Schweizer in Ungarn: «Diese Wahl ist die Stunde null, wie 1989»
Nach 54 Jahren in der Schweiz zog Zoltán Tamássy vor kurzem nach Ungarn. Am Sonntag konnte der Doppelbürger vor Ort wählen. Er legte für die siegreiche Oppositionspartei Tisza ein, wegen «der Korruption, der Geopolitik und der Wirtschaft», wie er sagt. Reportage aus einer bewegten Wahlnacht.
Im 81. Budapester Wahldistrikt im Norden von Budapest herrscht Grossandrang. So wie im ganzen Land an diesem sonnigwarmen Frühlingssonntag.
In der Schlange vor der für diesen Tag zum Wahllokal umfunktionierten Gesundheitspraxis wartet auch Zoltán Támassy mit seiner Frau Dr. Orsolya Tamássy-Lénárt: «Alles ist hier anders», sagt der 55-jährige ehemalige Wirtschaftsjournalist. Aufgeregt kontrolliert er deshalb noch einmal, ob er auch alle notwendigen Dokumente dabei hat: den Personalausweis und ein Zertifikat seines Wohnsitzes.
In der Schweiz, wo Zóltan Tamassy 1971 als Sohn eines ungarischen Vaters und einer ungarischen Mutter geboren wurden, stimmte und wählte er wie fast alle anderen meistens per Briefpost.
Nun kann er aber zum ersten Mal in der Heimat seiner Eltern mitbestimmen. «Das fühlt sich bedeutsam an, aber ich bin auch ein bisschen nervös», sagt er. Der Vater kam 1956 nach der Niederschlagung des Aufstands in die Schweiz, die Mutter in den 1960er-Jahren. Inzwischen sind beide verstorben, und im letzten Herbst ist Zóltan nach Ungarn gezogen.
«Ich habe gewählt, ich habe entschieden»
Dann, nach geduldig verbrachten zwanzig Warteminuten, betreten Zoltán und Orsolya, das Wahllokal: Ein Klassenzimmer, ein streng dreinblickender älterer Mann, der die Dokumente prüft. Schliesslich händigt ihm eine resolute Dame mit einem eindrücklichen Stempel zwei A4-grosse Wahlzettel aus: einer für die Direktwahl eines Distriktskandierenden und einer mit dem Namen der wählbaren Parteien.
So verschwindet Zoltán Tamassy – einer von gut 180’000 Erstwählenden bei dieser Wahl – für eine Minute hinter dem blauen Vorhang.
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«Ich habe gewählt, ich habe entschieden», deklariert er feierlich, als er das Schulgebäude verlässt.
«Als wir von der Schweiz nach Ungarn gezogen sind, habe ich meiner Frau gesagt, dass ich nur in einer Demokratie leben möchte», sagt Zoltán. Genau das war in den letzten Jahren unter Ministerpräsident Viktor Orbán nicht mehr selbstverständlich.
Das renommierte Göteborger V-Dem-Institut klassifiziert das mitteleuropäischen EU- und Nato-Mitgliedsland Ungarn schon seit 2020 als ‘Wahlautokratie’ und bezeichnte den 10-Millionen-Staat im letzten Jahr gar als «den schlimmsten Autokratisierer weltweit».
Ein Land im Ausnahmezustand
Tatsächlich regierte Orbán und seine Fidesz-Regierung seit dem Wahlsieg im Jahr 2010 stets mit einer Zweidrittelmehrheit, was ihm weitreichende Verfassungsänderungen ermöglichte. Und als ob das nicht schon reichte, nutzte Orbán verschiedene Krisen seit 2015 zur Schaffung eines permanenten Ausnahmezustandes. Diesen liess er noch vor den Wahlen einmal mehr verlängern, er gilt noch bis zum 13. Mai.
Zóltan Tamassy und seine Frau Orsolya, die selbst noch bei den letzten Wahlen 2022 wegen der angespannten Sicherheitslage für Orbáns Fidesz-Partei gestimmt hatte, befürchteten deshalb bis zuletzt, dass Orbán «noch irgendeinen Vorwand finden könnte, um die Wahlen zu verschieben».
