The Swiss voice in the world since 1935
Top Stories
Schweizer Demokratie
Newsletter

In dieser Arena werden aus Kühen Königinnen

2 Kühe, die kämpfen
Die Kuhkämpfe im Wallis sind ein Zeichen für die wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung dieser Rinder in den Bergregionen. Thomas Kern / SWI swissinfo.ch

Jeden Frühling verfolgen im Kanton Wallis Tausende von Menschen die Kämpfe der Eringerkühe. Doch was genau passiert in der Arena? Und woher stammt diese Tradition, die im Rhonetal so tief verwurzelt ist? Wir haben uns auf den Weg nach Martigny gemacht, um dies herauszufinden.

Die Luft ist kalt und mit Spannung geladen. In der Arena des römischen Amphitheaters von Martigny warten an einem Morgen Mitte März 15 Kühe im Kreis darauf, vom Halfter befreit zu werden.

Auf den Tribünen beobachten rund tausend Zuschauende mit tief ins Gesicht gezogenen Mützen die Szene – wie ein Standbild. Auf den Befehl des Richters «Eigentümerinnen und Eigentümer, befreit das Vieh» schütteln sich die Kühe, als würden sie von einem Stromstoss durchfahren. Der Kampf der Königinnen beginnt.

Im Mittelpunkt, die Schnauze am Boden und die Hörner aufrecht, pflügt NegraExterner Link mit den Hufen durch die Erde. Sie muss noch ihre Gegnerin wählen, gegen die sie die Hörner kreuzen will.

Um sie herum befinden sich Paare, die bereits mitten im Kampf sind, andere, die sich beobachten, sowie Kühe, die mit erhobenem Schwanz im Kreis herumlaufen. Schliesslich findet Negra ihre Antagonistin.

Das Horn einer Kuh
Die Hornspitzen dürfen nicht aus künstlichem Material bestehen. Mindestens zwei Zentimeter der natürlichen Hornspitze müssen sichtbar bleiben. Thomas Kern / SWI swissinfo.ch

Ihre Nüstern weiten sich, ihre Augen starren geradeaus und ihre Nackenmuskeln spannen sich. Dann kommt der Aufprall: Die beiden fast 700 Kilogramm schweren Tiere krachen mit den Köpfen zusammen.

Doch wenige Stösse mit den Hinterbeinen genügen, um die Gegnerin zum Rückzug zu bewegen. Sie entfernt sich. Das Kräfteverhältnis ist zu ungleich. So wird es auch bei den drei weiteren Qualifikationskämpfen sein. Negra wird ins Finale einziehen.

Hinter der Absperrung im Amphitheater verfolgt Gérard Rouiller nervös den Kampf. Er ist einer von vier Besitzenden von Negra. Mit ihm sind auch Nathalie Lugon, Pierre Mugnier und Michèle Lattion dabei. Sie sind leidenschaftliche Liebhaberinnen und Liebhaber der Kühe der Rasse d’Hérens – zu Deutsch: Eringer.

Ein präparierter Kuhkopf hängt an einer Wand
Eine besonders verehrte Königin aus alten Zeiten hat es über den Tierpräparator an die Wand des Nebenraums von Gérard Rouillers Stall geschafft. Thomas Kern / SWI swissinfo.ch

Sie haben Negra bei einem Kampf in Cogne im Aostatal entdeckt und sich sofort in sie verliebt.

«Der Kauf war eine Herzensangelegenheit», sagt Rouiller und verrät mit gedämpfter Stimme, dass die vier je 5000 Franken ausgegeben haben, um den Besitzer davon zu überzeugen, sie nach Martigny-Combe ziehen zu lassen.

Ausflug zwischen Kuhreihen

Im Spektakel, das sich an diesem Tag rund um das Amphitheater von Martigny abspielt, vermischen sich landwirtschaftlich-pastorale Tradition, persönliche Leidenschaft und das Verlangen nach gesellschaftlicher Anerkennung.

