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300 Jahre Freimaurerei "Ein wichtiger Beitrag zur modernen Schweiz"

Temple maçonnique

Tag der offenen Tür im Dezember 2010: Einblick in den grossen Tempel im Logenhaus "Zum Neuen Venedig" in Basel.

(Keystone/Georgios Kefalas)

Die moderne Freimaurerei feiert in diesem Jahr ihr 300-jähriges Bestehen. Auch in der Schweiz ist dieses Jubiläum für die Freimaurer eine Gelegenheit, die Öffentlichkeit zu suchen und den zweifelhaften Ruf zu verbessern, der ihnen teils bis heute anhaftet. Interview mit einem Kenner der Materie, dem Historiker Olivier Meuwly.

Die moderne Freimaurerei entstand 1717 in England mit der Gründung der ersten Grossloge in London. Seitdem hat sich die Bewegung von ihren korporatistischen Ursprüngen in die Welt der Philosophie und der Ideen wegbewegt. Neu stand sie Menschen aus unterschiedlichen Milieus offen, die sich für eine von der Aufklärung inspirierte politische und soziale Entwicklung einsetzten.

Die Bewegung wurde im Laufe ihrer Geschichte aber auch gewaltsam bekämpft und verunglimpft, vor allem von der katholischen Kirche. Ihr hing ein zweifelhafter Ruf an.

Olivier Meuwly ist Historiker und Jurist. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher und Artikel über die Schweiz, die Parteien und die Volksrechte. Darunter "19 avril 1874. L'audace de la démocratie directe" von 2013 ("Der 19. April 1874. Das Wagnis der direkten Demokratie").



(Keystone)

Deshalb nutzen die Freimaurer das Jubiläum, um sich einer breiten Öffentlichkeit besser vorzustellen. Auch in der Schweiz finden mehrere Veranstaltungen statt. So auch kürzlich in Freiburg bei einer öffentlichen Konferenz im Gutenberg-Museumexterner Link.

"Wenn Sie hierhergekommen sind, um die Illuminatoren zu treffen, werden Sie enttäuscht sein", scherzt Olivier Boussard von der Freiburger Loge La Régénéréeexterner Link. Zwei ehemalige Grossmeister waren anwesend, um die Bewegung bekannter zu machen: Alain-Noël Dubart von der Grossloge von Frankreich und Jean-Michel Mascherpa von der Schweizerischen Grossloge Alpinaexterner Link.

Der Historiker Olivier Meuwly hat die Rolle der Freimaurer in der Schweizer Geschichte genauer unter die Lupe genommen.

swissinfo.ch: Wie definieren Sie als Historiker die Freimaurerei?

Olivier Meuwly: Es ist ohne Zweifel eine Gedankengesellschaft, die dazu beigetragen hat, die grossen revolutionären Prinzipien der Aufklärung im 18. Jahrhundert zu entwickelt. Im 19. Jahrhundert griff sie diese wieder auf und passte sie an, indem sie die liberalen Bewegungen begleitete. In der Schweiz geschah das vor allem durch die Unterstützung der Bewegung der Radikalen ab den 1830er-Jahren und die Beteiligung an der Entstehung des modernen Bundesstaates von 1848.

swissinfo.ch: Kann man sie als "philanthropisch" bezeichnen?

O.M.: Ja, auf das Wohl des Menschen bedacht sein ist in der Tat eines der Ziele der Freimaurerei. Ihre weiteren Prinzipien stehen in direktem Zusammenhang mit republikanischen Prinzipien und wurden im 19. Jahrhundert von den Radikalen aufgegriffen: Freiheit, Gleichheit und Solidarität. Bei der Verschmelzung dieser Prinzipien ist die Philanthropie zweifellos ein Element. Viele philanthropische Gesellschaften des 19. Jahrhunderts wurden von Freimaurern gegründet.

"In der Schweiz wurden die Probleme auf den Tisch gelegt, konservative Katholiken und Radikale haben sich versöhnt."

Ende des Zitats

swissinfo.ch: Aber Freimaurer waren nicht immer gut angesehen, vor allem auf katholischem Boden.

