Die Schweizer Vereine in Frankreich: Überalterung – und bald ein neuer Club?
Nur etwa ein Drittel der Club-Präsident:innen in der Union des Associations Suisses de France (UASF) nahm am jährlichen Kongress teil, der am Freitag und Samstag in Saint-Jean-de-Luz stattfand. Dabei stand eine zentrale Frage im Raum: Wie lässt sich die Zukunft des Dachverbands und der Clubs sichern?
Rote Sessel, gedimmtes Licht: In einem Kino in Saint-Jean-de-Luz im Südwesten Frankreichs fanden am vergangenen Freitag und Samstag die Podiumsdiskussionen und die Generalversammlung des 66. Kongresses der UASF statt.
Am Freitag kamen einige Dutzend Personen – Präsident:innen der Clubs sowie ihre Begleitpersonen –, um einen Vortrag über Schokolade zu hören.
«Ich werde Ihnen die Geschichte der ungewöhnlichen Verbindung von Schokolade und Tourismus in der Schweiz erzählen – einer Mischung aus Liebe und Vernunft», beginnt Laurent Tissot, emeritierter Professor für Zeitgeschichte an der Universität Neuenburg.
Anhand der Geschichte des Hauses SuchardExterner Link zeigt der Historiker, welche Strategien dazu führten, dass Schokolade eng mit Bildern von Schweizer Bergen und Kühen verknüpft wurde.
Doch weshalb ein Vortrag über Schokolade am Kongress in Saint-Jean-de-Luz? Das Baskenland – besonders die Stadt BayonneExterner Link – gilt seit dem 16. Jahrhundert als Zentrum der Schokoladeherstellung, lange bevor sich die Schweizer Schokoladeindustrie entwickelte.
Frühes Marketing
In der Schweiz beginnt diese Entwicklung in den 1870er- und 1880er-Jahren, als sowohl die Schokolade- als auch die Tourismusbranche einen starken Aufschwung erlebten.
Unter der Leitung von Carl Russ, dem Schwiegersohn des Firmengründers Philippe Suchard, setzt das 1826 gegründete Unternehmen Suchard früh auf gezielte Kommunikation. Es zeigt Fotografien seiner Werkstätten, präsentiert das handwerkliche Können seiner Arbeiterinnen und lädt prominente Persönlichkeiten ein, die Produktion zu besuchen.
Damals galt Schokolade auch als gesund. In Werbeanzeigen wurde sie häufig mit Wintersport in den Schweizer Bergen verknüpft, «weil man davon ausging, dass sie Kraft gibt», so Tissot.
Als die Hersteller – darunter Suchard – begannen, ihren Produkten Milch beizumischen, zeigten die Werbebilder Kühe auf Alpweiden. Wir befinden uns zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
An einer Weltausstellung präsentierte Suchard seine Produkte schliesslich in typischen Holzchalets, wie sie in den Schweizer Bergen stehen. So verankerte sich die Verbindung von Schokolade, Bergen und Schweizer Kühen im kollektiven Bewusstsein.
Lückenhaft besetzte Reihen
Am Samstag, dem zweiten Kongresstag, nahmen nur noch die Vorstandsmitglieder der Mitgliedsvereine an der Generalversammlung teil – und die Reihen im Kinosaal blieben teilweise leer.
Die Aussicht auf Sonne und Meer im Baskenland hat offenbar nicht genügt, um mehr Teilnehmende anzuziehen. Von den 48 Mitgliedsvereinen des Dachverbands waren lediglich 14 Präsidentinnen und Präsidenten anwesend.
«Die geografische Distanz – insbesondere für Berufstätige – hat wohl viele abgehalten. Auch das teilweise fortgeschrittene Alter einiger unserer Präsidentinnen und Präsidenten spielt eine Rolle», sagt UASF-Präsidentin Dominique Baccaunaud Vuillemin.
Sie ist seit einem Jahr im Amt und zugleich Delegierte im Rat der Auslandschweizer-Organisation (ASO). Ihr Ziel ist es, die Zukunft der UASF zu sichern. Dafür möchte sie die Clubs stärker in die strategische Arbeit einbinden.
