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Die Schweiz könnte gut ohne Bargeld – aber sie will nicht

Bargeld
Die Verwendung von Bargeld nimmt in der Schweiz stark ab, aber die Bevölkerung möchte dennoch nicht, dass es ganz verschwindet. Keystone / Gaetan Bally

Auch wenn der Schweiz noch das Image eines Bargeldlandes anhaftet, ist sie im internationalen Vergleich bei der Digitalisierung von Transaktionen heute sehr weit fortgeschritten. Dennoch gilt Bargeld hier mehr als anderswo als unverzichtbar.

Anfang März wird die Schweiz über die Verankerung des Bargelds in ihrer Verfassung abstimmen – trotz oder vielleicht gerade wegen des Trends zum Verschwinden von Münzen und Banknoten.

Lesen Sie hier unseren Artikel, in dem alles über diese Abstimmung erläutert wird:

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Soll Bargeld in der Verfassung verankert werden? Die Antwort gibt es am 8. März an der Urne. Die Volksinitiative stammt von einer Bürgerinitiative, die bereits durch ihren Widerstand gegen die Impfpflicht bekannt wurde. Sie will sicherstellen, dass Papiergeld auch in Zukunft in ausreichender Menge verfügbar ist.

Das basiert auf der Idee, dass Bargeld Sicherheit vor verschiedenen Risiken bietet, die mit der Digitalisierung von Transaktionen verbunden sind, etwa Ausfälle, Hackerangriffe oder die Überwachung von Finanzströmen.

Umfragen deuten darauf hin, dass die Ja-Stimmen aller Voraussicht nach gewinnen werden, obwohl die Verwendung von Bargeld im Land in den letzten Jahren stark zurückgegangen ist.

Bargeld ist in der Schweiz stärker auf dem Rückzug als anderswo 

Noch vor zehn Jahren war es in der Schweiz nicht ungewöhnlich, dass man zum Geldautomaten gehen musste, um in einem Geschäft, das keine Bankkarten akzeptierte, seine Einkäufe zu bezahlen. Diese Zeiten scheinen endgültig vorbei.

Im Jahr 2017 wurden laut einer Studie der Schweizerischen Nationalbank (SNB)Externer Link noch mehr als sieben von zehn Transaktionen an Verkaufsstellen in der Schweiz bar bezahlt.

Fünf Jahre und eine Pandemie später war dieser Anteil auf weniger als vier von zehn gesunken. Bargeld war jedoch immer noch das von der Bevölkerung am häufigsten verwendete Zahlungsmittel.

Das ist nun nicht mehr der Fall. Bereits 2024 wurde es von der Bankkarte vom Thron gestossen und machte nur noch 30 % der Zahlungen in Geschäften aus. Dieser Anteil sinkt auf 27 %, wenn man alle Transaktionen berücksichtigt, also auch Online-Einkäufe und Zahlungen zwischen Privatpersonen.

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In der Eurozone ging die Verwendung von Bargeld ebenfalls zurück, allerdings in geringerem Mass. Laut einer Studie der Europäischen Zentralbank (EZB) Externer Linkmachten Barzahlungen – die 2016 noch fast 80 Prozent aller Transaktionen ausmachten – 2024 immer noch mehr als die Hälfte aus. Im gleichen Zeitraum hat sich der Anteil der Kartenzahlungen verdoppelt.

Mobile Apps machten hingegen nur 6 % aller Transaktionen in der EU aus. In der Schweiz hat diese Zahlungsmethode innerhalb weniger Jahre einen rasanten Aufstieg erlebt – vor allem dank der App Twint.

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Heute wird jede fünfte Transaktion in der Schweiz über eine Zahlungs-App abgewickelt – ein Anteil, den ausser den Niederlanden kein anderes europäisches Land erreicht.

Dies erklärt zum grossen Teil, warum die Schweiz heute zu den europäischen Ländern mit dem geringsten Bargeldverbrauch zählt. Ausserhalb Europas sind Hongkong, Australien und China ebenfalls sehr weit fortgeschritten in diesem Prozess.

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Ein globaler Trend

Der Trend zur Digitalisierung von Zahlungen ist weltweit zu beobachten. Laut einem Bericht von McKinsey Externer Linkaus dem Jahr 2024 liegt die weltweite Bargeldnutzung heute bei 80 % des Niveaus von 2019 und geht weiterhin um 4 Prozentpunkte pro Jahr zurück.

Zwischen 2014 und 2024 hat sich der Anteil der Erwachsenen, die angeben, Zahlungen mit digitalen Mitteln zu tätigen oder zu empfangen, in Ländern mit niedrigem Einkommen fast verdreifacht (von 13 % auf 37 %) und in Ländern mit mittlerem Einkommen verdoppelt (von 24 % auf 47 %), so der Global Findex der WeltbankExterner Link.

In reichen Ländern hat die Mehrheit der Bevölkerung diesen Schritt bereits vor einigen Jahren vollzogen. Viele von ihnen befinden sich nun laut OECDExterner Link in der nächsten Phase: dem Übergang zu «cash-lite»-Umgebungen, also Zonen, in denen Bargeld nur noch eine marginale Rolle spielt.

Oder gar zu «cashless»-Zonen ohne Bargeld. Dies ist beispielsweise in der Schweiz der Fall, wo immer mehr Restaurants Bargeld ablehnen und auf vielen Festivals Prepaid-Armbänder als einziges Zahlungsmittel akzeptiert werden.

