Verunsicherung unter Auslandschweizern am Golf
Raketenwarnungen, gesperrte Lufträume und bange Anrufe aus der Heimat: Die Eskalation im Nahen und Mittleren Osten verunsichert auch die Schweizerinnen und Schweizer vor Ort. Viele schwanken zwischen Alltag und Ausnahmezustand. Schweizer Stimmen aus der Region zeigen, wie unterschiedlich die Lage erlebt wird.
Die Eskalation im Nahen und Mittleren Osten trifft auch die Schweizer Gemeinschaft. Tausende Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer leben und arbeiten in den Ländern, die der Iran nun angreift.
Für die Schweizerinnen und Schweizer im Nahen und Mittleren Osten stehen seit dem Wochenende praktische Fragen im Raum: Wie ernst ist die Bedrohung? Soll man ausreisen? Und wann wird eine Ausreise überhaupt möglich?
Das EDA ruft Schweizer Staatsangehörige dazu auf, die Anweisungen der lokalen Behörden zu befolgen, Sicherheitsvorkehrungen zu beachten und Kontaktdaten über den Online-Schalter zu aktualisieren.
Organisierte Ausreisen sind derzeit nicht vorgesehen. Für Notfälle ist eine Helpline in Bern rund um die Uhr erreichbar. Auch die Schweizer Vertretungen in den Ländern bleiben besetzt und unterstützen Schweizer Staatsangehörige nach Möglichkeit.
Lokale Behörden, etwa in den Vereinigten Arabischen Emiraten, betonen die Versorgung mit Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs sei gesichert. In mehreren Golfstaaten wurden Luftabwehrsysteme aktiviert. Von verletzten Schweizer Staatsangehörigen hat das EDA keine Kenntnis.
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Krieg im Nahen Osten blockiert 4000 Reisende aus der Schweiz
Bisher habe es auch keine Rückführungsanfragen von Auslandschweizer:innen gegeben, sagt Marianne Jenni an einer Medienkonferenz am Montag. Sie ist Direktorin der Konsularischen Direktion des EDA und verantwortet die Arbeit des Krisenzentrums in Bern. Dieses arbeitet seit Samstag unter Hochdruck, insbesondere für die Betreuung von Schweizer Bürgerinnen und Bürgern, aber hauptsächllich für gestrandete Reisende, weniger für Ausgewanderte. Viele Schweizerinnen und Schweizer, die in den heiklen Gebieten leben, seien Doppelbürger:in, sagt Jenni – mit den lokalen Verhältnissen also bestens vertraut.
Wie fühlt es sich an, wenn Warnmeldungen auf dem Handy eingehen? Wenn am Himmel Leuchtspuren sichtbar sind? Wenn Familie und Freunde aus der Schweiz besorgt anrufen? Stimmen aus den Arabischen Emiraten, Katar und Oman zeigen, wie nahe sich Normalität und Verunsicherung derzeit sind.
Stimme aus Dubai: «Es ist ein mulmiges Gefühl»
Rosy Pangari (52) ist erst im November nach Dubai ausgewandert. Aufgewachsen im Aargau und lange im Coaching-Umfeld tätig, baut sie derzeit ein Online-Business als Karriere- und Bewerbungscoach auf. Zehn Jahre lang war Dubai für sie eine Ferien-Destination – nun lebt sie im Stadtteil Downtown, wenige Gehminuten vom Burj Khalifa entfernt.
Am ersten Tag der Eskalation packten sie Angstzustände. «Ich hatte Panik», sagt sie am Montag gegenüber Swissinfo. Am Sonntag habe die lokale Regierung signalisiert, man könne sich sicher fühlen. «Ich habe meine Wohnung seit Samstag nicht mehr verlassen, aber Freunde berichten, dass beispielsweise die Restaurants voll seien», so die Auslandschweizerin. Viele seien normal unterwegs. «Würde man die Explosionen nicht hören, könnte man meinen, es ist nichts.»
Gleichzeitig lese sie Berichte über Einschläge und abgefangene Raketen. «Das Abwehrsystem soll funktionieren – man sagt, es seien nur Trümmer, die runterkommen», erzählt sie. Dennoch bleibt ein Unbehagen: «Es ist ein mulmiges Gefühl zu wissen, dass über unsere Köpfe Raketen fliegen.»
Pangari wohnt im zweiten Stock eines Hochhauses – und ist jetzt froh darüber. «Eigentlich habe ich immer gedacht, hoch oben zu wohnen, wäre ein Traum. Aber je höher man lebt, desto mehr bekommt man mit. Ich fühle mich sicherer in der Tiefe.»
An Ausreise denkt sie derzeit nicht. «Ich möchte nicht in einem Flugzeug sitzen in diesem Luftraum – da fühle ich mich am Boden sicherer.» Vorerst will sie die Entwicklung beobachten. Freunde und Familie in der Schweiz und Italien – Pangari ist schweizerisch-italienische Doppelbürgerin – sorgen sich. «Ich habe mir bewusst viel Zeit genommen, um mit meinen Liebsten zu telefonieren und sie zu beruhigen», sagt Pangari, die allein ausgewandert ist.
Die Kommunikation der Schweizer Vertretung empfindet sie als eher knapp. Es habe aber eine E-Mail mit den offiziellen Hinweisen gegeben.
