Wie die Nationalbank den Reichtum der Schweizer verwaltet

Drei Gründe für einen neuen Mindestkurs

Die üblichen Instrumente reichen nicht mehr aus: Thomas Jordan, Direktoriumspräsident der Schweizerischen Nationalbank. Keystone / Erik S. Lesser

Die Massnahmen der Schweizerischen Nationalbank (SNB) gegen die Covid-19-Krise sind gezielt und effizient – doch sie reichen nicht aus, um die Preisstabilität zu gewährleisten. Drei Gründe sprechen für einen erneuten Mindestkurs gegenüber dem Euro.

Fabio Canetg*

Es ist noch nicht so bald Weihnachten. Doch die Nationalbank versucht sich schon als Christkind. Als Reaktion auf die Covid-19-Krise beschenkte sie die Banken grosszügig mit Liquiditätshilfen, gelockerten Kapitalanforderungen und einer tieferen Negativzinsbelastung. Das hilft den Banken, Kredite an die Realwirtschaft zu vergeben.

Trotz dieser Massnahmen fallen die Preise. Die üblichen Instrumente reichen schlicht nicht aus, um die Inflation im Zielbereich zu halten. Jetzt ist Kreativität und Mut gefragt. Wir diskutieren drei Argumente für einen neuerlichen Mindestkurs.

1. Die Notwendigkeit

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Die Covid-19-Krise erwischte die Schweizerische Nationalbank auf dem falschen Fuss. Bereits im Februar, als in Europa noch davon ausgegangen wurde, dass die Corona-Krise glimpflich verlaufen würde, lag die Teuerungsrate in der Schweiz bei –0.1 Prozent.

Das scheint eine gute Sache zu sein. Allerdings nur, wenn Sie bezahlen müssen. Demgegenüber problematisch sind fallende Preise für Firmen. Wenn die Preise sinken, wird es für die Inhaberin Ihrer Lieblingsgärtnerei nämlich zunehmend schwierig, die gleichbleibenden Löhne zu begleichen. Aus diesem Grund verpflichtet der Gesetzgeber die SNB dazu, anhaltend negative Teuerungsraten zu vermeiden.

Gelungen ist das der SNB jedoch nicht. Nach den negativen Zahlen vom Februar sind zwei weitere Monate mit negativen Teuerungsraten hinzugekommen: –0.5 Prozent im März und –1.1 Prozent im April.

Daten aus dem Ausland deuten darauf hin, dass diese Entwicklung nicht vorübergehend ist. Das liegt unter anderem daran, dass die Tourismusindustrie lahmgelegt ist. Weil keine Flugzeuge mehr fliegen, ist Öl so günstig wie schon lange nicht mehr.

Zudem wird erwartet, dass Reisebüros und Yoga-Studios ihre Kundinnen und Kunden nach dem Lockdown erstmals mit Rabatten zurücklocken müssen. Das reduziert die Teuerung zusätzlich. Wie bei der Gärtnerei gilt: Das ist gut für Sie als Kundin, aber schlecht für das Reisebüro und das Yoga-Studio.

Will die Nationalbank die Teuerung im positiven Bereich halten, muss sie also etwas tun.

2. Die Alternativlosigkeit

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Im Lehrbuch bekämpft die Notenbank eine zu tiefe Teuerung mit Zinssenkungen. Zinssenkungen reduzieren die Arbeitslosigkeit und erhöhen die Löhne. Das wiederum erhöht die Produktionskosten und darum die Preise – so die gängige Argumentation.

Im Negativzinsbereich funktioniert das aber nicht, weil die Firmen kaum mehr auf Zinsveränderungen reagieren. Weil der SNB-Leitzins bereits bei –0.75 Prozent liegt, sind Zinssenkungen nicht geeignet, um die Teuerungsraten zu stabilisieren.

Grossangelegte Anleihekäufe wie in Europa und den USA sind in der Schweiz nicht möglich, weil der Anleihenmarkt zu klein ist. Zudem sind die Zinssätze auf Bundesanleihen schon sehr tief, was die Effektivität eines solchen Ansatzes in Frage stellt.

Eine theoretisch interessante, aber politikferne Idee schlägt vor, dass Teuerungsziel anzuheben, um die Preiseentwicklung zu stabilisieren. Demnach würde die SNB so lange Geld in die Wirtschaft pumpen, bis die Yoga-Studios trotz aller Gesundheitsbedenken überrannt würden.

Die Nationalbank darf ihr Teuerungsziel allerdings nicht im Alleingang anpassen. Zudem wäre eine solche Strategie nur wirksam, wenn sie glaubwürdig wäre – was in der heutigen Situation zu Recht bezweifelt wird.

Damit bleibt als Alternative nur ein Mindestkurs. Ein solcher wäre effektiv, wenn er über dem heutigen Wechselkursniveau festgelegt würde. So würden die Importe verteuert, was eine positive Auswirkung auf die inländische Preisentwicklung hätte.

3. Die Transparenz

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Ein expliziter Mindestkurs ist aber nicht nur ein Gebot der geldpolitischen Zwangslage, sondern auch ein Gebot der Transparenz. Faktisch, aber inoffiziell, verteidigt die SNB nämlich bereits heute einen Mindestkurs von 1.05 gegenüber dem Euro. Alleine letzte Woche intervenierte sie wieder mit mehreren Milliarden Franken am Währungsmarkt.

Ein höherer Mindestkurs könnte mit Währungsmarktinterventionen unmittelbar glaubwürdig etabliert werden. Eine solche Politik würde ein starkes Zeichen aussenden, dass es der SNB ernst ist mit ihrem Preisstabilitätsziel.

Auf die inoffizielle Mindestkurspolitik ist demgegenüber deutlich weniger Verlass – im Speziellen dann nicht, wenn diese Politik die Teuerungsraten nicht im Zielbereich zu halten vermag.

Wie ernst ist es der Nationalbank?

Das verfrühte Weihnachtsgeschenk der Schweizerischen Nationalbank an die Banken war ein erster wichtiger Schritt zur Stabilisierung der Wirtschaftslage. Weiterhin eine Belastung sind jedoch die fallenden Preise für Gärtnereien, Reisebüros und Yoga-Studios.

Will die Nationalbank auch in diesem Bereich helfen, führt kein Weg an einem erneuten Mindestkurs vorbei. Andernfalls droht sie erneut ihr Preisstabilitätsziel zu verpassen. Wie übrigens in bereits 67 der letzten 136 Monate seit der letzten Wirtschaftskrise.

*Autor Fabio Canetg ist Doktorand an der Universität Bern.

Weiterführende Literatur: Brunnermeier, Markus K., and Yann Koby (2020), «The Reversal Interest Rate,» NBER Working Paper No. 25406;  Svensson, Lars E.O. (2003), «Escaping from a liquidity trap and deflation: The foolproof way and others.» Journal of Economic Perspectives, 17.4: 145-166; Daniel Kaufmann (2020), «Wie weiter mit der Tiefzinspolitik? Szenarien und Alternativen», IRENE Policy Report 20-01.

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