Putsch – das revolutionärste schweizerdeutsche Wort der Welt
Was haben ein Autoscooter und ein Staatsstreich gemeinsam? Die Antwort ist eines der wenigen schweizerdeutschen Wörter, die den Sprung über die Schweizer Grenze in ausländische Wörterbücher geschafft haben: «Putsch». Anschnallen für eine faszinierende – und oft gewaltsame – etymologische Reise!
Von Angst über Zeitgeist bis hin zu Schadenfreude und Wanderlust: Hunderte deutsche Wörter tauchen in englischen Wörterbüchern und – prätentiösen – Gesprächen auf.
Wenn es jedoch darum geht, schweizerdeutsche Wörter zu benutzen, sieht die Sache anders aus. Einige Englischsprachige würden vielleicht «Müsli» erraten, vielleicht auch «Rösti», aber die meisten schaffen es nicht darüber hinaus.
Das kann man ihnen nicht verdenken. Nicht alle Wörter sind so halsbrecherisch wie «Chuchichäschtli», aber das Schweizerdeutsche kann durchaus einschüchternd sein. Dennoch hat ein kleines Wort erfolgreich seinen Weg um die Welt gefunden.
«Es ist ein parlamentarischer Putsch der Chefs und der Bonzen gegen die arbeitenden Menschen dieses Landes […]. Es ist ein Putsch gegen die Souveränität der Kantone.»
Cédric Wermuth war nicht zufrieden. Der Co-Präsident der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SP) reagierte im letzten Jahr im Parlament auf einen Entscheid des NationalratsExterner Link.
Dieser wollte keine Vorrangstellung für kantonale Mindestlöhne gegenüber Gesamtarbeitsverträgen einräumen. «Ich kann Sie beruhigen», erwiderte Philipp Matthias Bregy, Präsident der Mitte-Partei. «Hier wird heute nicht geputscht.»
Ein Putsch und ein Staatsstreich sind im Grund genommen dasselbe, es gibt jedoch je nach Perspektive feine Unterschiede. Keines von beiden aber ist eine Revolution.
Die russisch-amerikanische Philosophin Ayn Rand schrieb 1970 einen Artikel mit dem Titel «Befinden wir uns mitten in der Zweiten Amerikanischen Revolution?» für das New York Times MagazineExterner Link.
«Die Neue Linke kündigt keine Revolution an, wie ihre Pressesprecher behaupten, sondern einen Putsch. Eine Revolution ist der Höhepunkt einer langen philosophischen Entwicklung und drückt die tiefe Unzufriedenheit einer Nation aus. Ein Putsch ist hingegen die Machtübernahme durch eine Minderheit. Das Ziel einer Revolution ist es, die Tyrannei zu stürzen, das Ziel eines Putschs, eine zu errichten.»
Zwanzig Jahre später befasste sich William Safire in seiner Kolumne über die englische Sprache im selben MagazinExterner Link mit den Vorgängen in der Sowjetunion, nämlich dem Versuch kommunistischer Hardliner, den sowjetischen Führer Michail Gorbatschow zu stürzen.
«Obwohl ‘gescheiterter Staatsstreich’ nicht falsch ist, stimmt daran etwas nicht: Warum ein Substantiv, das nicht ganz passt, mit einem Zusatz korrigieren, wenn das richtige Substantiv verfügbar ist?», fragte Safire.
«Das richtige Wort, das Boris Jelzin von Anfang an verwendete – vielleicht wegen seiner Assoziationen mit dem Bürgerbräu-Putsch der Nazis – ist Putsch. Das deutsche Wort bedeutet auch ‘Schlag, Stoss’, wie das ursprüngliche französische Wort coup, hat aber die Konnotation von ‘Versuch’ und nicht von ‘erfolgreichem, schnellem Abschluss’. Eine Rebellion ist eine gescheiterte Revolution, ein Putsch ein gescheiterter Staatsstreich.»
Hat Safire einen Punkt? Ist ein Putsch ein gescheiterter Staatsstreich? Oft ja, aber der Züriputsch kann beispielsweise als ein begrenzter Erfolg betrachtet werden.
David Lane, Soziologe an der Universität Cambridge, schrieb im Jahr 2008Externer Link: «Ein Putsch wird von einer Elite angeführt, die derzeit nicht an der Macht ist (wie das Militär), während bei einem Staatsstreich eine politische Fraktion eine andere ablöst.»