Die Schweiz ist bereit für eine Zukunft ohne Bargeld

2024 analysierte die norwegische Finanzinformationswebsite FinansplassenExterner Link, wie gut die Infrastruktur der europäischen Länder auf eine bargeldlose Zukunft vorbereitet ist.

Die Länder mit den höchsten Punktzahlen (in diesem Fall die nordischen Länder) verfügen über mehr Terminals für elektronische Zahlungen, weniger Geldautomaten – ein Zeichen für eine geringere Abhängigkeit von Bargeld – und einen hohen Anteil an Personen, die Online-Banking nutzen.

Die Schweiz belegt Platz 10 von 45 untersuchten Ländern. Aufgrund ihrer noch relativ hohen Dichte an Bancomaten fällt sie in der Rangliste zurück.

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Die Tatsache, dass man kein Bargeld abheben und mit sich führen muss, sowie die schnelle und einfache Handhabung sind in der Regel die Hauptgründe, die von Personen angeführt werden, die bargeldlose Zahlungen bevorzugen.

Auf Makroebene wird das Ende des Bargeldes von einigen als Mittel zur Bekämpfung von Geldwäsche und illegaler Finanzierung angesehen. Dies war insbesondere das Argument, das 2016 von der grössten norwegischen BankExterner Link angeführt wurde, um die vollständige Abschaffung von Bargeld zu befürworten.

Bargeld bleibt für die Schweizer ein sicherer Hafen

Dabei wird jedoch ausser Acht gelassen, dass viele Menschen nach wie vor an Banknoten hängen und deren Verschwinden ablehnen. In der Schweiz sorgt die allgemeine Einführung des «100 % bargeldlosen Zahlungsverkehrs» manchmal für UnmutExterner Link.

Laut der Studie der SNB geben fast 7 von 10 Personen an, dass sie auch in Zukunft Bargeld verwenden möchten. Bei den über 55-Jährigen steigt dieser Anteil auf fast 85 % und ist innerhalb von zwei Jahren gestiegen.

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Selbst diejenigen, die kein Bargeld mehr verwenden, möchten, dass es weiterhin verfügbar bleibt. Nur 4 % der Befragten befürworten dessen Abschaffung.

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In der Eurozone nennen Personen, die Bargeld bevorzugen, vor allem Anonymität und Datenschutz als Gründe. Das Argument der Sicherheit steht erst an siebter Stelle.

In der Schweiz hingegen ist Sicherheit nach der Ausgabenkontrolle der zweitwichtigste Grund (von fast 40 % der Befragten genannt).

«Keep calm and carry cash» 

Die Sicherheit von Bargeld wird jedoch zunehmend von den europäischen Behörden hervorgehoben, allen voran von den skandinavischen Ländern, die noch vor kurzem die Einführung einer «bargeldlosen» Gesellschaft befürworteten.

Vor dem Hintergrund der zunehmenden Cyberkriminalität und des von Russland geführten hybriden Kriegs haben Schweden und Norwegen im vergangenen Jahr die Empfehlung ausgesprochen, mehr mit Bargeld zu bezahlen und Reserven anzulegen, um möglichen Systemausfällen begegnen zu können, berichtete The Guardian.Externer Link

«Keep calm and carry cash» Externer Link(«Bleiben Sie ruhig und behalten Sie Bargeld bei sich»): Das ist auch die Empfehlung, welche die EZB im vergangenen September ausgesprochen hat.

Die Zentralbank empfiehlt den EU-Bürgern, 70 bis 100 Euro (zwischen 65 und 90 Schweizer Franken) Bargeld pro Person bereitzuhalten, um im Falle eines grösseren Stromausfalls, eines Cyberangriffs oder einer Gesundheitskrise weiterhin die grundlegenden Ausgaben bezahlen zu können.

Bargeld bei 6 von 10 Schweizern

Der Bericht der OECDExterner Link zu diesem Thema betont ausserdem, dass das Verschwinden von Bargeld bestimmte Bevölkerungsgruppen, für die es unverzichtbar ist, schwächen und ausgrenzen kann. Dies gilt besonders für Menschen mit Behinderungen, in finanziellen Schwierigkeiten oder mit geringen digitalen Kenntnissen.

Derzeit beläuft sich der Medianwert des Bargeldbestands in den Portemonnaies der EU auf 59 Euro. In den stark digitalisierten Ländern Niederlande (35 Euro) und Finnland (47 Euro) ist dieser Betrag niedriger.

Die Schweiz liegt mit einem Medianwert von 50 Franken im europäischen Durchschnitt, so der Swiss Payment MonitorExterner Link, der jedoch darauf hinweist, dass seine Stichprobe auch deutlich höhere Einzelwerte enthält.

Die Schweizer neigen hingegen eher dazu, zu Hause ein finanzielles Polster anzulegen: 60 % geben an, dass sie in der Regel Bargeld zu Hause aufbewahren.

Das ist deutlich mehr als in allen Ländern der Eurozone (nur die Slowakei kommt mit 57 % annähernd daran heran), wo durchschnittlich ein Drittel der Bevölkerung über Bargeldreserven verfügt. 700 Franken: Das ist der durchschnittliche Betrag, der in Schweizer Schubladen versteckt ist.

Editiert von Samuel Jaberg, Übertragung aus dem Französischen mithilfe von KI: Balz Rigendinger

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