Schweizer Startup will Frauen von Schmerzen befreien

Hohe, für viele Frauen zu hohe Hürde zur Verhütung: Das Einsetzen und Entfernen einer Spirale in die Gebärmutter bereitet sehr grosse Schmerzen (hier am Modell demonstriert). © Keystone / Christian Beutler

Rund 20% aller Schweizerinnen setzt bei der Verhütung auf Spiralen. Doch das Einsetzen bei der Gynäkologin ist oft sehr schmerzhaft. Ein Westschweizer Startup hat nun eine schonende Alternative entwickelt.

Dieser Inhalt wurde am 04. August 2020 - 21:00 publiziert
Clare O'Dea

"Ich spüre den Schmerz noch immer und fühle mich krank, wenn ich schon nur daran denke. Es ist wie eine körperliche Form des Geräuschs von Fingernägeln, die an einer Wandtafel kratzen."

So beschreibt eine Frau den Schmerz, den sie verspürte, als sie sich eine Spirale einsetzen liess. "Wenn ich sie entfernen lasse, werde ich mich anästhesieren lassen", sagt sie.

Eine in die Gebärmutter eingelegte Spirale, ein so genanntes Intra-Uterin-Pessar (IUP), ist eine der wirksamsten Verhütungsformen. Jede fünfte Schweizer Frau über 30 setzt auf eine solche.

Neuentwicklung gegen Schmerzverursacher: Die Einweg-Absaugpumpe von Aspivix (rechts) und die Tenaculum-Zange. ©Zuzanna Adamczewska-Bolle

Um die Spirale durch den Gebärmutterhals einzuführen oder zu entfernen, müssen Ärzte das Organ mit einem zangenähnlichen Instrument, dem so genannten Tenaculum, greifen und oft auch durchstechen. Bei einigen Patientinnen hat dies Verletzungen und Blutungen zur Folge. Schmerzen oder die Angst davor hindern viele Frauen daran, Spiralen zu verwenden.

Erstaunlicherweise gab es im letzten Jahrhundert betreffend Tenaculum kaum Innovationen, obwohl das Instrument in der Gynäkologie häufig eingesetzt wird.

Nun aber macht ein Lausanner Unternehmen namens Aspivix Frauen Hoffnung: Das Startup hat eine schonendere Alternative für den Eingriff entwickelt, nämlich ein Instrument mit einer Art Saugkappe, das weit weniger Schmerzen verursachen soll. Ärzte des Universitätsspitals Lausanne (CHUV) testen es zurzeit in einer Studie.

Ein bedrohliches Instrument

Tatsächlich empfinden viele Frauen "erhebliche Schmerzen" beim Einführen oder Entfernen einer Spirale. Gemäss einer oft zitierten Studie sind es 11% bei Frauen, die bereits ein Kind hatten, und 17% bei jenen, die nicht entbunden haben.

Laut einer Studie aus dem Jahr 2015 () haben sich verschiedene schmerzlindernde Massnahmen beim Einsetzen der Spirale als erfolglos erwiesen. Verschiedene Ärzte bevorzugen unterschiedliche Vorgehensweisen.

Der Gynäkologe und Geburtshelfer Patrice Mathevet leitet die CHUV-Studie. "Der Schmerz ist ein grosses Thema", sagt er. "Im zweiten Teil der Studie werden wir vergleichen, wie Patientinnen ihre Schmerzen mit den beiden verschiedenen Instrumenten einschätzen."

Das alte Tenaculum sei immer noch ein gutes Instrument, sagt Mathevet. "Es wirkt zwar ziemlich bedrohlich, wenn man es betrachtet, doch über die Jahre ist es auch verbessert und verfeinert worden." Verwendet er in seiner Praxis bei einer Patientin das Tenaculum, macht er vorher eine Lokalanästhesie am Gebärmutterhals.

Aspivix-Gründer Julien Finci und Mathieu Horras. ©Zuzanna Adamczewska-Bolle

Die drei Gründer von Aspivix sind stolz auf ihre Entwicklung, die sie als Ersatz für das Tenaculum entwickelt haben. Aber sie sagen, es sei eine Herausforderung gewesen, die (meist) männlichen Investoren davon zu überzeugen.

"Das Standard-Tenaculum heisst auf Deutsch Kugelzange. Es ist von einem medizinischen Instrument abgeleitet, das zuerst in Kriegszeiten verwendet wurde, dann in der Gynäkologie angewendet wurde", erklärt Julien Finci, technischer Direktor bei Aspivix.

Grosses Potential

Hinter dem 2015 gegründeten Startup stehen zwei Brüder: der Gynäkologe David Finci und der Ingenieur Julien Finci.