«Diese politischen Prozesse zeichnen sich durch eine relativ geringe öffentliche Beteiligung aus, weder beim Sturz noch bei der Verteidigung der Amtsinhaber. Von ihrer Absicht her haben sie keine nennenswerten sozialen oder wirtschaftlichen Auswirkungen», so Lane.
Das Chambers Dictionary (13. Auflage) definiert einen Putsch als «einen plötzlichen revolutionären Ausbruch, einen Staatsstreich» und einen Staatsstreich als «eine gewaltsame oder subversive Handlung, die zu einem Wechsel der Regierung oder der Staatspolitik führt».
Die moderne Schweiz ist für ihre politische Stabilität bekannt, doch vor 200 Jahren sah die Lage ganz anders aus. Einer der Hauptkonfliktherde war die Spannung zwischen der konservativen Landbevölkerung und progressiven Regierungen sowie Stadtbewohnenden.
1833 etwa führten politische Streitigkeiten und bewaffnete Auseinandersetzungen dazu, dass der historische Kanton Basel in zwei neue Kantone aufgeteilt wurde: Basel-Stadt und Basel-Landschaft.
Der Züriputsch
Im Jahr 1839 spitzte sich die Lage zu, als der liberale deutsche Theologe David Friedrich Strauss – dessen Ansicht vereinfacht gesagt darin bestand, dass die Wunder Jesu eigentlich Mythen seien, welche die Kirche zu PR-Zwecken verwendet habe – als Professor an die Universität Zürich berufen wurde.
Dies löste einen solchen Sturm der Entrüstung aus, dass Strauss in Pension geschickt wurde, noch bevor er seinen Lehrstuhl angetreten hatte. Er spendete das Geld den Armen.
«Die konservative und modernisierungskritische Landbevölkerung gab sich aber damit nicht zufrieden», erklärt das Historische Lexikon der SchweizExterner Link mit beträchtlicher Untertreibung. «Sie beklagte die mangelnde Religiosität der Volksschule und des Lehrerseminars und verlangte die Aufhebung der Universität.»
Die Zürcher Behörden verboten daraufhin Versammlungen, die von einem konservativen Komitee einberufen worden waren, und setzten die Infanterie ein, um die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten.
Am 5. September liess Bernhard Hirzel, Pfarrer in Pfäffikon, einer Gemeinde ausserhalb Zürichs, abends die Kirchenglocken vier Stunden lang läuten. Andere Gemeinden folgten seinem Beispiel. Am nächsten Morgen brach alles los.
«Um 7 Uhr morgens wurde der Zürcher Paradeplatz von rund 2000 Aufständischen gestürmt», schreibt die Zeitung BlickExterner Link. «Die Kantonsregierung hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits seit Stunden in der Poststelle verschanzt. Der mit Heugabeln, Sensen und Hellebarden bewaffnete Mob war gekommen, um sie zu stürzen.»
Soldaten griffen ein, und die anschliessenden Kämpfe kosteten 14 Protestierende sowie ein Mitglied der Kantonsregierung, das versucht hatte, einen Waffenstillstand auszuhandeln, das Leben. Die Regierung brach zusammen, und drei Tage später wurden Neuwahlen abgehalten, aus denen die Konservativen als Sieger hervorgingen.
«Diese Ereignisse erregten im Ausland grosse Aufmerksamkeit», so Blick. «Deutsche Zeitungen berichteten über den Züriputsch. In Frankreich und England war bald von ‚le putsch‘ oder ‚the putsch‘ in der Schweiz die Rede.»
Im Lauf der Geschichte hat es unzählige Staatsstreiche und Aufstände gegeben. Hier sind einige, die allgemein als Putsche bekannt sind:
1830: Freiämterputsch. Dies war wohl die erste Erwähnung des Begriffs «Putsch» im politischen Sinn. Dabei handelte es sich um eine unblutige Revolution der Landbevölkerung im Kanton Aargau, die Änderungen der Kantonsverfassung forderte. Obwohl die Regierung nicht gestürzt wurde, stimmte sie einer vollständigen Revision der Verfassung zu.
1839 – Züriputsch. Siehe Artikel.
1890: Tessiner Putsch. Anhänger der Tessiner Liberalen erhoben sich gegen die konservative Kantonsregierung in der italienischsprachigen Schweiz. Nach der Besetzung des Zeughauses in Bellinzona stürmte eine bewaffnete Menge das Regierungsgebäude im Stadtzentrum.
