Vom fliegenden Kanzleramt zum Konkurrenten
Früher besuchten Bundeskanzler die Schweiz gerne und oft. Heute wird der kleine Nachbar von Deutschland entweder links liegen gelassen oder zunehmend als Konkurrenz wahrgenommen.
Konrad Adenauer verbrachte den Sommer gerne in der Schweiz. Der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland reiste mit Tochter, zwei Ministern und seiner Sekretärin an und verband so eine mehrwöchige Erholung mit der gewohnten Regierungstätigkeit.
Die Schweiz-Ferien von Adenauer in den 50er-Jahren – erst auf dem Bürgenstock, dann in Mürren und zuletzt in Lugano und Ascona – wurden regelrecht inszeniert: Mit Frühstück beim jeweiligen Bundespräsidenten in Bern, Defilee der Schweizer Minister, Ständchen von Kinderchören, Film- und Fototerminen für Wochenschau und Illustrierte.
Einmal in seiner «Sommerfrische» angekommen, empfing der Kanzler fast täglich angereiste Regierungsmitglieder und Journalisten und gab regelmässig Stellungnahmen zum Weltgeschehen ab.
Dass er die Bundesrepublik von den Alpen aus regierte, sozusagen aus einem «fliegenden Kanzleramt», wie die französische Zeitung Le Monde spöttisch schrieb, sorgte auch in den Schweizer Blättern für kritische Stimmen, so dass Adenauer ab 1957 seinen Sommerurlaub im norditalienischen Cadenabbia verbrachte.
Schweizer Solidarität
Die «Verschnupftheit» des Kanzlers belastete das Verhältnis zwischen der BRD und der Schweiz nicht. Im Gegenteil: Schliesslich war die Schweiz eines der ersten Länder gewesen, das nach Kriegsende die Beziehungen zu Deutschland normalisiert und wieder intensiv zu pflegen begonnen hatte.
«Im Adenauer-Deutschland waren die Kontakte zwischen den politischen und wirtschaftlichen Eliten beider Länder schon wieder sehr eng», sagt Volker Reinhardt, Professor für allgemeine und Schweizer Geschichte der Neuzeit an der Universität Fribourg.
Auch die Schweizer Bevölkerung habe der BRD insgesamt – von den Nazi-Verbrechern abgesehen – ihre Vergangenheit nicht nachgetragen, sondern sich vielmehr mit der vom Krieg traumatisierten Bevölkerung solidarisiert, so der Historiker.
Wurst für die «kleinen Deutschen»
Vor allem mit den Kindern: Über 44’000 Mädchen und Jungen aus Norddeutschland konnten zwischen 1946 und 1956 für einen dreimonatigen Urlaub in die Schweiz fahren, um sich zu erholen. Sie lebten in Gastfamilien und besuchten die Schulen vor Ort, und wer besonders krank war, blieb sogar ein Jahr und länger. Organisiert wurden die «Kinderzüge» vom Schweizerischen Roten Kreuz (SRK).
Die meisten «Schweizer Kinder» würden den Kontakt in die Schweiz bis heute pflegen, schreibt der Historiker Bernd Haunfelder, der die Geschichte der Kinderhilfe des SRK aufgearbeitet und dazu ein Buch veröffentlich hat, in dem auch zahlreiche Zeitzeugen zu Wort kommen.
So erinnert sich eine Frau, wie sie als «die kleine Deutsche» beim Einkaufen in jedem Geschäft etwas geschenkt bekam – mal ein Bonbon, ein Törtchen oder eine Scheibe Wurst.
Vernachlässigte Nachbarschaftspflege
Auch Adenauers Nachfolger pflegten ein freundschaftliches Verhältnis zur Schweiz. «Die Beziehung zwischen der Schweiz und der BRD ist durch Kontinuität geprägt», sagt Reinhardt, der selber aus Norddeutschland stammt und seit 17 Jahren in der Schweiz lebt. «Es gibt weder Brüche noch nennenswerte Unstimmigkeiten.»
Mit dem Ende des Kalten Krieges und der Wiedervereinigung setzte Deutschland allerdings andere diplomatische Prioritäten. Kontakte zum kleinen Nachbarn rückten für die neue europäische Grossmacht in den Hintergrund.
War die Schweiz auf der Ebene der Realpolitik nie wichtig gewesen, vernachlässigten die deutschen Politiker nach der Ära Helmut Kohl – der die Schweiz oft und gerne besucht hatte – zunehmend auch die Nachbarschaftspflege. Bestes Beispiel hierfür ist Angela Merkel, die nach ihrem Amtsantritt zwei Jahre wartete, bis sie der Schweiz einen Arbeitsbesuch abstattete.
Die Schweiz, das «bessere» Deutschland?
Für Deutschland ist die Schweiz heute nicht nur ein exotisches Modell innerhalb eines vereinigten Europas. Der Nachbar wird darüber hinaus zunehmend als Konkurrenz wahrgenommen: Die Schweiz sei, als gelebte und erfolgreiche Alternative, immer stärker ein Stachel in Deutschlands Flanke, schreibt Felix E. Müller, Chefredaktor der NZZ am Sonntag.
Auch der Historiker Reinhardt vertritt diese These. Für viele Deutsche sei die Schweiz ein Land, in dem typisch deutsche Qualitäten wie Tüchtigkeit oder Bürgersinn noch existierten. «Man sieht quasi im Nachbarland das eigene, nicht mehr eingelöste Ideal.»
Ein Ideal, in dem sich gut leben lässt: So machen die Deutschen in der Schweiz mit einer Quote von 14,2% unter den Ausländern heute die zweitstärkste Gruppe nach den Italienern aus. Allein im vergangenen Jahr wuchs die deutsche Wohnbevölkerung in der Schweiz um gut 15% auf über 233’000 Personen.
Paola Carega, Berlin, swissinfo.ch
«Schweizer und Deutsche stehen sich nahe und sind gleichzeitig anders», beschreibt der Historiker Volker Reinhardt von der Universität Fribourg das komplizierte Verhältnis zwischen den beiden Ländern.
So würden Werte wie Tüchtigkeit und Präzision sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland gross geschrieben. Aber das Gemeinsame sowie auch die sprachliche und geografische Nähe verstärke auf der anderen Seite das Abgrenzungsbedürfnis.
«Uralte Stereotypen werden deshalb bis heute gepflegt», sagt Reinhardt. Im kollektiven Bewusstsein der Deutschen sei der Schweizer auch heute noch langsam und oft ungeschlacht, während der arrogante Deutsche, so das in der Schweiz verbreitete Deutschland-Klischee, gerne Befehle brülle und die Haken zusammenschlage.
Oder, wie es der Schriftsteller Urs Widmer einmal sagte: Der Narzissmus der kleinen Differenzen sei der schmerzhafteste. Kuhschweizer und Sauschwabe, der Unterschied sei bekanntlich nicht besonders gross.
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