Es beginnt jeweils früh: Am Morgen, bei aschgrauem Himmel und halb vom Frühlingsschnee verhüllten Berggipfeln, ziehen die Tiere wie eine Parade an den Statuen der römischen Kaiser Cäsar, Augustus und Claudius vorbei.

Sie treffen nach und nach ein, geführt von ihren Besitzern und Besitzerinnen. Rund 180 Tiere – Kühe und Rinder – nehmen an den «matches» teil, wie die Kämpfe im französischsprachigen Unterwallis genannt werden.

Die Organisatoren der Veranstaltung, die Mitglieder der Züchtervereinigung «Pied du Château», erwarten sie bereits. Die Kühe werden gewogen, ihr Gesundheitszustand und ihre Hörner überprüft; sind diese zu spitz, werden sie mit Schleifpapier abgestumpft.

Schliesslich schreiben die Verantwortlichen mit einem Pinsel und weisser Farbe eine Nummer auf die Flanken der Tiere. Für Negra ist es heute die 58.

Nachdem die Kühe an Ketten angebunden wurden, gibt es um sie herum ein ständiges Kommen und Gehen. Die Züchterinnen und Züchter kehren zu ihren Fahrzeugen zurück, um Heusäcke, Taschen mit Trockenbrot, Eimer mit Getreide, Tischchen und Stühle, Taschen und Kühlboxen sowie ganze Pavillons zu holen.

Zwischen den Kuhreihen bilden sich Menschentrauben. Familienmitglieder, Freunde und Bekannte. Es wirkt wie ein Ausflug ins Grüne. Die stechende Luft beginnt nach Stallmist, Kaffee und Weisswein zu duften.

Die aus den Lautsprechern dröhnende Volksmusik überdeckt das Muhen und das Bimmeln der Kuhglocken. Das Warten beginnt. «Diese Nacht habe ich kein Auge zugetan», vertraut uns Nathalie Lugon an. «Aber jetzt ist das Schlimmste vorbei. Jetzt liegt es an ihr, sich Ehre zu machen.» Sie sagt das, während sie Negras Schnauze streichelt.

Die Kuh, Symbol eines ganzen Kantons

Die Rasse d’Hérens trägt den Namen des gleichnamigen Seitentals südlich des Rhonetals im Kanton Wallis. Die Kühe sind von mittlerer Grösse und haben eine robuste, muskulöse Statur. Sie zeichnen sich durch dicke, nach innen gebogene Hörner und ein einheitliches Fell aus, das von Schwarz bis Rotbraun reicht.

Ihr Hauptmerkmal ist jedoch ihr kämpferisches Temperament. Aus diesem natürlichen Verhalten ist die Tradition der Königinnenkämpfe entstanden. Anfänglich wurden diese ausschliesslich auf gemeinschaftlich bewirtschafteten Alpweiden abgehalten.

Wenn die Herden verschiedener Züchter aufeinandertrafen, musste nämlich ein Leittier bestimmt werden. «Die stärkste Kuh, die Königin, durfte auf den besten Weiden grasen, und mit ihr die Kühe aus ihrem Stall», schreibt der Walliser Historiker Thomas Antonietti in seinem Buch «Kein Volk von Hirten – Alpwirtschaft im Wallis»Externer Link.

Eine schwarze Kuh
Eines der Merkmale der Walliser Landschaftsbühne ist die zähe, braun- bis kohlschwarze Eringerkuh. Mit ihrem muskulösen, untersetzten Vorderkörper und dem untypisch feurigen Blick in den Augen ist sie das Bild einer Ringkämpferin. Thomas Kern / SWI swissinfo.ch

«Die Kuhkämpfe hatten daher nicht nur symbolischen und sozialen Prestigecharakter, sondern entsprachen auch praktischen Überlegungen. […] Wie bei prämierten Kühen auf Viehausstellungen steigerte auch die Krönung einer Königin auf der Alp den wirtschaftlichen Wert des Tiers.»

Auf der Alp verfolgten nur die Züchter die Kämpfe zwischen den Herden. Die Beliebtheit der Kuhkämpfe stieg, als sie ab den 1920er-Jahren im Flachland organisiert wurden. Die ersten Veranstaltungen fanden im Herbst nach dem Alpabzug in Montana und Martigny statt.

