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Kartoffeln: Ernte gut, nicht alles gut

Nicht gern gesehener Bursche aus dem Boden: Riesenkartoffel (Bild von 1963). RDB

Das Kartoffeljahr 2011 ist rekordverdächtig. Doch die Bauern können nicht uneingeschränkt frohlocken: Die Grossverteiler drücken die Preise, die Verarbeiter wollen von den überdurchschnittlich grossen Knollen nichts wissen. Die Kühe freuts am Futtertrog.

60-120 lauten die Maximalmasse von «Charlotte». Mit Anzüglichkeit hat dies nichts zu tun, die Rede ist von der Kartoffel, der Frucht der Scholle schlechthin.

Ausgedeutscht: Kartoffeln der Sorte «Charlotte», der klassischen Speisekartoffel auf dem Teller von Herr und Frau Schweizer, dürfen einen Durchmesser von höchstens 60 Millimeter aufweisen und nicht länger als 120 Millimeter sein.

Sonst sind sie zu gross für das Regal des Grossverteilers respektive den Kochtopf, denn die Konsumentinnen und Konsumenten verlangen zunehmend kleinere Kaliber. Bei Industriekartoffeln, die in die Fritteuse oder im knisternden Chip-Sack landen, darf es etwas mehr sein.

Perfektes Kartoffel-Wetter 

Der trockene Frühling und insbesondere der sehr warme Herbst haben aber dafür gesorgt, dass die Knollen im Boden in grösserer Zahl pro Staude und förmlich über sich hinaus wuchsen.

Ruedi Fischer, Präsident der Vereinigung Schweizerischer Kartoffelproduzenten (VSKP), ist zwar etwas skeptisch gegenüber dem Begriff Rekordjahr und spricht vielmehr von einer  überdurchschnittlichen Ernte, wie schon im Jahr 2009. Manche Regionen verzeichnen Mehrerträge von 20% und mehr, während anderswo die Ernte normal ausfällt.

«Charlotte» auf dem Rückzug

«Nebst der Grossernte kommt dieses Jahr hinzu, dass das Marktumfeld sehr angespannt ist. Den Kampf um Marktanteile bekommen wir besonders stark zu spüren», sagt Fischer gegenüber swissinfo.ch. Dies betrifft insbesondere die klassischen Speisekartoffeln wie die «Charlotte», deren Konsum rückläufig ist.

Kleinere Probleme gibt es laut Fischer bei den Industriekartoffeln, die zu Pommes Frites oder Chips verarbeitet werden. «Hier wird die gesamte Ernte abgenommen. McDonalds etwa deckt den Bedarf an Pommes zu 100% mit der Sorte ‚Innovator‘ ab», so der Präsident der Branchenvereinigung.

Um einer Überproduktion entgegen zu wirken, musste die Abnahme in einigenen Regionen auf 35 Tonnen beschränkt werden. Dabei könnten Landwirte bis zu 50 Tonnen Kartoffeln liefern. Im Gegensatz zu noch vor zwei Jahren hilft der Bund heute finanziell nicht mehr aus, was die Abnahme der Überproduktion betrifft.

Kartoffeln fürs Vieh

Um Druck vom Markt zu nehmen, hat der Produzentenverband das System des internen Rückbehalts eingeführt. Für die so genannte Denaturierung eines Zentners erhält der Bauer 19 Franken. Damit ist nichts anderes gemeint als die Verfütterung der Kartoffeln an Nutztiere.

«Kühe fressen sehr gerne Kartoffeln. Für die Schweine müssen diese aber erst gedämpft werden», sagt Fischer. Er rechnet damit, dass dieses Jahr insgesamt mehrere 10’000 Tonnen Kartoffeln in die Futtertröge der Ställe landen.

«Die dümmsten Bauern haben die grössten Kartoffeln», heisst es im derben Volksmund. In diesem Jahr hat das Wetter die Knolle im Boden zu starkem Wuchs gepusht, ungeachtet der Intelligenz ihrer Pflanzer.

