Schweizer Corona-App gegen zweite Welle in Betrieb

Marcel Salathé, Epidemiologie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne, war wesentlich an der Entwicklung von SwissCovid beteiligt, der dezentralen Schweizer Tracing App. Die Benützerinnen und Benützer sind gegen Datenmissbrauch geschützt. Keystone / Jean-christophe Bott

Ab heute steht die SwissCovid-App zum Download auf die Mobiltelefone zur Verfügung. Das schweizerische Kontaktverfolgungssystem zur Verhinderung der Verbreitung von Coronaviren garantiert die Privatsphäre und die Kontrolle der persönlichen Daten der Benutzer.

Sara Ibrahim

SwissCovid ist bereit, auf die Smartphones von mehr als acht Millionen Menschen heruntergeladen zu werden. Ab dem 25. Juni wird die App in den Apple- und Google-Playstores verfügbar sein, um von den Nutzern und Nutzerinnen dem "letzten Test" unterzogen zu werden.

Damit ist die experimentelle Phase abgeschlossen, an der seit dem 25. Mai mehr als 15'000 Personen teilgenommen haben. Die grösste Herausforderung besteht nun darin, so viele Bürgerinnen und Bürger wie möglich von der Verwendung zu überzeugen. Nur so kann die Wirksamkeit gewährleistet werden, so das Bundesamt für Gesundheit (BAG) und die Eidgenössischen Technischen Hochschulen in Zürich und Lausanne, die an der Entwicklung der Anwendung beteiligt waren.

"Diese App garantiert dank der Dezentralisierung der Informationen und der Bluetooth-Technologie, die eine Geolokalisierung ausschliesst, ein Maximum an Datenschutz und Privatsphäre", sagt Sang-il Kim, Leiter der Abteilung Digitale Transformation beim BAG.

Privatsphäre im Zentrum

Die SwissCovid-App verwendet ein dezentralisiertes Datenerfassungssystem, das vollständig darauf ausgelegt ist, die Privatsphäre der Benutzer zu respektieren und den Missbrauch persönlicher Informationen zu verhindern. Alle datenschutzsensitiven Operationen, wie z.B. die Kontaktanalyse zur Erkennung potenzieller Infektionen, werden direkt auf dem Mobiltelefon durchgeführt und nicht auf einem zentralen Server, wie dies bei zentralisierten Apps der Fall ist.

Diese Schlüsselfunktion stellt sicher, dass die von der App gesammelten Daten maximal 14 Tage auf dem Gerät bleiben. Nur im Falle einer durch einen Test bestätigten Infektion werden die Informationen (immer anonym und verschlüsselt) des infizierten Benutzers, der sich freiwillig dazu entscheidet, auf den zentralen Server des Bundes übertragen. Dies geschieht mit Hilfe eines von den kantonalen Behörden erhaltenen Codes.

"Zum ersten Mal wurde eine Lösung für Millionen von Menschen entworfen, bei der die Privatsphäre von Anfang an im Mittelpunkt steht."

Carmela Troncoso, Leiterin Projekt DP-3T

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Die SwissCovid-App ist die erste in Europa, die Programmierschnittstellen von Google und Apple verwendet, welche die Interoperabilität zwischen Android- und iOS-Geräten ermöglichen und den Benutzern die direkte Kontrolle über persönliche Daten vom Gerät aus ermöglichen. Das Protokoll verwendet eine grundlegende Verschlüsselung und Bluetooth Low Energy-Technologie, um zwischen zwei Smartphones, die während mindestens 15 Minuten weniger als 1,5 Meter voneinander entfernt sind, einen Annäherungskontakt herzustellen.

Laut Carmela Troncoso, Leiterin des DP-3T-Projekts (Decentralized Proximity Tracking), stellt dieses System einen bedeutenden Wendepunkt in der Art und Weise dar, wie Massentechnologien konzipiert und entwickelt werden. "Zum ersten Mal wurde eine Lösung für Millionen von Menschen entworfen, bei der die Privatsphäre von Anfang an im Mittelpunkt steht. Das ist noch nie zuvor passiert", sagt sie gegenüber swissinfo.ch.

Digitale Verfolgung als kritischer Punkt

Obwohl die Testphase die Robustheit des Systems unter dem Gesichtspunkt der Anonymität und des Datenschutzes bestätigt hat, könnten einige kritische Punkte zu einer ineffektiven Nachverfolgung führen.

Der erste betrifft das Risiko, falsch positive und falsch negative Ergebnisse zu erzeugen. Die zur Herstellung des Nahkontakts verwendete Bluetooth-Technologie wird in der Tat von verschiedenen externen Faktoren beeinflusst. Das Vorhandensein von Hindernissen wie Mauern und anderen Personen oder Objekten zwischen zwei Smartphones könnte die Genauigkeit der Erkennung beeinträchtigen. Die zweite grosse Herausforderung ist die Interoperabilität des Schweizer Systems mit Apps aus anderen Ländern.

Darüber hinaus sollte das Risiko nicht unterschätzt werden, dass Apple und Google in Zukunft ihre Standards aus Interessengründen ändern. "Google und Apple haben sich dafür entschieden, die Lösung mit dem geringsten Eingriff in die Privatsphäre zu implementieren.

Aber wer weiss, ob diese Geste des guten Willens nicht ein zweischneidiges Schwert ist, mit dem in Zukunft neue Datenerhebungsstandards oder sogar Datenmissbrauch gerechtfertigt werden sollen, um beispielsweise den Telemedizinmarkt zu dominieren?", fragen sich Matthew Dennis und Georgy Ishmaev, Forscher über die Ethik neuer Technologien und Daten an der Technischen Universität Delft.

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