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So verschickte sie im vergangenen Sommer ein Schreiben an die Vereine – die Rückmeldungen blieben jedoch spärlich. Der Austausch bei Treffen zwischen Schweizer Clubs und Konsulaten in Lyon, Marseille und Paris habe ihr dennoch wertvolle Einblicke verschafft.
Überalterung und fehlender Nachwuchs bleiben die grössten Herausforderungen für die UASF. «Viele Vereine sind zwar aktiv und bieten vielfältige Programme», sagt Baccaunaud Vuillemin. Doch selbst das reiche nicht immer aus, um einen Club zu erhalten – wie das Beispiel der Union suisse des Pays de Loire zeigt. Die Schwierigkeit, Schweizer:innen aus vier Departementen zusammenzubringen, habe letztlich die Motivation des Vorstands geschwächt.
Neue Initiative
In der Zeit rückläufiger Vereinstätigkeit sticht der Vorschlag von Luc Jeannin-Naltet heraus: Der Delegierte der ASO und Mitglied des Schweizer Clubs Côte d’Or in Burgund möchte eine neue Vereinigung für Schweizer:innen in Paris und der Île-de-France gründen.
Er ist beruflich in der Hauptstadt tätig und stellt fest: «Es gibt in Paris keine allgemeinen Vereine mehr, sondern nur noch spezialisierte Angebote», etwa die Société suisse de bienfaisance (Schweizerische Wohltätigkeitsgesellschaft). «Es finden heute bereits Aktivitäten statt, aber ohne eigentliche Vereinsstruktur», ergänzt er.
Er habe bereits «Landsleute in der Île-de-France sowie Schweizer Unternehmer» identifiziert, die sich für ein solches Projekt interessieren könnten, ebenso eine Kommunikationsagentur, die beim Aufbau helfen würde. Es fehlten jedoch noch zentrale Elemente wie ein Sitz, ein Vorstand und finanzielle Mittel.
«Deshalb bitte ich Sie um Ihre Unterstützung – moralisch und finanziell», sagte er vor den anwesenden Präsident:innen. Er bat zudem die Schweizer Botschaft, die Konsulate in Frankreich, die Auslandschweizer-Organisation (ASO) sowie Swissinfo um Unterstützung.
Voneinander lernen
Um den Austausch innerhalb der UASF zu stärken, haben Mitglieder verschiedener Vereine regelmässige informelle Online-Treffen lanciert.
«Die Idee ist, sich darüber auszutauschen, was die Vereine konkret umsetzen und was gut funktioniert», sagt Elke Chapuisod vom Schweizer Club Bayonne und Delegierte der ASO.
Aus diesen Treffen sind verschiedene Vorschläge hervorgegangen, etwa pro Verein eine oder zwei Personen zu benennen, die gezielt Ideen anderer Clubs aufnehmen und weitertragen. Die besten Ansätze sollen auf der neu gestalteten Website der UASF gesammelt werden.
Weitere Überlegungen betreffen etwa das sichtbare Auftreten als Schweizer Gemeinschaft bei externen Veranstaltungen oder die systematische Erfassung von Schweizer Unternehmen in Frankreich – «damit nicht immer dieselben angefragt werden».
Rückkehr in den Osten
Für ihre zehnjährige Präsidentschaft und die Lancierung eines Stipendiums für Studierende mit Schweizer Wurzeln wurde Françoise Millet-Leroux zur Ehrenpräsidentin ernannt. Sie leitete die UASF bis 2025.
Wir hatten die scheidende Präsidentin 2025 im Interview:
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«Passen sich Schweizervereine nicht der neuen Realität an, verschwinden sie»
Nach mehreren Kongressen im Süden – insbesondere im Südwesten – wird er 2027 wieder im Osten Frankreichs stattfinden, in Morteau im Département Doubs nahe der Juragrenze zur Schweiz.
Üblicherweise am letzten Aprilwochenende durchgeführt, wird er 2027 auf Anfang Monat vorverlegt. Grund sind die französischen Präsidentschaftswahlen, die zwischen Mitte April und Mitte Mai geplant sind.
Editiert von Samuel Jaberg, Übertragung aus dem Französischen mithilfe KI: Janine Gloor
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Im Auslandschweizer-Rat: Stille vor dem Sturm
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