Schweizerklubs brauchen mehr Junge
Auch wenn das Durchschnittsalter unter Auslandschweizerinnen und Auslandschweizern viel tiefer ist als in der Schweiz, werden ihre Vertreter immer älter. Zum Beispiel am Kongress in Lille, Frankreich.
Die rund hundert Teilnehmenden, die sich in der grossen Stadt im Norden versammelt haben, nutzten sechs Monate vor den Schweizer Wahlen die Gelegenheit, mit vier Parlamentariern zu sprechen.
Lille war am Wochenende Austragungsort des 49. Kongresses der Union der Auslandschweizer-Vereinigungen in Frankreich (UASF).
Und weil sie die Schönheit und die neue Dynamik des Nordens propagieren wollte, sprühte Anny Agrapart, Präsidentin des Schweizerklubs der Region Lille, vor Enthusiasmus.
«95 Prozent der Teilnehmenden sind aus allen vier Ecken Frankreichs gekommen, auch wenn der Norden den Ruf hat, grau und langweilig zu sein», freut sie sich. Sie hat für ihre Gäste ein reiches touristisches Programm zusammengestellt.
Anny Agrapart hätte mit ihrem Schweizerklub allein die Halle nie gefüllt. Heute sind es noch gerade mal fünfzehn Personen, die sich viermal jährlich treffen.
Die Einwanderung aus der Schweiz in diese Region hatte in den goldenen Zeiten der Textilindustrie stattgefunden. Heute sind die Fabriken geschlossen. Und der Klub wird älter.
Faule Ausrede
Agraparts Klub ist nicht der einzige mit solchen Problemen. «Wir haben wenig Präsidenten, die jung sind», gibt eine Teilnehmerin am Kongress zu bedenken.
Doch für Jean-Pierre Aeschlimann, Präsident des Schweizervereins Montpellier, ist das Problem der Überalterung nur eine «faule Ausrede». Denn das Durchschnittsalter der Schweizerinnen und Schweizer in Frankreich ist viel tiefer als jenes innerhalb der Schweiz. Auch hat es unter ihnen viel mehr junge Paare mit Kindern als in der Schweiz.
Aber wo bleiben diese Jungen? «Die Jungen halten nicht viel von Ehrenämtern, das Vereinsleben sagt ihnen nichts mehr», sagt Anny Agrapart. «Doch wir sind nicht die einzige Betroffenen, es ist ein generelles Phänomen.»
Und Aeschlimann ergänzt: «Die Jungen bevorzugen Beziehungen, die sie übers Internet knüpfen und pflegen können.»
Konsulate schliessen
Yasmin Meichtry ist eine Vertreterin dieser jungen Generation. Von der Enge ihres Geburtstals Wallis ist sie in die Niederlande ausgewandert, nun lebt sie in Paris.
Heute hat sie «die ausserordentlich hohe Lebensqualität in der Schweiz» erkannt. Und sie bezeichnet die Möglichkeit einer Rückkehr – nicht sofort, aber irgendwann – als «sehr angenehm».
In Lille hat die junge Direktorin der Schweizer Stiftung der internationalen Universitätsstadt von Paris am Sonntag Nachmittag mit grossem Interesse den runden Tisch zu den Wahlen im Oktober mitverfolgt.
Am Kongress waren Abgeordnete aller vier Regierungsparteien dabei, um ihre Programme zu präsentieren und Fragen zu beantworten, welche die Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer beschäftigen.
Die wichtigsten Themen waren Europa und die Abneigung der Schweizerischen Volkspartei (SVP) gegenüber der Doppelbürgerschaft, ein Thema, das über zwei Drittel der Auslandsgemeinde in Frankreich betrifft.
Die Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer haben auch ihrer Ungeduld Nachdruck verliehen, der Bund solle endlich vorwärts machen mit der elektronischen Möglichkeit zur Abstimmung.
Und schliesslich hat der Kongress eine Resolution an Aussenministerin und Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey verabschiedet, auf den Entschluss zurückzukommen, das Generalkonsulat in Bordeaux (nach vielen andern) aus Spargründen zu schliessen.
swissinfo, Marc-André Miserez
(Übertragen aus dem Französischen: Christian Raaflaub)
Rund 645’000 Schweizerinnen und Schweizer lebten Ende 2006 im Ausland, 11’000 mehr als im Vorjahr. Über 70% der Expats sind Doppelbürger.
Heute haben sich rund 111’000 Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer in einem Stimm- und Wahlregister eingetragen, 6000 mehr als im Vorjahr. Sie üben ihre politischen Rechte bei Abstimmungen zahlreicher aus als bei Wahlen.
Ihre Stimmen werden in den Herkunftskantonen gezählt. In Uri machen sie 1% des Stimmvolks aus, in Genf 6%. Im nationalen Durchschnitt sind es 2,2%.
Schweizerinnen und Schweizer im Ausland dürfen auch gewählt werden (passives Wahlrecht). Doch bis heute ist niemandem der Sprung ins Parlament gelungen. 1999 fehlten im Kanton Waadt nur einige hundert Stimmen für einen solchen Erfolg.
In Frankreich befindet sich die grösste der Schweizer Gemeinden: 170’000 Personen, die in verschiedenen Organisationen, Klubs und Vereinen mitmachen. Zusammen bilden diese die Union der Auslandschweizer-Vereinigungen in Frankreich (UASF).
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