Doch an diesem Wahlsonntag passt alles: Mehr Menschen denn je im Land beteiligen sich an den Wahlen für die 199 Sitze im ungarischen Parlament. Die Wahlbeteiligung beträgt fast 80 Prozent, deutlich mehr als bei allen Wahlen zuvor.
Zwischenstopp bei den Schwiegereltern
Der nächste Stopp ist die nahe Wohnung der ungarischen Schwiegereltern des Auslandschweizers: Katalin und Mihály, durchschnittlicher Budapester Mittelstand. «Politik diskutieren wir eigentlich nie, das schafft nur Misstöne», sagen Zoltán und Katalin gleich zu Beginn des Besuchs. Doch angesichts des neugierigen Journalisten aus der Schweiz wird eine Ausnahme gemacht.
Ausführlich erklärt das rüstige Rentnerpaar, weshalb Fidesz und Orbán auch weiterhin das Vertrauen verdienen. Sie nennen historische Gründe wie Orbáns flammende Rede im Sommer 1989 gegen die Macht der Kommunisten und für den Abzug der Sowjettruppen. «So was vergisst man nie», sagt die Schwiegermutter. Dann tischt die einstige Buchhändlerin versöhnlich einen Pflaumenschnaps auf.
Emotionaler Wahlabend
Als um Punkt 19 Uhr die Wahllokale schliessen, ist das Rennen bereits gelaufen: Deutlich wird Orbán abgewählt, Herausforderer Péter Magyar triumphiert. Es ist eine historische Stunde – für Europa, für Ungarn, für Zoltán und Orsolya. Die beiden erleben diesen Umbruch dort, wo sie sich vor 17 Jahren beim Studium kennengelernt haben: an der deutschsprachigen Andrássy-Universität im Zentrum von Pest östlich der Donau.
Nach einem Jahrzehnt Fernbeziehung heiratete das Paar auf dem Höhepunkt der ersten Corona-Welle im Sommer 2020. «Da wusste ich aber noch nicht, dass ich fünf Jahre später meine Zelte in der Schweiz abbrechen und nach Ungarn umziehen würde.»
Später am Wahlabend sind nicht nur Zoltán und seine Frau erleichtert. Ein ganzes Volk scheint aufzuatmen, als Viktor Orbán kurz vor 21 Uhr seine Niederlage einräumt und Péter Magyar gratuliert.
«Eigentlich konnte ich mir so ein positives Szenario gar nicht vorstellen, das muss ich jetzt zuerst einmal verdauen», sagt Zoltán. Später wird er sagen: «Das ist eine Stunde Null für Ungarn, wie damals 1989. Wir haben uns eine zweite Chance gegeben. Das dürfen wir jetzt nicht noch einmal vermasseln».
Budapest feiert und tanzt
Zoltáns Erwartungen sind klar. Der neue Ministerpräsident Péter Magyar hat starke Karten. Er besitzt neu im Parlament eine verfassungsgebende Zweidrittelmehrheit. Diese Macht müsse Magyar nun gut nutzen. «Falls er das nicht tut und seine Machtfülle missbraucht, bin ich auch bereit, gegen Magyar auf die Strasse zu gehen».
Neben der Korruptionsbekämpfung wünscht sich Zoltán Tamássy eine geopolitische Neuausrichtung nach Europa sowie eine neue Wirtschaftspolitik. Damit äussert der Ungar-Schweizer, was sich die meisten Ungarn erhoffen.
Im vornehmenen Spiegelsaal der Andrássy-Universität stösst am Abend auch die Schweizer Wahlbeobachterin Sibel Arslan dazu. Die Präsidentin des Aussenpolitischen Kommission des Schweizer Nationalrats besuchte am Wahltag mit ihren Kolleginnen und Kollegen des Europarats und der OSZE zahlreiche Wahllokale.
Als dann spätabends das letzte Sektglas ausgetrunken, der Erdrutschsieg der Opposition Fakt ist, wird noch und an vielen Orten in der Hauptstadt getanzt, gefeiert und gehupt. Zoltán und Orsolya machen sich auf den Heimweg – in einem Land, das die Demokratie wiederentdeckt hat.
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