino und Fotoshooting

In der Halle der Infanterie herrscht Grossandrang. Jung und Alt gucken interessiert auf die TV-Schirme, wo sich Soldaten durch Dreck und Schlamm wälzen. Auch die kleine Alexandra, vierjährig, mit Tarnschminke im Gesichtchen und die Barbiepuppe im Arm, verfolgt gespannt, wie die Infanteristen durch die Wälder hetzen, wie Granaten detonieren.

Vorwiegend Jugendliche starten an den bereit stehenden Laptops die mit fetziger Popmusik untermalten Kurzfilme, welche die verschiedenen Aufgaben der Schweizer Armee illustrieren sollen – der Hollywoodschinken Top Gun mit Tom Cruise lässt grüssen.

Aus dem Zelt daneben knallen dumpfe Schüsse. Hier ist das Schiesskino installiert. Vorwiegend Jugendliche vergnügen sich mit dem Simulator, der es jedermann ermöglicht, mit dem aktuellen Sturmgewehr der Schweizer Armee zu schiessen. Anhänger der Forderung, den Wehrpflichtigen künftig ihre Schusswaffen nicht mehr nach Hause mitzugeben, sind hier krass untervertreten.

Schlange stehen Gross und Klein auch um sich von einem Militärpolizisten auf einem original Militärpolizei-Motorrad ablichten zu lassen. Die wohlkomponierten digitalen Schnappschüsse werden sogleich ausgedruckt und den Fotomodellen nach Hause mitgegeben.

Armeekäseschnitte

Wenn es so viel zu sehen gibt, macht sich irgendwann auch der Magen knurrend bemerkbar. Und wer sich nicht nur mit der bekannten Militärschokolade und den staubtrockenen Militärbisquits begnügen will, kann wieder einmal die Militärkäseschnitte, welche schon an der Expo02 in Murten ein kulinarischer Grosserfolg war, degustieren.

Auch andere Highlights aus der Militärküche, wie Hörnli mit Hackfleisch oder Pot-au-feu, stehen auf der Speisekarte. Eigenartig nur, dass diese Köstlichkeiten unter der Schirmherrschaft des Hotels Freienhof und in Kooperation mit der Hotelfachschule Thun hergestellt werden.

Zeitreise

Die Schweizer Armee versucht mit ihrer Leistungsschau auch einen Bogen von der Vergangenheit in die Zukunft zu schlagen. So fällt neben der neuen Militärtechnik wie computergestützten Waffensystemen und Aufklärungsrobotern auch ein Kampfschwimmer-Kanu auf, mit dem bereits der letzte Mohikaner durch die damals noch unendlich grossen Urwälder Nordamerikas gepaddelt sein könnte.

Aber auch die Panzersammlung mit Exponaten aus dem Ersten Weltkrieg, auf denen die Kinder begeistert herumturnen, die Open Air-Armeeschmiede, die unerschütterlich ruhigen Militärhunde und der Streichelzoo sind deutliche Kontrapunkte zu der sonst durch Videospiele geprägten Hightech-Show.

Armee-Gegner sind auf der Heeresschau 06 keine auszumachen. Und auch der 70-jährige Fredy aus Luzern, der statt der Armee als Soldat zu dienen als Matrose auf den Weltmeeren herumschipperte, ist überzeugt: «Es ist besser, eine Armee zu haben ohne sie zu brauchen als umgekehrt.»

swissinfo, Etienne Strebel in Thun

Die Heerestage in Thun waren die erste Präsentation der Schweizer Armee seit den Armeetagen 1998 im thurgauischen Frauenfeld.

Rund 110’000 Besucherinnen und Besucher haben gemäss dem Eidg. Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) den beiden Heerestagen 06 in Thun beigewohnt, allein am Samstag waren es gut 80’000.

Für 2007 wird ein Armeetag im Tessin, in Lugano, geplant.

Die Heerestage 2006 wurden am Freitag von Verteidigungsminister Samuel Schmid eröffnet. Er wies auf die stets wechselnden Bedrohungen hin, denen sich die Armee stellen müsse.

Wenn die Sicherheit heute garantiert sei, gelte das nicht auch automatisch für morgen, sagte er. Die Lage müsse immer neu beurteilt werden.

Korpskommandant Luc Fellay sagte: «Gestern hatten wir Bedrohungen an unseren Grenzen, heute gibt es für die Bedrohungen keine Grenzen mehr.» Die Armee müsse sich daran anpassen.

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