Julien arbeitete für ein Unternehmen, das medizinische Geräte entwickelt, als David ihm von den Problemen aus seinem Praxisalltag erzählte. Das Tenaculum führe seinen Patientinnen oft schwere Schmerzen zu, berichtete er ihm. Julien kam ins Grübeln, begann zu tüfteln und konzipierte schliesslich eine Alternative: Ein schonenderes, auf Vakuumabsaugung basierendes Gerät, das gemäss Angaben von Aspivix einen Eingriff "ohne Trauma und ohne Blutung" ermöglicht.

2013 absolvierte Julien einen Startup-Kurs am Venture Lab der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL). Dort begriff er, dass es notwendig war, sich mit einer Person mit Unternehmer-Qualitäten zusammenzutun. Über Mittag joggte er jeweils mit Mathieu Horras, einem Marketingspezialisten. Er konnte ihn bald von seiner Geschäftsidee überzeugen und mit ins Boot holen.

"Sechs Monate, nachdem David und ich die Idee hatten, schlossen wir uns mit Mathieu Horras zusammen, der nun CEO des Unternehmens ist", erzählt Julien.

Horras hatte erst einige Skepsis. "Das Tenaculum wurde entwickelt, ohne auch nur einen Gedanken an das Wohlbefinden der Patientinnen zu verschwenden. Das wusste ich zu Beginn nicht. Ich hatte keine Ahnung vom Problem und war auch ein wenig skeptisch."

Heute aber sind seine Zweifel verflogen und sein Glaube an ein Produkt mit potentiell immenser Nachfrage gross. In einer selbst durchgeführten Umfrage unter 100 Ärzten und Hebammen gaben 98% an, dass sie mit dem Tenaculum unzufrieden seien.

"Schmerzen und Angst vor Schmerzen sind eine hohe Hürde für Frauen, die eine Spirale zur Empfängnisverhütung nutzen könnten", sagt Horras. Die Abschreckung infolge der Schmerzen wird auch in einer systematischen Studie von Cochrane aus dem Jahr 2015 bestätigt ()

Viel Überzeugungsarbeit nötig

Horras' Skepsis war jedoch recht verbreitet. In den Finanzierungsrunden stiessen sie bei möglichen Investoren auf Zurückhaltung und teils grosse Zweifel. "Wir fanden es schwierig, mit den zumeist männlichen Investoren in Kontakt zu treten. Ein Pitch über Drohnen zum Beispiel würde viele sofort begeistern und überzeugen. Aber die Gesundheitsversorgung von Frauen ist ein Thema, mit dem viele wenig anfangen können. Es ist auch kein Thema für Dinnerpartys", so Horras.

Schritt für Schritt näherten sich die Gründer aber dem Erfolg an und schafften es schliesslich, genügend Investoren zu gewinnen. Auch Innosuisse, die schweizerische Agentur für Innovationsförderung, wurde auf Aspivix aufmerksam. Sie wählte das Lausanner Startup für ihr "Scale-up-Coaching"-Programm aus, das junge Hightech-Gründungen in ihrer ersten Wachstumsphase mit Beiträgen für Coachings unterstützt.

Das kleine Unternehmen mit neun Mitarbeitenden befindet sich nun an einem kritischen Punkt. Die nächste Herausforderung besteht darin, seine Entwicklung herstellen und vertreiben zu können. Die Tenaculum-Alternative von Aspivix soll noch 2020 von den europäischen Gesundheits- und Sicherheitsbehörden zugelassen werden. Zudem sind auch die Empfehlungen aus der klinischen Studie im Lausanner Uni-Spital ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Marktreife.

Die nächsten Schritte

Aspivix ist aber nicht allein auf weiter Flur, sondern hat Konkurrenz aus den USA. Es existiert ein vergleichbares Produkt, welches von einem Unternehmen in New Orleans namens Bioceptive entwickelt wurde. 2015 erhielt es die Zulassung von der US-Arzneimittelbehörde FDA(). Wann das Produkt auf den Markt gelangt, ist unklar. Gemäss früheren Medienberichten soll es "durch sanfte Absaugung" den Gebärmutterhals für eine Vielzahl von Instrumenten und Verfahren vorbereiten.

"Eine kluge Idee allein reicht nicht aus," sagt Mathieu Horras von Aspivix. Sie müsse auch praktisch und brauchbar sein. "Wir mussten die Anzahl Teile in unserem Gerät verringern, um die Produktion skalierbar zu machen."

Aspivix möchte in der Schweiz produzieren und hat bereits geeignete Anbieter von Kunststoffinstrumenten identifiziert. Im Gegensatz zum traditionellen Tenaculum ist ihr Instrument ein Einwegartikel. Auch benötigt Aspivix noch einen Partner. "Wir suchen Vertriebspartner. In unserem Fall wären natürlich Hersteller von Spiralen sehr sinnvoll."

Wann Frauen grossflächig vom sanfteren Weg zur Verhütung mit einer Spirale profitieren werden, ist noch unklar. Ebenso die Frage, wie schmerzfrei die neue Methode wirklich sein wird. Klar ist hingegen, dass diesem vernachlässigten Gebiet der Medizin nun endlich mehr Beachtung geschenkt wird.

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