Dabei wurden verschiedene Beamte und Vertreter der Konservativen verhaftet und ein Politiker tödlich getroffen. Die Aufständischen bildeten eine liberale Übergangsregierung, die noch im selben Jahr durch eine Regierung abgelöst wurde, in der beide grossen politischen Gruppen vertreten waren.
1920: Kapp-Putsch. Ein gescheiterter Staatsstreich gegen die deutsche Nationalregierung in Berlin durch Teile der Streitkräfte sowie nationalistische und monarchistische Fraktionen.
Obwohl die Regierung gezwungen war, aus der Stadt zu fliehen, scheiterte der Putsch nach wenigen Tagen, als grosse Teile der deutschen Bevölkerung einem von der Regierung ausgerufenen Generalstreik folgten.
1923 – Bürgerbräu-Putsch. Auch als Münchner Putsch oder Hitlerputsch bekannt. Am 8. November marschierten der NSDAP-Führer Adolf Hitler und etwa 600 Mitglieder der Sturmabteilung (SA) zum Bürgerbräukeller, in dem der bayrische Ministerpräsident gerade eine Rede hielt.
Während die SA die Halle umstellte, betrat Hitler den Saal, gab einen Schuss in die Decke ab und erklärte, die bayrische Regierung sei gestürzt und die nationale Revolution habe begonnen. Einige Tage später wurde Hitler verhaftet, wegen Hochverrats angeklagt und zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, von denen er neun Monate absitzen musste.
1934 – Juliputsch. Dabei handelte es sich um einen gescheiterten Staatsstreich österreichischer Nationalsozialisten gegen die Vaterländische Front-Regierung von Engelbert Dollfuss. Die österreichische Regierung schlug den Putsch schliesslich nieder, wobei in sechs Tagen der Kämpfe mehr als 200 Menschen getötet wurden.
1961 – Algerienputsch. Er ist auch als Putsch der Generäle bekannt. Es handelte sich um einen gescheiterten Staatsstreich, der den französischen Präsidenten Charles de Gaulle zwingen sollte, das französische Algerien, die dort ansässige europäische Gemeinschaft und die profranzösischen Algerier nicht aufzugeben.
Er wurde von pensionierten französischen Armeegenerälen in Französisch-Algerien organisiert und brachte die Nation an den Rand eines Bürgerkriegs.
1991 – Augustputsch. Ein gescheiterter Versuch von Hardlinern der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU), einschliesslich hochrangiger Militär- und Zivilbeamter, die Kontrolle über das Land von Michail Gorbatschow zu übernehmen. Gorbatschow war zu dieser Zeit sowjetischer Präsident und Generalsekretär der KPdSU.
2021 – «Präsidentenputsch». Während einige Kommentatoren den Sturm auf das US-Kapitol durch Anhänger von Donald Trump als Putsch bezeichnetenExterner Link, wiesen andere darauf hin, dass Trump versuchte, an der Macht festzuhalten, statt sie zu ergreifen. Sie argumentieren, es habe sich daher um einen Selbstputsch gehandelt.
2023 – Wagner-Gruppe-Putsch. Die Wagner-Gruppe, ein russisches privates Militärunternehmen unter der Führung des russischen Oligarchen Jewgeni Prigoschin, startete einen Aufstand gegen die russische Regierung, der viele der Putsch-Kriterien zu erfüllen scheintExterner Link. Der Marsch auf Moskau dauerte einen Tag. Prigoschin starb einige Monate später, nicht ganz unerwartet, bei einem Flugzeugabsturz.
Peng! Putsch!
Obwohl dies nicht die erste Verwendung des Worts «Putsch» im modernen Sinn eines Staatsstreichs oder eines plötzlichen gewaltsamen Versuchs war, eine Regierung mit Gewalt zu stürzen – der Freiämterputsch im benachbarten Aargau hatte neun Jahre früher stattgefunden –, hat es in den letzten 500 Jahren einige überraschende Bedeutungswandlungen durchlaufen. Wie gelangte das Wort in die Politik?
«Putsch ist ein sogenannt lautmalerisches oder onomatopoetisches Wort. Es ‘macht’ putsch, wenn zwei Dinge zusammenstossen», schreibt Christoph Landolt, Sprachwissenschaftler beim Schweizer IdiotikonExterner Link, einem Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache.
Landolt zitiert Quellen aus dem 19. Jahrhundert, in denen die Verben «putsche», «butsche» oder «pütsche» das Geräusch beschrieben, das entsteht, wenn jemand einen Stein wirft, eine Waffe abfeuert oder jemandem einen Schlag versetzt.