O.M.: Der Konflikt zwischen der Freimaurerei und der katholischen Kirche geht auf die Revolutionszeit zurück, als die Priester die "revolutionären Gräuel" als Werk der Freimaurer anprangerten – was übrigens nicht ganz falsch war. Seitdem sind die Beziehungen zwischen den beiden sehr schwierig. Die Schweiz bildet da keine Ausnahme. Aber es gelang hier besser, die Probleme auf den Tisch zu legen: Konservative Katholiken und Radikale haben sich versöhnt.

swissinfo.ch: War die Freimaurerei aus historischer Sicht ein positives oder negatives Phänomen für die Schweizer Politik?

O.M.: Wenn man bedenkt, dass der schweizerische Freisinn – ob es uns gefällt oder nicht – einer der Hauptakteure beim Aufbau des föderalen Gleichgewichts im 19. Jahrhundert war, dann kann man zweifellos sagen, dass die Freimaurerei einer der intellektuellen Vektoren war, die es den liberalen Ideen ermöglichten, in der Gesellschaft Fuss zu fassen und sich schliesslich durchzusetzen. Aber es gab auch andere intellektuelle und politische Akteure.

swissinfo.ch: Der Freimaurerei haftet ein zweifelhafter Ruf an: Die Rede ist von Geheimnissen, Verschwörungen oder seltsamen Riten. Ist das reine Phantasie oder ist da etwas Wahres dran?

O.M.: Die vermeintlich schädlichen Einflüsse sind reine Phantasie. Die Freimaurerei hat ihre Traditionen und Rituale. Von der katholischen Kirche oftmals sehr hart angegriffen, hat sie sich zurückgezogen und von Geheimnissen umgeben. Ich persönlich halte das für übertrieben. Aber das ist ihre Entscheidung, und die muss respektiert werden. Aber hinter diesen Geheimnissen nun Verschwörungen zu sehen, bedeutet in die Hirngespinste von Abbé Barruel einzustimmen, der zu denjenigen gehörte, die während der Revolution den negativen Mythos der Freimaurer schufen.

Freimaurerei in der Schweiz

Die erste Loge entstand 1736 in Genf.

Derzeit gibt es 86 Loges mit insgesamt rund 3700 Mitgliedern.

Im kommenden Frühjahr soll in Bern ein Freimaurerei-Museum eröffnet werden. Das museographische Konzept befindet sich noch in der Erprobung.

1934 lancierten (faschistische) Frontistenkreise eine Volksinitiative zum Verbot freimaurerischer Gesellschaftenexterner Link. Der Text war am 28. November 1937 von 68,7% der Bürger und allen Kantonen, mit Ausnahme des sehr katholischen Kantons Freiburg, abgelehnt worden.

Infobox Ende

swissinfo.ch: Was bleibt heute von der Freimaurerei noch übrig? Ist sie immer noch wichtig, oder zu einer Art Klub wie zum Beispiel Rotary geworden?

O.M.: Die Freimaurerei hat auch die Funktion eines Klubs. Wie viele andere eher alte assoziative Vereine sind es Gedankengesellschaften, die eine Rolle bei der Bildung des bürgerlichen Denkens spielen, die nicht zu vernachlässigen ist. Es sind Vereine, in denen philosophische – und damit ein wenig politische – Debatten selbstverständlich sind. Damit wird ein Beitrag zur Reflexion über den Republikanismus im weitesten Sinne geleistet, wie er heute gelebt werden soll oder kann.

swissinfo.ch: Aber wie kommt es zu diesem Einfluss? Im Gegensatz zu Parteien oder Verbänden geben die Freimaurer nie eine Parole heraus.

O.M.: Das Mauerwerk hat sich in der Schweiz selten und jeweils nur während sehr kurzer Zeit in die Politik eingemischt. In Frankreich ist das anders. Die radikal-sozialistische Partei zum Beispiel ist eine Schöpfung der Freimaurer.

Aber es wäre falsch zu sagen, dass die heutige Freisinnig-Demokratische Partei Schweiz, einschliesslich ihrer kantonalen Sektionen, eine Kreation der Freimaurerei sei. Es hat nie eine direkte Verbindung gegeben. Zu Einfluss durch Austausch und Diskussionen durch philanthropische Engagements kann es aber durchaus gekommen sein. Das ist aber nicht spezifisch für die Freimaurerei. Dies kann auch in anderen Milieus wie zum Beispiel in Militär- oder Studentenvereinen der Fall sein.


(Übertragung aus dem Französischen: Kathrin Ammann)


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