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Schweizer Untersuchung bringt angolanischen Geschäftsmann ins Gefängnis

Der Genfer Finanzplatz steht im Zentrum eines angolanischen Betrugs- und Geldwäschereifalls. © Keystone / Martial Trezzini

Die Genfer Justiz sperrte mehr als 900 Millionen Franken auf dem Konto von Carlos Manuel de São Vicente, der des Betrugs und der Geldwäsche verdächtigt wurde. Das Verfahren blieb in Angola bis zu den Enthüllungen von Gotham City unbemerkt. Seitdem sitzt der Geschäftsmann hinter Gittern.

Dieser Inhalt wurde am 07. Oktober 2020 - 15:41 publiziert
Gotham City*

In Angola lebt fast die Hälfte der Bevölkerung von weniger als zwei Dollar pro Tag. Und doch wird das Land von der Weltbank als reich eingestuft. Wohin geht also das Geld, das in Afrikas drittgrösster Volkswirtschaft zirkuliert? Ein Teil davon zumindest geht in die Schweiz, wie Gotham City diesen Sommer enthüllte.

Am 27. August fanden auf Wirtschaftskriminalität spezialisierte Journalisten heraus, dass die Genfer Justiz seit anderthalb Jahren mehr als 900 Millionen Franken eingefroren hat. Die Gelder gehören Carlos Manuel de São Vicente, der einem Versicherungsimperium in Angola vorsteht. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Geschäftsmann vor, zwischen 2012 und 2018 fast eine Milliarde Franken von einer seiner Konzerngesellschaften, der AAA Seguros SA, auf sein persönliches Konto umgeleitet zu haben.

Eine Überweisung erregte die Aufmerksamkeit der Ermittler ganz besonders: Am 18. September 2018 wurden im Auftrag von Carlos Manuel de São Vicente in mehreren Tranchen insgesamt 213 Millionen US-Dollar an die Holdinggesellschaft der AAA-Gruppe überwiesen. All diese Transaktionen fanden innerhalb der Genfer Bank SYZ statt, wo der Angolaner zwischen 2012 und 2013 Konten für vier seiner Unternehmen eröffnete, darunter AAA Seguros SA und die Holdinggesellschaft, für die er jeweils Alleinunterzeichner und alleiniger Eigentümer ist.

In eben dieser Einrichtung eröffnete er auch sein persönliches Konto sowie weitere Konten "im Namen seiner Frau, seiner drei Kinder, seiner Schwestern und seiner Neffen und Nichten", wie dem Urteil des Genfer Strafgerichts vom 9. Juli 2020 zu entnehmen ist.

Verdacht auf Geldwäscherei

Die Gelder von Carlos Vicente machten damals etwa 4% des verwalteten Vermögens der Bank aus. Diese Überweisungen alarmierte die Bank SYZ. Sie meldete die Transaktionen der Meldestelle für Geldwäscherei meldete, die daraufhin eine Untersuchung einleitete und die Konten sperrte. In der Schweiz wurde der Angolaner im März 2019 von der Genfer Staatsanwaltschaft wegen Geldwäscherei angeklagt.

Seinen Angaben zufolge entsprach die Übertragung der 213 Millionen der teilweisen Rückzahlung von zwei Darlehen, die er selbst und zwei Konzerngesellschaften der AAA Seguros SA gewährt hatten. Es gilt nach wie vor die Unschuldsvermutung.

Der Fall nahm jedoch auch eine politische Wende. Carlos Vicente ist nämlich der Ehemann von Irene Alexandra da Silva Neto, Tochter des ersten Präsidenten Angolas sowie ehemalige Vize-Ministerin und Abgeordnete unter dem Präsidenten José Eduardo dos Santos. Einer der Minderheitsaktionäre von AAA Seguros SA mit einer Beteiligung von 10% ist sogar Sonangol E.P., die staatliche angolanische Ölgesellschaft.

Späte Reaktionen in Angola

Trotz der Entsendung eines Rechtshilfegesuchs der Genfer Staatsanwaltschaft nach Angola fand das Schweizer Verfahren gegen Carlos Vicente wenig Echo im Land – bis zu seiner medialen Enthüllung. Von da an konnte Präsident João Lourenço nicht mehr wegschauen.

Einige von Vicentes Vermögenswerte und die der AAA-Gruppe wurden in Angola beschlagnahmt. Die stellvertretende Justizministerin Angolas, Eduarda Rodrigues Neto, traf sich am 11. September in Bern mit Vertretern des Bundesamtes für Justiz, um dem Rechtshilfegesuch zu entsprechen.

Am 22. September wurde Carlos Manuel de São Vicente verhaftet und in Luanda in Gewahrsam genommen. Seine Einvernahme "ergab starke Hinweise auf Unterschlagung", "Machtmissbrauch", "Korruption" und "Einflussnahme", sagte der Generalstaatsanwalt Alvaro Da Silva Joao.

Für seine Frau Irene Neto ist es nichts anderes als ein "gerichtlicher und medialer Lynchmord" gegen "einen ehrlichen und ehrenhaften Bürger, der die angolanischen Gesetze respektiert". Im Jahr 2017, wenige Monate nachdem José Eduardo dos Santos als Präsident des Landes zurückgetreten war, gab Carlos Vicente der Zeitung "Novo Jornal" ein Interview und erklärte, Angola sei ein "Land der korrupten Menschen".

Gotham CityExterner Link wurde von den investigativen Journalisten Marie Maurisse und François Pilet gegründet und ist ein Newsletter zum Thema Wirtschaftskriminalität.

Es berichtet ihren Abonnenten jede Woche über Betrugsfälle, Korruption und Geldwäscherei im Zusammenhang mit dem Finanzplatz Schweiz, und zwar auf der Grundlage von Gerichtsdokumenten mit öffentlichem Zugang.

Jeden Monat wählt Gotham City einen seiner Artikel aus, ergänzt diesen und bietet den Lesern von swissinfo.ch freien Zugang.

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(Übertragung aus dem Französischen: Giannis Mavris)

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