«Für den Bauern sind grosse Kartoffeln gar nicht gut», sagt Ruedi Fischer. Gerade bei einem Überangebot würden die Verarbeiter Kartoffeln, welche die Norm sprengten, gnadenlos zurückweisen.

Laut Fischer mussten sich die Bauern Vorwürfe gefallen lassen, sie hätten die Kartoffeln zu gross werden lassen. «Aber bei den hohen Spätsommer-Temperaturen ging es sehr schnell, schon nur über ein einziges Wochenende sind die Knollen stark gewachsen.»

Kapitalintensives Knöllchen 

Druck auf die Marktpreise sowie Denaturierung im Futtertrog sorgen also dafür, dass die Bauern die reiche Ernte aus den Kartoffeläckern nicht 1:1 in klingende Münze umwandeln können.

Ein weiterer Grund dafür: «Die Kartoffel ist die kapitalintensivste Kultur», wie Ruedi Fischer sagt. Es beginne schon beim Saatgut, würden doch für eine Hektare (10’000 Quadratmeter) Saatkartoffeln für rund 3500 Franken benötigt. Dazu kämen Pflanzenschutzmittel und Dünger für 2000 Franken pro Hektare. Und der Kartoffel-Vollernter schlage mit über 100’000 Franken zu Buche.

«Die Hektare Kartoffeln kostet den Bauern rund 9000 Franken, bevor nur ein Franken hereinkommt. Darin ist die Arbeit noch gar nicht eingerechnet», sagt Fischer.

Offiziell erhalten die Kartoffelpflanzer für 100 Kilogramm «Charlotte»-Kartoffeln 48 Franken, für die Industriesorte Agria gibt es 42.- pro Zentner.

«Das ist aber nur der ‚Brutto-brutto-brutto-Preis‘, denn davon werden noch Kosten für die Sortierung abgezogen, die Gebühr für die grossen Lagerungskisten, den Schwund (Gewichtsverlust während der Lagerung), die Ausfälle auf dem Feld (5-10%) und wegen beanstandeter Qualitätsmängel sowie eine Abgabe an den Produzentenverband.»

Netto löst der Bauer für den Zentner «Charlotte» 38 bis 40 Franken, für «Agria» 34 bis 37 Franken.

Klagen will der VSKP-Präsident aber dennoch nicht. Vielmehr streben er und der Branchenverband an, den im einstigen Agrarland Schweiz verbreiteten Kartoffelkonsum zu steigern, unter anderem mit Werbekampagnen.

Die Bevölkerung in der Schweiz isst jährlich rund 300’000 Tonnen Kartoffeln. Rund die Hälfte als Speisekartoffeln, die andere Hälfte verarbeitet als Pommes Frites, Chips etc.

Pro Kopf beträgt der Jahreskonsum 46 Kilogramm Kartoffeln. Damit liegt die Schweiz in Europa auf einer hinteren Position.

An der Spitze punkto Kartoffelkonsum liegen Lettland (147kg), Polen (126kg), Irland (123kg), Litauen (116kg) und Estland (107kg). Den Schluss macht Bulgarien mit 38kg (Zahlen 2006).

Ziel der Vereinigung Schweizerischer Kartoffelproduzenten (VSKP) ist es, den Kartoffelkonsum im einstigen Agrarland Schweiz wieder zu steigern.

In einem absoluten Spitzenjahr wie 2011 wäre die Eigenversorgung problemlos möglich.

Trotzdem werden Kartoffeln importiert, vor allem Frühkartoffeln im Frühjahr. Der gesamte Import beläuft sich auf 15’000 bis 20’000 Tonnen pro Jahr.

In der Schweiz gibt es fünf Betriebe, die Kartoffeln verarbeiten, grösstenteils zu Pommes Frites und Chips.

Die Menge der verarbeiteten Kartoffeln nimmt tendenziell zu. Marktanteile gewonnen haben etwa die Minikartoffeln. Dagegen ist die Nachfrage nach klassischen Speisekartoffeln wie der Sorte «Charlotte» rückläufig.

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