Der eigentliche Erfolg stellte sich jedoch erst ein, als die Kämpfe im Frühling ausgetragen wurden. Ab den 1960er-Jahren entwickelten sich diese zu einem Volksanlass, der oft von mehreren Tausend Menschen besucht wurde, von denen nicht alle aus dem bäuerlichen Umfeld stammten.

Laut Antonietti hat die Regionalisierung der Veranstaltungen zu einer semantischen Verschiebung geführt. «Die kämpfende Kuh wurde schrittweise zu einem Symbol des gesamten Kantons.»

Die Eringerkuh entwickelte sich zu einem Identitätstier des Wallis: Ihre Widerstandskraft und Zähigkeit wurden zur Metapher für die raue und wilde alpine Region und ihre Bewohnenden.

Der repräsentativste Moment dieser kantonalen Dimension ist das nationale Finale im Mai in Aproz, bei dem sich symbolisch das ganze Wallis versammelt. Dort werden wir Negra wiederfinden, die Kuh von Gérard Rouiller, Nathalie Lugon, Pierre Mugnier und Michèle Lattion.

Vier Personen trinken neben einem Viehanhänger einen Aperitiv
Gérard Rouiller, Nathalie Lugon, Pierre Mugnier und Michèle Lattion geniessen einen Apéro ausserhalb des Stalls der «Ferme Rita». Käse und Trockenwürste aus der Region und der Weisswein aus eigener Produktion gehören dazu. Thomas Kern / SWI swissinfo

In der Mitte der Arena, die Schnauze am Boden und die Hufe in die Erde gerammt, wird sie auf ihre Gegnerin warten – im Kampf, der sie zur Königin der Königinnen krönen könnte.

So wird gekämpft

Die Kämpfe der Eringerkühe folgen einem genauen RegelwerkExterner Link. Die Tiere werden in drei Gewichtskategorien eingeteilt, dazu kommen Erstlingskühe (bei der ersten Laktation) und Rinder. Der Tag sieht morgens Qualifikationsrunden und nachmittags Finalrunden vor, an deren Ende die Königin jeder Kategorie gekrönt wird.

Die Kämpfe werden von einer fünfköpfigen Jury geleitet, zu der auch ein Vorsitzender gehört. Sie sind dafür verantwortlich, das Reglement anzuwenden, Kühe auszuschliessen, die verlieren oder den Kampf verweigern, und die Endrangliste festzulegen. In der Regel wird eine Kuh ausgeschlossen, wenn sie dreimal verliert oder sich dreimal zurückzieht.

In der Arena sind auch die Rabatteurs (Treiber) tätig. Dabei handelt es sich um junge Leute, die auf Anweisung der Richter handeln. Ihre Aufgabe ist es, jeweils zwei Kühe zusammenzutreiben, um den Kampf zu fördern und gleichzeitig zu verhindern, dass andere Tiere die beiden Kontrahentinnen stören. Ausserdem führen sie ausgeschlossene oder kampfunwillige Tiere aus der Arena.

Die Kämpfe verlaufen nach dem System der progressiven Elimination: Während der Qualifikationsrunden treten Gruppen von 12 bis 16 Kühen gegeneinander an. Die fünf bis sechs Besten jeder Gruppe erreichen das Kategorienfinale.

Im Finale kämpfen die Teilnehmerinnen so lange gegeneinander, bis eine alle anderen dominiert und zur Königin der jeweiligen Kategorie ausgerufen wird.

Übertragung aus dem Italienischen: Christian Raaflaub

Mehr

Debatte
Gastgeber/Gastgeberin Zeno Zoccatelli

Ist Ihnen auch schon mal etwas Merkwürdiges über die Schweiz zu Ohren gekommen, das Sie fasziniert hat?

Gibt es eine Anekdote mit Schweizer Bezug, die Ihr Interesse geweckt hat? Teilen Sie diese uns mit, vielleicht berichten wir in einem Artikel darüber.

87 Likes
98 Kommentare
Diskussion anzeigen

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft