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Die Crypto-AG: Ein Spionage-Thriller aus dem Kalten Krieg

Die erste in der Schweiz hergestellte Maschine der Firma Crypto AG. Sie kam 1952 auf den Markt und war so gut, dass der US Geheimdienst ein spezielles Handbuch anfertigen liess um gewissen Kunden einfach zu knackende Codes zu geben. Dominik Landwehr

Die Schweizer Firma Crypto produzierte jahrzehntelang manipulierte Chiffriermaschinen. CIA und BND konnten damit die halbe Welt ausspionieren. Der Spionage-Thriller wurde erst im Februar 2020 aufgedeckt, nun gibt es einen offiziellen Bericht dazu. 

Dieser Inhalt wurde am 15. Dezember 2020 - 11:30 publiziert
Dominik Landwehr

Am 13. Mai 1952 gründete der Schwede Boris Hagelin die Crypto AG. Der erste Firmensitz befand sich im Chalet des Gründers in Zug. In der Stube arbeitete die Sekretärin, in der Garage montierten die Techniker Geräte. Ein Startup im heutigen Sinn war die neue Crypto AG allerdings nicht: Hagelin war vier Jahre zuvor mit einem prall gefüllten Rucksack in die Schweiz gekommen – er hatte Knowhow und Beziehungen und vor allem auch eine erfolgreiche Firma in Schweden: Die A.B. Cryptoteknik.

Hagelin-Maschinen und die USA 

Hagelin hatte vor dem Zweiten Weltkrieg eine Chiffriermaschine entwickelt, die etwa so gross wie eine Brotdose und deswegen besonders feldtauglich war: die M-209. Die USA kauften sie und liessen davon 140’000 Stück in Lizenz herstellen. Für eine enge Beratung durch den Erfinder war gesorgt: Nach der Besetzung von Norwegen und Dänemark durch die Nazis hatte sich der Schwede Hagelin 1940 zur Übersiedlung in die USA entschlossen.

Dort arbeitete er mit dem Kryptologen William F. Friedman zusammen, der den Signal Intelligence Service, den Vorläufer des NSA, mitgegründet hatte. Die beiden werden enge Freunde, und Friedman besucht Hagelin auch nach dem Krieg in der Schweiz. 1944 reist Hagelin zurück nach Schweden, 1948 wandert er in die Schweiz aus.

Einer der Gründe war die Haltung der Schweiz im Kalten Krieg: Schweden war zwar wie die Schweiz ein neutrales Land, aber man legte die Neutralität strenger aus. Schweden schränkte nach dem Krieg den Export von Chiffriermaschinen ein, weil man sie als Rüstungsgüter betrachtete. Die Schweiz versuchte den Begriff der Neutralität bewusst schwammig zu halten, um den Mächten im Systemkampf so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten.

Was ist Kryptografie? 

Kryptografie ist die Wissenschaft der Verschlüsselung. Sie wurde bereits im alten Rom angewendet, auch aus der frühen Neuzeit sind Verschlüsselungs-Methoden bekannt. 

Im 20. Jahrhundert begann man die Verschlüsselung maschinell zu betreiben. Ab den 70er-Jahren wurden die Maschinen elektronisch, und komplett neue Chiffrierverfahren wurden entwickelt. Moderne Verschlüsselungsverfahren sind heute Grundlage des sicheren Datenverkehrs und in jedem Handy oder Computer integriert. 

Im Kalten Krieg galt Kryptografie als Geheimwissenschaft. Dabei ist sie nichts anderes als angewandte Mathematik und exakt beschreibbar. Der erste, der sich für die Veröffentlichung der mathematischen Grundlagen der Kryptografie einsetzte, war der deutsche Mathematiker Friedrich L. Bauer (1924 – 2015). Sein Standardwerk “Entzifferte Geheimnisse: Methoden und Maximen der Kryptografie” wurde unzählige Male aufgelegt und übersetzt. 

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Hagelin schätzte die Schweizer Neutralitätspolitik deswegen als günstiger für seine Vorhaben ein, wenn auch in der Schweiz zum Beispiel die Exportrestriktionen der NATO galten. 

Beim Neustart in der Schweiz brauchte Hagelin Geld. William F. Friedman half bei der Suche nach Geldgebern. Das war kein selbstloser Freundschaftsdienst: Er nahm Hagelin in die Pflicht, mit seinen Geräten zukünftig auf US-amerikanische-Interessen Rücksicht zu nehmen. Dazu erhielt Hagelin eine Garantie, dass ihn die USA nicht mit weiteren Exportbeschränkungen behelligen werden. 

Die erste Maschine, die Hagelin in der Schweiz herstellte, schockierte die Amerikaner: Sie war zu gut. Um die damit verschlüsselten Nachrichten trotzdem lesen zu können, musste die Crypto AG ein spezielles Handbuch produzieren, das bewusst einfach zu knackende Einstellungen empfahl. 

Seine amerikanischen Partner machten ernst: Sie wollten mitlesen können – auch wenn andere Staaten verschlüsselten. Also produzierte Hagelin künftig Maschinen mit guten kryptografischen Algorithmen für die Schweiz, Schweden und die NATO-Staaten, und solche, die ganz leicht zu knacken waren, für alle anderen Länder, namentlich arabische Staaten. Damit war es für den amerikanischen Geheimdienst ein Leichtes, verschlüsselte Funksprüche auszuwerten. 

Die CD52 ist heute im Depot des Schweizerischen Nationalmuseums. Dominik Landwehr

Als sich Firmengründer Boris Hagelin 1970 aus der Firma zurückzog, kaufte die CIA zusammen mit dem deutschen Bundesnachrichtendienst (BND) die Firma über Mittelsmänner für nur 8,5 Millionen Dollar auf, nach heutigem Kurs etwa 35 Mio. Schweizer Franken. Die Geheimdienste konnten nun direkte Instruktionen an die Entwickler geben. Die so genannte “Operation Minerva” war eine der grössten Geheimdienst-Operationen seit dem Zweiten Weltkrieg. 

Nun konnten deutsche und amerikanische Agenten geheimste Nachrichten von über 100 Ländern mitlesen – man war im Bild über die Machenschaften des Terror-Regimes in Argentinien, über die Pläne des Irans oder Libyens oder Panamas. Die CIA und der BND hatten Informationen zum Falkland-Krieg 1982, zum libyschen Bombenattentat auf die Berliner Diskothek La Belle 1986 oder zur Geiselaffäre im Iran 1979 – alles wegen einer kleinen Schweizer Firma in Zug. 

Ritzt die Crypto-Affäre die Schweizer Neutralität? 

Die Crypto-Story wurde in den Medien, namentlich in den USA und in Deutschland,Externer Link thematisiert. Dennoch hagelte es bisher international keine Kritik: Offizielle Reaktionen von staatlichen Stellen gab es kaum. Die USA liessen verlauten, man äussere sich nie zu Geheimdienst-Operationen. Nur der frühere deutsche Kanzleramtsminister Bernd Schmidbauer bestätigte die Aktion vollumfänglich. Die abgehörten Staaten hielten still. Mit jeder Intervention hätten die Regierungen ihr eigenes Versagen eingestanden. 

Anfang November 2020 hat die Geschäftsprüfungs-Delegation des Schweizer Parlaments ihren BerichtExterner Link zu den Vorgängen vorgestellt. Ein Teil des Papiers ist öffentlich: Darin heisst es, die Operation als solche sei gemäss den damaligen und heutigen Rechtsgrundlagen legal gewesen, auch die Zusammenarbeit mit anderen Geheimdiensten. Kritik übt der Bericht am Schweizer Nachrichtendienst. Er habe es versäumt, die Exekutive in diese heikle Operation einzuweihen. Die Landesregierung hat nun bis nächsten Sommer Zeit, zu diesem Bericht Stellung zu nehmen. 

Die portable Chiffriermaschine CD 57 aus dem Jahr 1957. Sie wurde in zwei Versionen, einer starken und einer schwachen hergestellt und war sehr erfolgreich, auch die Bundesrepublik Deutschland nutzte sie und davon wurde sogar eine vergoldete Version hergestellt. Dominik Landwehr

Was wusste die Schweizer Regierung? 

War die Geschäftstätigkeit der Crypto AG mit der Neutralität der Schweiz zu vereinbaren? Der Zürcher Völkerrechtler Oliver Diggelmann sieht in der Affäre eine klare Verletzung des Neutralitätsrechts: “Ein dauerhaft neutraler Staat darf in einem Konflikt zwischen zwei Staaten nicht als quasi automatisch Verbündeter eines anderen Staates erscheinen, und die Schweiz war hier Handlanger amerikanischen Ausspionierens potenzieller Kriegsgegner.” Anders sieht das der Politikwissenschaftler Laurent Goetschel: “Die Frage ist nur relevant, wenn es die Behörden gewusst haben.” 

Offiziell, so erfährt man im Bericht, habe die Schweiz ab Herbst 1993 Kenntnis von der Crypto-Affäre gehabt und sei seit 2002 in der Lage gewesen, Nachrichten zu lesen, die mit schwachen Geräten verschlüsselt wurden. Doch es gab schon früher Hinweise darauf, dass die Crypto AG mit anderen Geheimdiensten zusammenarbeitete. 

Bereits Mitte der 1970er-Jahre meldete ein Entwicklungsingenieur, der die Firma dann 1977 verliess, Offizieren der Schweizer Armee und einem ehemaligen Bundesanwalt, dass die Crypto AG gezielt Geräte herstellte, die sich leicht knacken liessen. Die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft unter dem Tarnnamen ”Code” verliefen damals aber im Sand. Pikant: Die Akten dazu galten anfangs 2020 zunächst als verschollen und tauchten dann letzten Sommer in einer geheimen Kommando-Anlage auf. (Nicht zuletzt rügt der Untersuchungsbericht von 2020 den Umgang mit Akten.) 

1992 erregte die Crypto AG erneut Aufmerksamkeit: Ihr Schweizer Verkaufsingenieur Hans Bühler wurde in Teheran verhaftet mit dem Vorwurf, er sei ein Spion. Er blieb neun Monate in Haft. Nach seiner Rückkehr entliess ihn die Firma Crypto AG. Bühler informierte darauf die Medien über den wahren Grund für seine Verhaftung: Die Iraner hatten den Verdacht, die Crypto-Geräte hätten eine Hintertür für den US-Geheimdienst. 

Der Zürcher Journalist Res Strehle hat diese Geschichte jahrelang recherchiert und bereits 1994 ein erstes Buch darüber geschrieben. Im Sommer 2020 legte er ein zweites Buch zum Thema vor, nun konnte er hieb- und stichfeste Beweise vorlegen: “Wir haben seit über 25 Jahren gewusst, dass die Crypto AG mit den Geheimdiensten zusammenarbeitet, aber wir konnten es nie beweisen.” 

Die Bundespolizei ermittelte auch nach der so genannten Bühler-Affäre im Jahr 1994 und befragte über 20 Personen – wie in den 1970er-Jahren ohne Resultate. Allerdings wussten die Behörden spätestens ab diesem Zeitpunkt, dass die Crypto AG in den Händen der US-Geheimdienste war.

Geheimdienst-Experten gehen davon aus, dass der Nachrichtendienst sehr viel früher Bescheid wusste über die Geheimdienst-Operation und seine schützende Hand über die Firma hielt. Für die Exekutive, so vermuten sie, galt im Kalten Krieg die Devise: “Don’t ask, don’t tell”, oder: Was ich nicht weiss, macht mich nicht heiss. 

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