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Stimme aus Doha: «Gefahr für Zivilisten schätze ich gering ein»
Etwas anders klingt es bei einem Auslandschweizer in Katar. Der 54-jährige Solothurner möchte aus Sicherheitsgründen nicht mit Namen genannt werden. Er arbeitet seit 25 Jahren im Ölgeschäft, unter anderem war er vier Jahre im Irak. Derzeit verantwortet er ein Projekt im Energiesektor in Doha.
Er wohnt mitten in der katarischen Hauptstadt. «Man hört gelegentlich ein dumpfes Grollen – wie ein Gewitter. Heute war es eine Serie von Detonationen», sagt er am Montagmorgen gegenüber Swissinfo.
Am Himmel seien gelegentlich Raketen- oder Abwehrspuren sichtbar. Das mache ihm nichts aus, er sei ja nicht die Zielscheibe, so der Auslandschweizer nüchtern. «In meinem Hotel fühle ich mich ausreichend geschützt», sagt er.
Warnmeldungen erhält er direkt aufs Mobiltelefon. Am Samstag seien in der Hotellobby Dutzende Alarme lautstark eingegangen mit der Aufforderung, drinnen zu bleiben. Bei der Schweizer Botschaft ist der Auslandschweizer registriert und erhält die Hinweise und Meldungen des EDA.
Die Gefahr für Zivilisten schätzt er als gering ein. «Ich habe in brenzligeren Ländern gearbeitet. Man gewöhnt sich an gewisse Risiken.» Seine Familie lebt den Niederlanden, normalerweise pendelt er zwischen Europa und Katar. Ein geplanter Flug in den nächsten Tagen hängt nun von der Lage ab: «Es wird sich zeigen, ob ich fliegen kann.»
Von der Eskalation spürt er nur indirekt – etwa durch Homeoffice-Anweisungen wie zu Covid-Zeiten, geschlossene Beach-Clubs, weniger öffentlicher Betrieb.
Im internationalen Arbeitsumfeld beobachtet er unterschiedliche Reaktionen: «Es gibt Leute, die sind sehr mitgenommen, andere sind gelassener.» Er gehöre zu Letzteren.
Mit Blick auf die geopolitische Dimension – Stichwort Strasse von Hormus – sagt er: «Dieser Konflikt hat das Potenzial für einen Megakonflikt. Aber ich glaube nicht, dass jemand wirklich Interesse daran hat. Ich gehe davon aus, dass die Vernunft einkehren wird.»
Stimme aus dem Oman: «Weit weg vom Schuss – alles ruhig»
Franz Feldmann (61) ist mit seiner Frau Pia seit September 2024 auf Reisen – aktuell im Oman. Er berichtet, dass sie sich im Moment weit entfernt von den grösseren Städten aufhalten und die Lage schwer einzuschätzen sei. «Grundsätzlich ist es ruhig», sagt Feldmann am Telefon gegenüber Swissinfo.
Berichte über Beschüsse, etwa auf die Hafenstadt Dukum, hätten sie registriert – im Land selbst haben sie jedoch nichts gehört. «Alles ist sehr ruhig, die Läden sind voll, und die Menschen wirken unaufgeregt», so der Schweizer Reisende.
Die aktuelle Reiseplanung sei jedoch durch die geopolitische Lage erschwert. Ihr Visum läuft am 10. März ab, und sie überlegen nun, wie sie weiterreisen – ursprünglich geplant über Dubai, dann via Irak in die Türkei. «Es ist alles ein bisschen in den Sternen, wir wissen nicht genau, wie es weitergeht.»
Die Situation sei aber weder bedrohlich noch gefährlich. «Wir können alle beruhigen – es fühlt sich eigentlich an wie vorher», so Feldmann. Im Vergleich zu Dubai, wo Freunde Explosionen meldeten, sei der Oman momentan wohl fast die sicherste Alternative in der Region.
Aktuell sind über 4000 Schweizer Touristinnen und Touristen in den betroffenen Ländern gestrandet. In Bern sagt Marianne Jenni: «Niemand weiss, wie lange die Situation andauern wird.» Die EDA-Helpline hat bisher rund 1’000 Anfragen persönlich beantwortet und insgesamt 1’200 Anrufe automatisiert entgegengenommen. Doch auch die Helpline-Angestellten können oft nur auf die Möglichkeiten verweisen, die aktuell zur Verfügung stünden.
Viele sitzen in Hotels fest. Das EDA steht in Kontakt mit der Swiss, um mögliche Lösungen für Reisende zu sondieren. Konkrete Massnahmen werden aber erst möglich, wenn der Luftraum wieder offen sei. Wichtig sei nun, dass alle Reisenden auf der Travel Admin App registriert seien.
Editiert von Balz Rigendinger
Schweizer Staatsangehörige sind aufgerufen, den Anweisungen der lokalen Behörden zu folgen und direkt ihre Fluggesellschaft oder ihr Reisebüro zu kontaktieren. Zudem wird empfohlen, sich auf der App Travel AdminExterner Link zu registrieren.
Die Helpline des EDA ist rund um die Uhr erreichbar unter +41 800 24 7 365 / +41 58 465 33 33 oder per E-Mail an helpline@eda.admin.ch.
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