«Aus der lautmalerischen Bezeichnung des Klangs entwickelte sich schon früh die physische des Anstossens, Zusammenprallens», schreibt Landolt weiter. In der Zürcher Bibelübersetzung von 1525, Richter 19,22, heisst es: «Do kamend die lüt der statt […] und umgabend das huss und putschtend an die tür und sprachen zuo dem […] husswirt: bring den mann häruss, der in din huss kommen ist!»
Im geselligeren Rahmen war es auch ein Synonym für das Anstossen und Zuprosten. Landolt springt dann in die Gegenwart und fragt: «Wer fährt an der Chilbi nicht gerne Putschauto, wie man in der Schweiz verbreitet dem Autoscooter sagt?»
Laut dem Schweizer Idiotikon entwickelte sich aus dieser konkreten, physischen Bedeutung eine eher übertragene, speziell im Kanton Zürich, im Sinn von «ruckweise aufbrechen; losstürmen».
Landolt zitiert den weisen Rat: «bim Hüraate mues me nüd driipütsche», was so viel bedeutet wie: «Beim Heiraten soll man nichts überstürzen».
«Törichter emotionaler Impuls»
Was das Substantiv «Putsch» betrifft, so war dies ursprünglich ein durch einen Zusammenstoss, Aufprall, Knall oder Schuss verursachtes Geräusch sowie ein heftiger Ruck oder Schlag.
Eine weitere Bedeutung war «besondere Anstrengung». Das Schweizer Idiotikon vermerkt, dass der Berner Dramatiker Hans von Rüte bereits 1555 in einem Stück über Davids Kampf gegen Goliath schrieb, dass trotz des Siegs über die Feinde in einer einzigen Schlacht «der Putsch noch vorhanden ist (der Kampf noch nicht beendet ist)».
«Hübsch ist, dass das Schweizerische Idiotikon das Wort Züriputsch in zwei Bedeutungen kennt», so Landolt. «Zum einen in derjenigen spezifischen, die sich auf den eingangs beschriebenen Umsturz von 1839 bezieht. Und zum andern in einer allgemeinen und gar nicht schmeichelhaften, nämlich ‘plötzlicher, aber nicht nachhaltiger Anstoss, Anlauf zu einem Unternehmen’ (wie er dem Naturell des Zürchers entspricht).» Er hält fest, dass es von dort nicht weit zur Bedeutung sei von «Volksauflauf, Revolte».
Das Schweizer Idiotikon zitiert Anton Klingler, Oberpfarrer am Zürcher Grossmünster, der 1702 schrieb, dass «schon mancher Biedermann durch unbesinnte rasende Zürich-Pütsch in äusserstes Elend gestürzt worden» sei.
Diese Bedeutung machte der Schweizer Autor Gottfried Keller in seinem 1855 erschienenen Roman «Der grüne Heinrich» populär.
«Das Wort Putsch stammt aus der guten Stadt Zürich, wo man einen plötzlichen, vorübergehenden Regenguss einen Putsch nennt und demgemäss die eifersüchtigen Nachbarstädte jede närrische Gemütsbewegung, Begeisterung, Zornigkeit, Laune oder Mode der Züricher einen Zürichputsch nennen», schrieb Keller.
In aller Munde
Was die Verwendung des Worts «Putsch» im Englischen betrifft, so zeigt der Google Ngram ViewerExterner Link, der die Häufigkeit von Wörtern in gedruckten Quellen zwischen 1500 und 2022 darstellt, einen kleinen Ausschlag in den 1830er-Jahren.
Der Begriff nahm jedoch erst um 1915 richtig Fahrt auf, mit Höchstwerten während des Zweiten Weltkriegs und des so genannten Augustputschs in der Sowjetunion im Jahr 1991.
Heute ist das schweizerdeutsche Wort auf der ganzen Welt zu hören, in Sprachen wie Spanisch (el putsch), Portugiesisch (o putsch), Italienisch (il putsch), Französisch (le putsch) und vielen weiteren. Im Polnischen wird die Schreibweise etwas angepasst (pucz), ebenso im Esperanto (la puĉo).
Wie man es auch schreibt, die gute Nachricht lautet: Vorerst wird in der Schweiz nicht geputscht.
Editiert von Samuel Jaberg/gw, Übertragung aus dem Englischen: Christian Raaflaub
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